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Frankfurter Anthologie : Phalaikos: „Kenotaph für einen Schiffbrüchigen“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Nur fünf Gedichte sind von ihm überliefert, über sein Leben weiß man so gut wie nichts. Doch spricht uns Phalaikos in diesen acht Versen über einen Schiffbruch auf dem Mittelmeer aus dem Herzen.

          Ein paar Quadratzentimeter weißes Papier, bedruckt mit einer Handvoll Wörter – mehr braucht es nicht, um größte zeitliche wie räumliche Distanzen zu überwinden. Man blättert die Seite um – und ein Dichter der Tang-Dynastie spricht einem plötzlich aus dem Herzen.“ Mit diesen Worten hat der Lyriker Jan Wagner eine Erfahrung beschrieben, die man beim Lesen von Gedichten immer wieder machen kann. In diesem Fall ist es ein griechischer Dichter des Hellenismus, der einem in nicht mehr als acht Versen und 81 Worten aus dem Herzen spricht: Phalaikos heißt er; er lebte wahrscheinlich gegen Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus. Ansonsten ist nichts über ihn bekannt, und nur vier weitere Gedichte von ihm sind überliefert.

          Dieses eine aber ist von bestürzender Aktualität. Selbst in einer Prosa-Übersetzung wie der vorliegenden kann man sich seiner Wirkung nicht entziehen: gewaltig ist es in seiner lapidaren Kraft, wuchtig in seiner Kürze. Es handelt sich um ein Epigramm, eine der ältesten Gattungen der antiken griechischen Dichtung; früheste Beispiele stammen aus dem achten Jahrhundert vor Christus. Am Anfang der Gattungsgeschichte waren solche Epigramme meist Inschriften auf Grabsteinen, die in aller Kürze Auskunft gaben über die an dieser Stelle Begrabenen. Später entstanden sie auch unabhängig von dieser ursprünglichen Form und Funktion und wurden Geschenken an die Götter beigegeben oder bei Symposien vorgetragen. Auch fing man an, sie in Büchern zu sammeln. Im Hellenismus konnten im Epigramm dann alle nur erdenklichen Themen behandelt werden: vom Mythos über Literatur, Philosophie und Religion bis hin zu Erfahrungen des Alltagslebens und der Liebe in all ihren Erscheinungsformen. Doch der Zusammenhang mit der Sepulkralkultur ist nie ganz aus dem Gedächtnis der Gattung verschwunden.

          Ein leeres Grab im Land der Väter

          Auch in diesem Epigramm ist er noch lebendig: Denn bevor es in die „Anthologia Graeca“ gelangte – eine berühmte, im Mittelalter angelegte Sammlung von beinahe viertausend griechischen Epigrammen aus einem Zeitraum von rund anderthalb Jahrtausenden –, war es eine Inschrift gewesen, und zwar auf einem Kenotaph, also einem – so die wörtliche Übersetzung – „leeren Grab“. Wie das Epigramm berichtet, hatte man das Kenotaph errichtet, nachdem ein nicht weiter bekannter Mann namens Phokos bei einem Schiffbruch im Ägäischen Meer ums Leben gekommen war. Bestattet werden konnte er nicht. Doch das Ehrenmal, das der Ertrunkene „im Land der Väter“ erhielt, war eine Stätte, wo man wenigstens seiner gedenken und um ihn trauern konnte: Hier konnte seine Mutter Promethis fortan Klage führen um ihren vorzeitig und „in der Fremde“ verstorbenen Sohn. Und dem Epigramm nach hat sie das auch getan: „alle Tage“, „dem Klagevogel gleich in ihrem Geschick“.

          Wo stand dieses Kenotaph? Wie sah es aus? Wir wissen es nicht, genauso wenig wie wir wissen, wer Phokos und Promethis waren und wo sie lebten, geschweige denn, warum Phokos sich in seinem schwarzen Schiff auf das Meer begeben hat. Auch das Schiffsunglück und die Namen der Beteiligten wären längst vergessen, wenn es nicht das Epigramm des Phalaikos gäbe: Es allein hat die Zeiten überdauert und erinnert noch heute an das Schicksal jenes Phokos und seiner Mutter.

          Von großer Bedeutung ist die Form, in der dies geschieht: Denn das Epigramm ist überaus kunstvoll gebaut (was man anhand einer Prosa-Übersetzung leider nur bedingt nachvollziehen kann). Im Original liegen den Versen drei verschiedene Metren zugrunde: Archilochicus, jambischer Trimeter und Hexameter. Sie wechseln sich nach einem bestimmten Schema ab, sodass niemals zwei Verse in demselben Metrum aufeinander folgen. Dadurch aber wird man als Leser gezwungen, ständig – mit Kafka gesprochen – die Laufrichtung zu ändern. An keiner Stelle kommt man bei der Lektüre zur Ruhe. So meint man etwas zu spüren von der Bewegung, in die der Südwind mit seiner Gewalt das Schiff des Phokos versetzte, bevor es unterging, und etwas vielleicht auch von der verzweifelten Trauer seiner Mutter.

          Auf diese Weise kann das Epigramm auch Lesern des 21. Jahrhunderts aus dem Herzen sprechen, die niemals zuvor von Phalaikos, Phokos und Promethis gehört haben. Mühelos überwindet man die zeitliche Distanz von mehr als zweitausend Jahren, die uns von der Entstehungszeit des Epigramms trennt. Und man fragt: Wer errichtet Kenotaphe für die im Mittelmeer Ertrunkenen von heute? Wer schreibt Epigramme, in denen ihrer gedacht wird? Wer spricht von den Klagen der Mütter?

          Phalaikos: „Kenotaph für einen Schiffbrüchigen“

          Phokos ging in der Fremde zugrunde. Denn der Woge konnte sein schwarzes

          Schiff nicht entrinnen und hielt ihr nicht stand.

          Nein, zum tiefen Grund des Ägäischen Meeres ging er hin

          durch die Gewalt des Südwinds, der bis in die Tiefe des Meers blies.

          Ein leeres Grab aber erhielt er im Land der Väter, an dem Promethis,

          seine Mutter, dem Klagevogel gleich in ihrem Geschick,

          wehe, ihr Kind beweint alle Tage

          und dabei klagt, dass er vor der Zeit zugrunde gegangen sei.

           

          Aus dem Griechischen von Niklas Holzberg.

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