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Frankfurter Anthologie : Doris Runge: „plötzlich“

Bild: Christa Kujath / F.A.Z.-Bildarchiv

In ihren Gedichten stellt Doris Runge Momente von unheimlicher Intensität ins Zentrum. In diesen Versen beschreibt sie eine häusliche Szene, die gefährlich werden könnte – und viele Fragen offen lässt.

          3 Min.

          Dass ein Gedicht einen Moment festhält und ausstellt, dass man mit ihm noch das Flüchtigste in aller Ruhe betrachten kann, gehört zu den Traditionen dieser Gattung. Doris Runges Gedichte greifen oft genug als Stillleben diese Tradition auf, wenn sie von Winterlandschaften oder Friedhöfen, vom Kleinstadtcafé oder vom Besuch eines Handwerkers erzählen, dann sind es immer wieder diese wie eingefrorenen Momente, die im Zentrum stehen, auch wenn das Davor und das Danach irrlichtern, ohne ausdrücklich benannt zu werden: „nein / das denke ich nicht / das tue ich nicht / nein / das würde ich / nie tun“, heißt es da etwa, und es bedarf gar nicht des Blicks auf den Titel des Gedichts „japanische messer“, um beim Lesen dieser Zeilen nervös zu werden: „ich bin eine gute / köchin / ich kenne / mein werkzeug“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Was also ging dem Moment voraus, den das Gedicht „plötzlich“ sogar im Titel zu tragen scheint, und was wird auf ihn folgen? Es scheint sich um eine häusliche Szene zu handeln, wahrscheinlich spielt sie sich sogar in der Küche ab, wo man den „messerschärfer“ vermuten möchte; einer oder eine trägt eine Rotweinflasche mit sich herum, genauer: „unterm arm“, was die Beweglichkeit stark einschränkt, während das Gegenüber, der oder die andere, offenbar den Messerschärfer in Reichweite hat, so dass man an ein heimisches Duell denken könnte.

          Wenn ja, dann herrscht wenigstens in einem Waffengleichheit: Auf „muss ich sie kennen“ folgt „muss ich ihn kennen“, beides kursiv hervorgehoben – sie, die Rotweinflasche? Ihn, den Messerschärfer? Beides steht in unmittelbarer Nähe zum jeweiligen kursiven Satz, aber genauso gut mag man dabei an Gesprächsfetzen denken, an Fragen, wie sie aus ganzen oder vielleicht auch nur angedeuteten Geständnissen resultieren, an Erzählungen über Bekanntschaften, die man gemacht hat, die harmlos scheinen sollen und es nicht sind, die schmerzhafte Konsequenzen haben könnten und für die das Paar dann einen Weg zwischen Rotwein und geschärften Messern finden muss.

          Heimische Küche wird zu gefährlichem Terrain

          All dies ist schillernd angedeutet und auf äußerst raffinierte Weise reduziert, die zwölf Zeilen sind offen für Deutungen, ohne sich je in einer zu erschöpfen, die Verweise gehen nicht auf und bilden doch in ihrer Gesamtheit eine Situation ab, die genau davon gekennzeichnet ist, von jagenden, widersprüchlichen Gedanken und Kontrollverlust. Was eben noch heimische Küche war, vertraut wie kaum ein Ort sonst, ist nun gefährliches Terrain, und für diese Ambivalenz findet Doris Runge nun das Bild des „bändchen / an dem ich hänge“, kein Halteseil also, das Sicherheit gibt, sondern ein schwacher Faden von womöglich immenser Bedeutung, ein Lebensfaden gar – nur dass die Entscheidung darüber, wie es nun weitergeht damit, auch nicht mehr „in meiner hand“ liegt, so wie die Schere.

          Was sich also dehnt bis zur Unerträglichkeit, ist nicht nur der Moment mit den verschwiegenen Eröffnungen zu denjenigen, deren Existenz in die bisherige Zweisamkeit hineinragt und den daran geknüpften kursiven Fragen – „ich werfe nichts mehr“, heißt es, ganz so, als ob das Werfen in einer solchen Situation vorher nichts Ungewöhnliches gewesen und nun die Erfahrung übermächtig ist, dass das nichts bringt.

          Das Gedicht „plötzlich“ steht in Doris Runges jüngstem Lyrikband, und die übrigen Texte spiegeln, ergänzen und konterkarieren es aufs schönste. So finden sich in „um ein haar“, einem Gedicht, das zu „plötzlich“ in einiger Verwandtschaft steht und im Titel ebenfalls auf einen entscheidenden Moment deutet, die Sorge darum, „nicht zu sehen / wie dein haar / weiß wird / an meiner / seite“. Und während der Text die Spannung aufbaut zwischen dem leichten Härchen und der schweren Bedeutung des Moments für diejenige, die sein Ausbleichen beobachtet, nimmt über die letzten sechs Zeilen des Gedichts auch deren Breite ständig ab, wie um die Zartheit des Haars mit den Mitteln der Textgestalt noch einmal zu unterstreichen.

          Wer mit wachen Augen sehen will, wie der andere neben einem selbst altert, der wirft nicht mit Messern, er schneidet auch nicht das Bändchen ab, das zwischen den beiden gespannt ist und trotz aller Beanspruchung noch hält. Gegen den Moment der schmerzlichen Eröffnung und des Kontrollverlusts hält er die Zeit: diejenige, die bereits vergangen ist und die man miteinander verbracht hat, und diejenige, die erst noch vergehen wird, eingeläutet in dem Moment, in dem sich das Haar weiß färbt. Mit allem, das zu diesem Prozess gehört, das hier zweifellos klar gesehen wird: und schließlich auf beglückende Weise bejaht.

          Doris Runge: „plötzlich“

          mit einer flasche
          rotwein
          unterm arm
          muss ich sie kennen
          und den messerschärfer
          muss ich ihn kennen
          ich werfe nichts mehr
          auch die schere
          für das bändchen
          an dem ich hänge
          ist nicht
          in meiner hand

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