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Frankfurter Anthologie : Anastasius Grün: „Poesie der Zukunft“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Cholera, Pest und die Revolution von 1848: Dieses Gedicht eines freiheitsliebenden Grafen ist hoffnungslos anachronistisch und zugleich erstaunlich aktuell.

          2 Min.

          Dieses Gedicht ist hoffnungslos anachronistisch und hochaktuell zugleich. Anachronistisch, weil der historische Kontext, auf den die Jahreszahl 1850 verweist, heute ebenso vergessen ist wie der Name des Dichters, der selbst Kennern deutschsprachiger Lyrik nichts mehr besagt. Anastasius Grün, geboren 1806 im heutigen Ljubljana, hieß mit richtigem Namen Anton Alexander Graf von Auersperg, verbrachte seine Kindheit auf dem Stammschloss seiner Familie in Unterkrain und studierte Jura und Philosophie in Graz. Unter dem unverfänglichen Titel „Spaziergänge eines Wiener Poeten“ trat er als politisch engagierter Dichter hervor, der die Zensur auf den Plan rief und so den Autoren des „Jungen Deutschland“ das Stichwort lieferte. Sein Buch wurde verboten, und Metternichs Polizeibehörde rätselte lange, welcher Freigeist sich hinter seinem Pseudonym verbarg. Auersperg alias Anastasius Grün nahm als Abgeordneter an der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche teil, und das Schicksalsjahr 1848, das mit der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution und erneuter Fürstenherrschaft endete, ist Thema des vorliegenden Gedichts.

          Die aus der Renaissance überlieferte Form des Sonetts eignet sich vorzüglich zur Darstellung von Trauer und Melancholie, und wie virtuos der Dichter Reim und Metrum handhabt, zeigt sich in der Wortkette Seele/Meere/Ähre/Kehle (wobei auch Ehre mitbedacht ist) ebenso wie in der beredten Klage „lange, lange“. Doch anders als in den Sonetten von Shakespeare oder Petrarca geht es nicht um individuellen Liebesschmerz, sondern um das Trauma eines blutig unterdrückten Freiheitskampfs, der sozialen und politischen Fortschritt verband oder, mit den Worten des jungen Marx: „Wir ... haben die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen.... Wir befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.“ Nachzulesen in „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

          Spaziergänge eines revolutionären Poeten

          So weit die historische Lesart des Gedichts, dessen Lektüre heute ganz andere als die vom Autor intendierten Assoziationen weckt. Ich musste beim Lesen an das Unheil denken, das derzeit unter der Bezeichnung Covid-19 Europa und den Rest der Welt heimsucht, ein Einschnitt, wie es ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hat und nach dem nicht mehr viel so sein dürfte wie zuvor. Das ist nicht zu weit hergeholt, denn Anastasius Grün schrieb ein langes Gedicht über die Choleraepidemie von 1831, der Hegel zum Opfer fiel, in dem es heißt: „Und es kommt ein furchtbar Sterben. Mit dem Tod wirst du vertraut, / Dass vorm eignen Spiegelbilde, ist’s noch wangenrot, dir graut“. Zwar bezieht die Totenklage im eingangs zitierten Sonett sich auf die Gefallenen der Märzrevolution, doch die rhetorische Gleichsetzung der Niederlage von 1848 mit Pest und Cholera hat eine stolze literarhistorische Tradition, und der Schlussvers des Sonetts „Noch währt die Zeit der Geier und der Raben“ ließe sich fast bruchlos auf die Gegenwart übertragen.

          Nach seinem Tod 1876 geriet Auersperg in Vergessenheit, anders als sein früh verstorbener Freund Niembsch von Strehlenau alias Nikolaus Lenau, dessen Gedichte er herausgab und mit dem er häufig verglichen wird. Was Anastasius Grün von Lenau unterscheidet, ist nicht der melancholische Weltschmerz, den beide empfanden, sondern sein poetischer Furor, der die verbrauchte Form des Sonetts sprengt, ein revolutionärer Elan, wie man ihn von einem österreichischen Feudalherrn am wenigsten erwartet.

           

          Anastasius Grün: „Poesie der Zukunft“

          Wo sie die wilde Schlacht geschlagen haben,
          O lauscht nicht auf dem Feld nach Lerchensange!
          Da kreischt die Krähe nur nach blankem Fange,
          Dann kommen erst die Geier und die Raben;

          Sie kommen zu beerben, zu begraben;
          Dann kommt Erstarrung, Schweigen, lange, lange,
          Bis spät der Sämann kommt vom nächsten Hange,
          Zu streuen seines Saatkorbs neue Gaben.

          Als läg’ im Körnlein eine Liederseele,
          Erhebt sich dann aus seinem Ährenmeere
          Die Lerche, eine sangbegabte Ähre. –

          „Wann steigt aus goldner Saat die goldne Kehle?“
          Mich dünkt, die Toten sind noch unbegraben,
          Noch währt die Zeit der Geier und der Raben.

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