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Frankfurter Anthologie : Olav H. Hauge: „Wie lang hast du geschlafen?“

  • -Aktualisiert am

Bild: Olav H. Hauge Archiv

Befreie dich von deinen Träumen, glaube nicht, dass es mehrere Welten gibt, vergiss deine Allmachtsfantasien! All diese Botschaften stecken in diesem Gedicht von Olav H. Hauge, dem Vorbild von Karl Ove Knausgård.

          Mit dem Aufwachen ist es so eine Sache. Manchmal ahnt man das bevorstehende Pensum, klammert sich an die Reste des köstlichen Schlafs und kneift die Augen zu. Ein andermal wieder ist man heilfroh, den verwirrenden Träumen entkommen zu sein, und schlägt erleichtert die Augen auf. Endlich ein neuer Tag!

          Dass dieses optimistische Erwachen ein Wagnis sein könnte, spürt man erst später, wenn sich die Traumbilder auf störende Weise in die alltäglichen Wahrnehmungen einmischen. Dann kann es passieren, dass das scheinbar Fraglose auf einmal als fraglich erscheint und die vertraute Welt als fremd.

          Der Weise vom Fjord

          Die ersten drei Zeilen des um 1980 entstandenen Gedichts fragen ganz direkt: Du wagst es, die Augen aufzuschlagen? Du wagst es, dich umzuschauen? In dieser Frage klingt der Respekt vor einer Kühnheit mit, aber auch die fürsorgliche Warnung: Befreie dich von deinen Träumen, glaube nicht, dass es mehrere Welten gibt, vergiss deine Allmachtsfantasien! Denn: „Du bist hier, / hier in dieser Welt, / du träumst nicht, / sie ist so wie du / sie siehst, / die Dinge hier / sind so.“

          Der so Angesprochene reibt sich die Augen und fragt, als ob er blöde wäre: „So?“ Mitleidlos kommt die Antwort: „Ja, grad so, / nicht anders.“ Und mit nicht gelindem Spott folgt die Frage, die auch dem Gedicht seinen Titel gibt: „Wie lang hast du geschlafen?“ Zu lang vermutlich. Zu lang jedenfalls, um gleich zu begreifen, dass die Wirklichkeit eine ziemlich simple, unhintergehbare Tatsache ist.

          Zunächst sind wir geneigt, in diesem kleinen Dialog zwei Personen zu sehen, eine familiäre Szene vielleicht. Mancherlei können wir uns vorstellen, am wahrscheinlichsten jedoch ist, dass wir es mit einem Selbstgespräch zu tun haben, dem philosophischen Selbstgespräch des Dichters. Neigt er nicht dazu, die Welt zu poetisieren? Die Wirklichkeit mit seinen Metaphern, Klängen und Rhythmen zu überhöhen? Ja, das würde er gerne tun, alter Tradition folgend. Doch das kritische Ich fällt ihm ins Wort: Die Welt ist so, wie du sie siehst, „grad so“. Und das heißt ja auch: Du hast es in der Hand, wie die Welt aussieht, aber nur dann, wenn du genau hinguckst, wenn du nicht träumst, nicht spintisierst oder poetisierst.

          Und weil diese Erkenntnis - ein etwas zu großes Wort, denn eigentlich handelt es sich nur um eine heitere Selbstermahnung -, weil diese Erkenntnis die allereinfachste ist, die man sich denken kann, hat auch dieses Gedicht die allereinfachste Form. Es verzichtet auf jeglichen poetischen Zauber. Es sagt, wie es ist, und das ganz leise, ganz behutsam, mit einer kleinen Beimischung von Selbstironie.

          Im zweiten Band seiner autobiographischen Romane „Min Kamp“, auf Deutsch unter dem Titel „Lieben“ erschienen, diskutiert der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård mit einem Schriftstellerfreund über Sinn und Ziel des Schreibens - und damit seines Lebens überhaupt. In dem kontroversen Gespräch erwähnt er den norwegischen Lyriker Olaf H. Hauge, dessen mehr als dreitausend Seiten umfassende Tagebücher ihm während einer Krise Trost gespendet hätten.

          Knausgårds Vorbild

          Hauge (so der quasi-fiktive Knausgård) habe „unablässig“ für das Ideal, dem er habe entsprechen wollen, gekämpft - und zugleich dagegen, wie er tatsächlich gewesen sei. „Er hatte einen unglaublich starken Willen, diesen Kampf auszufechten. Und das bei einem Mann, der im Grunde nichts tat, nichts erlebte, nur las, schrieb und auf einem kleinen dämlichen Hof an einem kleinen dämlichen Fjord in einem kleinen dämlichen Land am Rande der Welt in seinem Innern diesen Kampf ausfocht.“ In diesem Dichter sieht Knausgård sein Vorbild.

          Olav Håkonson Hauge, geboren 1908, gestorben 1994, war im Hauptberuf Obstbauer und lebte am westlichen Zipfel des 170 Kilometer langen Hardangerfjords. Er war ein äußerst belesener Autodidakt, und er hat die norwegische Lyrik mit Übersetzungen von Hölderlin, Brecht, Yeats und Rimbaud beflügelt. Seine eigenen Gedichte, die in der von Klaus Anders herausgegebenen Sammlung zugänglich geworden sind, besingen den Vogelflug und den Lauf der Sterne, den Fels im Wasserfall und den Fingerhut auf der Wiese, sie grübeln über Sinn und Ziel des Lebens. Oft sind sie kurz wie ein Augenblick und handlich wie ein Werkstück. Es sind Zeugnisse einer errungenen Weisheit.

          Vielleicht muss man an einem Fjord gelebt haben, um derlei schreiben zu können - fern aller Moden und Künsteleien. Auch wer sich aus Fjorden nichts macht, kann sich bei Hauge zu Hause fühlen.

          Olav H. Hauge: „Wie lang hast du geschlafen?“ / „Kor lenge har du sove?“

          Das wagst du,

          schlägst die Augen auf

          und schaust dich um?

          Doch, du bist hier, hier

          in dieser Welt,

          du träumst nicht,

          sie ist so wie du

          sie siehst, die Dinge hier

          sind so.

          So?

          Ja, grad so,

          nicht anders.

          Wie lang hast du geschlafen?

           

          ***

           

          Dette vågar du,

          slå augo upp

          og sjå deg ikring?

          Jau, du er her,

          her i denne verdi,

          du drøymer ikkje,

          ho er slik du

          ser henne, tingi her

          er slik.

          Slik?

          Ja, nett slik,

          ikkje onnorleis.

          Kor lenge har du sove?

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