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Frankfurter Anthologie : Peter Paul Althaus: „In der Traumstadt“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Landschaftsverband Westfalen-Lip

Nichts ist in dieser „Traumstadt“ wirklich, alles aber wahrscheinlich. Ihr Dichter ist ziemlich verrückt nach Musik und hat mit politischer Korrektheit nichts am Hut. Man muss ihn einfach lieben.

          2 Min.

          Dieses Gedicht ist, um das Mindeste allen Empörten gleich vorneweg zu sagen: völlig unkorrekt - politisch, sexuell, gender-, ethno- und wahrscheinlich auch tierschutzmäßig. Kein Lyriker, der, noch bei Verstand, um seine eh schon geringe Auflage fürchtete, brächte heute den Mut auf, „Neger“ hinzuschreiben und eine weiße Frau, die schon im Namen das Verklemmtheitsnegligé der Ete-peutête-Haftigkeit trägt, Schlangen (Penis-Symbol!), die ein schwarzer Mann bändigt, „namenlos und selbstvergessen“ hingebungsvoll umträumen zu lassen - „und wahrscheinlich noch viel unanständiger“. Wobei der schwarze Mann auch noch in sozusagen erotischer Kolonisation vor die Schlafzimmertür verbannt bleibt! Die obendrein minnezeitlich mittelalterlich die Grenze einer „Kemenate“ bildet!

          Kein heutiger Lyriker würde so was dichten können. Umso schlimmer freilich für die heutigen Lyriker. Denn es ist ein wunderbares Gedicht. Weil es ganz aus Musik besteht und in Rhythmus und Melodie dem „Wiegenlied“ aus der Suite für Violine und Klavier op. 79d von Max Reger folgt, das man natürlich auch für Flöte und Klavier bearbeiten kann. Und so ist der „Neger“, ohne den es reimlich korrekterweise keinen „Reger“ geben kann (wenn man denn für Dichtung andere Korrektheitsregeln akzeptieren mag als für, sagen wir, Ete-peutête-Wortputzkolonnen), als Bearbeiter tätig gewesen. Und er hat dafür ja auch alle Lizenzen. Die musikalischen sowieso. Die dichterischen aber auch. Denn er ist wie seine Gräfin Teil des Personals einer „Traumstadt“.

          Witzigste Dämmerungsdichtung

          Darin vermietet „ein Grimassenschneider Leihgesichter“; löscht im Dom ein „blinder Küster vor dem Bild des heiligen Sinister dessen Kerzenlichter in dem Lüster“; schreiten zwölf feierliche Vögel, „die hatten Zylinderhüte auf den Köpfen, mit denen mußten sie Wasser schöpfen“, hinter einem Trommler her, der zur Richtstatt sich schleppt; tanzen spindeldürre „Klavieristen“, kleine Elefanten und ein schönes Fräulein „mit Sägemehl im Leibe“ samt einem greisenhaften Eisverkäufer durch Claude Debussys Piano-Suite „Childrens Corner“; träumt ein Pferd von einem Kutscher, der Hufe hat; verklirrt eine Gassenhauermelodie „in unmöglichen 6/7 Takten unversehens vor dem Denkmal Wolfgang Amadeens“. Man sieht: Der Dichter der „Traumstadt“ ist ziemlich verrückt nach Musik. Schon deshalb muss man ihn lieben.

          Und natürlich ist es in der Traumstadt „nächste Woche, wenn es anderswo erst diese Woche ist; oder aber: eine längst verfloss’ne Frist wird zuzeiten dort erst eine kommende Epoche“. Und also darf der „riesenhafte Neger“ seine Schnabelflöte blasen und in den feuchten Träumen einer Gräfin auf den sanft schwingenden Sechsachtel-Takten Max Regers herumspuken. Und alle Schlangen bändigen - auch die anständigen.

          Nichts ist in der Traumstadt wirklich, alles aber wahr und scheinlich. Zwischen Tag und Nacht. „In der Traumstadt“ ist witzigste Dämmerungsdichtung. Verfertigt hat die Gedichtsammlung 1951 ein heute leider so gut wie Vergessener: Peter Paul Althaus (1892 bis 1965), kurz PPA genannt, geboren in Münster, gestorben in Schwabing. Dort, in der Treibhausluft überm weiland Münchner Künstlerhumus, umschwirrte er in den zwanziger Jahren als Exoten-Hummel Stefan George, Karl Wolfskehl, Erich Mühsam, Klaus und Erika Mann, Rainer Maria Rilke, Pamela und Kadidja Wedekind. Und dort fungierte später der Dramaturg, Lektor, Übersetzer (aus dem Sanskrit), der Kabarettist im von ihm mitgegründeten Münchner „Monopteros(s)“, der Hörspielautor, Regisseur und Dichter: als „Traumstadtbürgermeister“. Als solcher wurde er vom Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel von Gleich zu Gleich als „Kollege“ angesprochen. Es waren eben andere Zeiten. Man durfte noch träumen.

          Peter Paul Althaus: „In der Traumstadt“

          Vor dem Schlafgemach der Gräfin Ete la Peutête

          steht ein riesenhafter Neger,

          und er spielt auf einer sonderbar geformten Schnabelflöte

          Schnabelflötenwiegenlieder von Max Reger.

           

          Und die Fremden, welche durch die Traumstadt reisen,

          fragen sich verwundert, was des Negers Tun bedeutet,

          wenn der Schwarze, bald mit lauten Tönen, bald mit leisen,

          flötend vor dem Schlafgemach der Gräfin

          auf und nieder schreitet.

           

          Sei’s den Fremden mitgeteilt:

          Der Neger muß geträumten Schlangen,

          die der Gräfin Ete la Peutête Schlummer stören -

          daß es ihnen nicht gelinge, in die Kemenate zu gelangen -

          muß der Neger sie, die Schlangen

          mit dem Flötensang beschwören.

           

          Und die Gräfin Ete la Peutête träumt zufolgedessen

          statt von Schlangen von dem Schlangenbändiger,

          hingegeben, selig, namenlos und selbstvergessen,

          und wahrscheinlich noch viel unanständiger.

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