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Frankfurter Anthologie : Johann Caspar Schade: „Ohne Titel“

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Bild: ÖNB

Eine frühe Vorform konkreter Poesie: Lange vor Helmut Heißenbüttel und Franz Mon schuf ein Kirchenlieddichter ein Sprachgebilde, das fünf Worte in ein typographisches System zwingt.

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          Dieser Text fand sich 1698 im Nachlass eines pietistisch geprägten Kirchenlieddichters und Predigers in Berlin. Sein Verfasser, eigenwillig, streitbar und wortmächtig, hatte weithin Aufsehen erregt, war aber auch wütend angegriffen worden. Selbst Johann Caspar Schades Leiche suchte der Pöbel noch aus dem Grab zu zerren.

          Als ein Gedicht mag man sein merkwürdiges Sprachgebilde kaum bezeichnen. Was man beim ersten flüchtigen Lesen wahrnimmt – gar schon, was man erfassen könnte, wenn das Ganze nicht sichtbar vor Augen stünde, sondern lediglich vorgelesen würde, ist doch nur eine willkürlich anmutende Anhäufung der fünf Worte, die in der ersten Zeile stehen und in verwirrendem Wechsel ihrer dort vorgegebenen Abfolge dann immerfort wiederholt werden.

          Wiederholung der immer gleichen Worte

          Bei genauer Betrachtung freilich wird hier sehr wohl ein typographisches System erkennbar. Ein durchgehender Bauplan zeichnet sich ab, der keinerlei Willkür zulässt. Auf hoch komplizierte Weise reguliert er das Schriftbild des Textes in all seinen Zügen.

          Die hier sichtbare Wiederholung der immer gleichen Worte in ständig vertauschter Reihenfolge war als ‚Permutation‘ eine der sprachspielerisch experimentellen Techniken ‚konkreter Poesie’, die um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in Analogie zu abstrakter Malerei aufkam. Da wurden aus wiederholten Kurzsätzen, Einzelwörtern oder bloßen Buchstaben gegenständliche Schriftbilder geformt, die man lesend betrachten musste, aber meist gar nicht mehr vorlesen konnte. Eugen Gomringer war dafür zuständig, und in deutscher Sprache beteiligten sich daran auf unterschiedliche Weise etwa Helmut Heißenbüttel, Ernst Jandl, Franz Mon oder Gerhard Rühm. Johann Caspar Schades permutierender Text (den Heißenbüttel bei seinem Briefwechsel mit Heinrich Vormweg vor Augen hatte) bildet insoweit eine der frühen Vorformen konkreter Poesie.

          Striktes Strukturgebot

          Jede seiner fünf Strophen besteht aus einer längeren Eingangszeile mit fünf einsilbigen Worten und aus vier nachfolgenden Zeilen mit jeweils vier solchen Worten („bistu“ steht immer für „bist du“), wobei hier jedes Mal dasjenige Wort ausgespart wird, das bereits am Strophenbeginn erscheint. Gleichsam als Überschrift für das Ganze und als seinen Quelltext führt die allererste Zeile fünf Worte vom 2. Vers des 63. biblischen Psalms in ihrer dort vorgegebenen Reihenfolge an: „GOTT/du bist mein GOTT.“

          Das, versteht sich, liest man waagerecht. Ebenso aber stellt das Schriftbild mit dem weit nach links herausgerückten ersten Wort aller fünf Strophen diesen Psalm-Vers auch in der Senkrechten vor Augen. Und überdies zeigen sich die Strophen kreuz und quer miteinander verklammert. Jeweils ihr mit durchgehenden Großbuchstaben hervorgehobenes Schlusswort bildet dann links außen das gleichgeschriebene Eingangswort der nachfolgenden Strophe. Gegen dieses strikte Strukturgebot verstößt nur in der vorletzten Strophe ein Versehen, das wohl der überforderte Drucker zu verantworten hatte. Die dritte Zeile: „bistu GOtt / GOTT.“ gehörte hier zweifellos ans Ende. So korrigiert entsprechen, wiederum in senkrechter Folge, auch die Schlussworte der ersten vier Strophen dem Satz des Psalmisten.

          Das Herz ausgeschüttet

          Keine dieser fünfundzwanzig Zeilen zeigt die gleiche Abfolge der zugrundeliegenden fünf Psalmworte. Auch fällt da kein einziges eigenmächtiges Wort. Eigenmächtig erscheinen nur die aus der Wortstellung resultierenden Fragezeichen nach dem „bist du“. Aber jede permutierende Zeile gibt den vorgegebenen Text durch eine andersartige Wortfolge auch auf andere Weise zu lesen und zu befragen, zu bedenken und zu beherzigen. Das kann man nachvollziehen.

          Als ein in formaler Hinsicht frühes Beispiel konkreter Poesie war das doch keineswegs nur ein experimentierfreudiges Sprachspiel. Das Schlusswort eines Gebetes hat Johann Caspar Schade darunter geschrieben: „AMEN.“ Der Pietist Philipp Jacob Spener, der es im Nachlass des Verstorbenen fand und in seiner Leichpredigt veröffentlichte, gab „Dem christlichen Leser zur Nachricht“, es habe der „über die Anfangs-Worte des 63. Psalms übende“ Freund hier – „sein Hertz ausgeschüttet“!

          Johann Caspar Schade: „Ohne Titel“

          GOTT / du bist mein GOTT.
          bistu mein GOtt?
          GOtt du bist mein.
          Du GOtt bist mein.
          mein GOTT bist DU.
          DU GOtt bist mein GOtt.
          mein GOtt / bist GOtt.
          bist mein GOtt / GOtt.
          GOtt / GOtt bist mein.
          GOtt mein GOtt BIST.
          BIST du GOtt mein GOtt?
          mein GOtt / du GOtt.
          du mein GOtt / GOtt?
          GOtt / du mein GOtt.
          du GOtt / GOtt MEIN?
          MEIN GOtt / bistu GOtt?
          GOtt / du bist GOtt.
          bistu GOtt / GOTT.
          GOtt / GOtt bistu.
          GOtt / du GOtt bist.
          GOTT / GOtt bistu mein?
          mein GOtt du bist.
          bistu / GOtt / mein?
          GOtt / du mein bist.
          GOtt / mein bistu.

           

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