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Frankfurter Anthologie : Charles Baudelaire: „Ohne Titel“

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Bild: Picture Alliance

Er wollte den Ruhm, nicht den Skandal. Doch mit den „Blumen des Bösen“ wurde er zum Inbegriff des Poète maudit, des verfemten Dichters. Dieses Gedicht zeigt ihn von der ungewohnten Seite des Idyllikers – und führt doch ins Zentrum seines Werks.

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          Charles Baudelaire hat sehr lange gezögert mit der Veröffentlichung seines Hauptwerks. Er wusste genau, der bleibende Ruhm, den er als Dichter wollte, hing nur an diesem einen Buch, den „Fleurs du Mal“. Am 25. Juni 1857 war es gedruckt, am 20. August wurden Autor und Verleger wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral und der guten Sitten“ zu Geldstrafen verurteilt, sechs Gedichte verboten. Baudelaire war wie vernichtet. Das Buch trug jetzt einen Makel, und nicht nur durch die herausgeschnittenen Gedichte. Dass die „Blumen des Bösen“ krass provozierende Seiten enthielten, wusste er natürlich genau, doch als bloße Provokation hatte er sein Werk nie verstanden: Baudelaire wollte den Ruhm, keinen Skandal. Den Ruhm hat er schließlich bekommen, aber trotzdem, der schändliche Prozess gehört auf immer zum Ursprungsmythos der modernen Poesie, nicht weniger als der Pariser Flaneur, die flüchtige Passantin in der Großstadt, die Melancholie, der „Ennui“, die Allegorie.

          Dieser Ruf des Unmoralischen, Skandalösen, den er so hasste, hat auf Dauer einen anderen Baudelaire verdeckt, von dem dennoch einige der schönsten Gedichte zeugen. Ein solches, rasch übersehenes Gegenbild findet sich gegen Ende des Kapitels „Tableaux Parisiens“, also unter jenen Großstadtgedichten, die der Autor im Geist der bukolischen Tradition Vergils nicht nur ironisch „Hirtenlieder“ nannte; so unscheinbar, dass Baudelaire seine Mutter am 11. Januar 1858 eigens darauf hinwies: „Sie haben nicht gemerkt, dass die Blumen des Bösen zwei Gedichte enthielten, die Sie betreffen oder doch zumindest auf intime Einzelheiten unseres früheren Lebens anspielen, – das eine: Ich hab’s nicht vergessen, bescheiden und weiß . . . (Neuilly), und das andere, folgende: Die Dienerin mit dem großen Herzen, auf die du eifersüchtig warst . . . (Mariette)? Ich habe diese Gedichte ohne Überschrift und ohne deutliche Hinweise gelassen, denn es ist mir grässlich, das intime Familienleben zu prostituieren.“ Gegenüber so berühmten Paris-Gedichten wie „Der Schwan“ oder „Die Abenddämmerung“ kann man „Ich hab’s nicht vergessen . . .“ tatsächlich als Nebensache empfinden, ist es doch das für Baudelaire Unmögliche: eine Idylle.

          Das Glück einer Zeit vor dem Sündenfall

          Es ist kein Sonett, folgt keiner klassischen Form, hat keine Strophen, keinen Titel, Satzbau und Wortwahl sind gleich mit den ersten zwei paargereimten Versen von größter Schlichtheit: „Je n’ai pas oublié, voisine de la ville, / Notre blanche maison, petite mais tranquille“; so könnte es einer auch fast beiläufig im Gespräch sagen, wenn er sich an vergangene Zeiten erinnert. Baudelaire wurde am 9. April 1821 in Paris geboren, sein Vater starb bereits im Februar 1827, und den nun folgenden Sommer verbrachten Mutter und Sohn in ihrem weißen Häuschen im Pariser Vorort Neuilly. Die Idylle nimmt bereits im nächsten Jahr ein Ende, als Madame Baudelaire zum zweiten Mal heiratet; seinen Stiefvater, den General Aupick, wird Charles niemals akzeptieren. An der Revolution 1848 beteiligt er sich vor allem um seines Schlachtrufs willen: „Erschießt den General Aupick!“

          Die zehn Verse wecken die Erinnerung an das Leben des Sechsjährigen, suchen das Glück in einer Zeit vor dem Sündenfall des Erwachsenwerdens. Baudelaire, der sich in „Zwei barmherzige Schwestern“ hochpathetisch zum „Feind der Familien“ erklärt; Baudelaire, der die lesbische Liebe feiert und die Fortpflanzung verdammt; dieser Baudelaire stillt ein einziges Mal alle Sehnsucht nach der Überwindung des „Ennui“ in der familiären Intimität. Die Mahlzeiten sind schweigsam und lang, doch niemals langweilig. Der „Ennui moderne“, jene Langeweile, Lähmung, Leere, die aus dem Substanzverlust des Lebens entsteht, aus dem Vorherrschen des Imaginären, der medialen Verdopplung und Ersetzung der Wirklichkeit, ist ausgeschlossen aus diesem Bild. Und doch wirft auch die Idylle einen dunklen Schatten, denn im „Ich hab’s nicht vergessen“ des Sohnes klingt zugleich der Vorwurf an die Mutter, sie ihrerseits habe genau das längst getan.

          Nichts ist für Baudelaire stärker als das Gefühl der Vergänglichkeit. All jene Empfindungen, welche die „Blumen des Bösen“ von Anfang bis Ende verdunkeln: Schwermut, Trauer, Reue, sind rückwärtsgewandte Empfindungen eines Menschen, dem die Vergangenheit alles bedeutet, die Zukunft nichts. So wie für ihn das wahre Paris jenes „alte Paris“ bleibt, das „nicht mehr ist“, so ist ihm die Welt nur dann wirklich, wenn sie erlebt ist – und damit vergangen. „Jeder lyrische Dichter“, schreibt Baudelaire einmal, „vollzieht durch seine eigene Natur unvermeidlich eine Rückkehr in das verlorene Eden.“ Worauf der späte Nachfolger Philippe Jaccottet antwortet: „Nirgends ist Baudelaire bewundernswerter als dort, wo er sich dieser ,Rückkehr‘ überlässt“, und wahlverwandt findet er sie bei jenem anderen Baudelaire hinter der Maske des Dandys, Zynikers, Provokateurs, bei seinem schlichten Blick auf „das Alltägliche, das Nahe, das Gegenwärtige“.

          Nein, dieses so kleine, unscheinbare Gedicht ist alles andere als ein Nebenwerk. In vollkommener, ganz ungeschützter Gestalt vereint es die großen Motive der „Fleurs du Mal“: die Erinnerung, das Vergessen, die Trauer, die wiedergefundene Kindheit. Es ist beispielhaft für den Versuch, „aus dem Vergänglichen das Ewige zu gewinnen“ – das nämlich war für Baudelaire die Definition seiner Modernität. Drüben, jenseits vom Stadtrand, lärmen die betäubend lauten Straßen des modernen Paris, wo kein Stein lang auf dem anderen bleibt: „Die Form einer Stadt wandelt sich schneller, ach! als eines Sterblichen Herz.“ Hier, diesseits, in einem kleinen weißen Haus, im Garten zwei antike Statuetten, lebt ein Stück Ewigkeit, der Tisch, die einfache Mahlzeit, die glühende Abendsonne, der ewige Himmel – nicht anders brachen die Hirten Vergils unter der gleichen Sonne das gleiche Brot.

          Charles Baudelaire: „Ohne Titel“

          Ich hab’s nicht vergessen, bescheiden und weiß
          unser Haushinterm Stadtrand, klein aber leis;
          die Pomona aus Gips, die Venus, schon alt,
          sie versteckten sich nackt im dürftigen Wald,
          und am Abend die Sonne, prachtvolle Glut,
          im Fenster sich brechend zu sprühender Flut,
          schien ein forschendes Auge am Himmelszelt
          uns lange zur schweigsamen Mahlzeit gesellt,
          weithin überströmte wie Kerzen ihr Licht
          den Vorhang aus Serge und das karge Gericht.

          Aus dem Französischen übersetzt von Wolfgang Matz

           

          Je n’ai pas oublié, voisine de la ville,
          Notre blanche maison, petite mais tranquille,
          Sa Pomone de plâtre et sa vieille Vénus
          Dans un bosquet chétif cachant leurs membres nus ;
          – Et le soleil, le soir, ruisselant et superbe,
          Qui, derrière la vitre où se brisait sa gerbe,

          Semblait, grand œil ouvert dans le ciel curieux,
          Contempler nos dîners longs et silencieux,
          Et versait largement ses beaux reflets de cierge
          Sur la nappe frugale et les rideaux de serge.

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