https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-paulus-boehmer-marie-13657046.html

Frankfurter Anthologie : Paulus Böhmer: „Marie“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Es ist eines der wenigen kurzen Gedichte, die es von Paulus Böhmer gibt. Gleichwohl wirft es eine große Frage auf: Lässt uns das Obszöne womöglich Gott näher sein als alle politisch korrekte Distanzsprache?

          2 Min.

          Es ist schwer, etwas Gültiges über jemanden zu sagen, der sein Leben lang an einem einzigen langen Gedicht zu schreiben scheint. Auf dem Druckbild der Mittelachse übersetzt Paulus Böhmer die Rhythmik des Lebens und Liebens, des Vernaschens und Verdauens, des Einatmens und Ausscheidens in einen uferlos mäandernden Strom, wie ihn auf ihre Weise nur wenige Dichter der Moderne hervorbrachten: Walt Whitman mit seinen „Leaves of Grass“, Saint-John Perse mit „Anabase“, Ezra Pound mit den „Cantos“.

          Böhmer selber hat betont, dass ihn weniger Arno Holz’ impressionistisch wuchernder „Phantasus“ als der Furor von Gregory Corsos Beat-Rhapsodie „Bomb“ inspiriert hat. Dem war er als Student bei Walter Höllerer begegnet, und mit Christoph Meckel, Günter Bruno Fuchs und Johannes Bobrowski gehörte er zu jenen legendären „Spiritustrinkern“ des literarischen Vor-68er-Berlin. Doch von Großstadt – Böhmer lebt seit 1973 in Frankfurt am Main – ist keine Rede im vorliegenden Gedicht, einem der wenigen kurzen, die es von ihm gibt.

          Mystik des Frivolen

          „Marie“ kommt von weit her, von sehr weit weg in Raum und Zeit, aus einer lang schon übersehenen Landschaft – es könnte Böhmers oberhessische Kindheitslandschaft sein –, einer (nein, nicht: gottverlassenen) ehemals zeichen- und wundergläubigen Gegend, wo man sich noch Geschichten vom lieben Gott erzählte („Was/denken Farne?/Wie steht der Falke zu Gott?/Was hält das Lamm so still“), sich womöglich noch immer erzählt, wenn die aufgeklärte Welt nicht hinschaut, unter der über beide Ohren gezogenen Steppdecke (hessisch „Kolter“) von der Schönheit der Jungfrau Maria flüstert, munkelt, staunt, schwärmt und stänkert, ja schamlos lästert, dass es am Ende selbst den lieben Gott erbarmt, der doch so manches zu hören bekommt. Gut möglich, dass sich Gott aber auch vor innerlichem Kichern auf die Lippen beißt, hat er doch höchstselbst das schönste Weibsbild seit Eva in die Welt gesetzt (oder etwa nicht?). Nun darf er sich nicht mehr über die Gedanken wundern, die sie nächtlich heraufbeschwört. Das „so nackt wie das Vieh“ geborene Menschenkind hat so wenig, woran es sich sonst erbauen kann.

          Es ist nicht auszuschließen, dass gerade das Obszöne die Chance bietet, Gott näher zu sein als alle politisch korrekten oder ideologisch verbratenen Sprachen des Erdballs, in denen er unsichtbar bleibt. Das Obszöne ist nur die spiegelverkehrte Seite des Heiligen, dessen Sprache jedoch bis auf weiteres vom „offiziellen Kirchenjesus“ (Klaus Kinski) gepachtet ist. In den unüberhörbaren Anklängen an das Kirchenlied, in der litaneiartigen Wiederkehr des Namens „Marie“ bewahrt Paulus Böhmer den Nimbus des Unaussprechlichen, und er verknüpft es mit dem Albern-Profanen („Über dem Pudding“), dem Erhabenen („im abströmenden Sternwind“) und dem Mystischen („im/Nachglühen des Corpus“), um jener so mittelalterlichen wie barocken, uns unendlich ferngerückten Erfahrung der göttlichen Allgegenwart teilhaftig zu sein. In all ihrer Schönheit und Abgründigkeit haben die Dichter und Mystiker sie immer nur zu umschreiben, nie zu beschreiben gewagt.

          Dante brauchte dafür die 99 Gesänge seiner „Commedia“, Böhmer, zuletzt mit dem Robert-Gernhardt- und dem Peter-Huchel-Preis bedacht, schwärmt seit Erscheinen seines großen „Kaddish“ endlos wie das Wasser weiter für den „Sammetbau“ Mariens, die er mit großgeschriebenem gottesfürchtigem Du anredet, keiner weiß, ob aus Andacht oder Frivolität.

          Paulus Böhmer: „Marie“

          Lieg eine Kolter auf,

          die riecht, die riecht nach Marie.

          Ich war so nackt wie das Vieh. Mit Marie.

          Darunter. Darauf.

           

          Über dem Pudding,

          am Abend, verlöscht

          im abströmenden Sternwind, im

          Nachglühen des Corpus, eben noch,

          noch: Marie.

           

          Was

          denken Farne?

          Wie steht der Falke zu Gott?

          Was hält das Lamm so still?

          Marie, oh Marie.

           

          Ach Purple, ach Viola,

          Braunes Hospiz zur Frau:

          War doch eben noch Gast

          in Deinem Sammetbau.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Pro-russische Kräfte auf einem Panzer mit der Aufschrift „Russland“ in der Region Donezk

          Krieg in der Ukraine : Wie Russland seine Strategie im Donbass ändert

          Statt durch eine große Zangenbewegung versucht das russische Militär in der Ostukraine nun die Verteidiger in kleinen Kesseln zu binden. Dazu setzt Moskau laut Angaben Kiews auf eine erdrückende Übermacht.
          Neue grüne Hoffnung: Mona Neubaur

          Grüne in NRW : Mona Neubaurs Weg zur Macht

          Der neue grüne Popstar will es so machen wie Robert Habeck – bloß nicht im Bund, sondern in Nordrhein-Westfalen. In ihrem Bundesland ist Spitzenkandidatin Neubaur die Königsmacherin.
          Ein Mann hält ein Baby auf dem Arm.

          Geburt des ersten Kindes : Warum junge Väter immer älter werden

          Männer sind im Schnitt bei der Geburt ihres ersten Kindes deutlich älter als Frauen. Werden sie auch in Zukunft immer älter? Die Gründe, warum die Deutschen immer später im Leben eine Familie gründen, sind gut erforscht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch