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Frankfurter Anthologie : Horaz: „Ode 4,3“

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Bild: Picture-Alliance

Niemand hat die Lyrik von Horaz so meisterhaft übersetzt wie Friedrich Hölderlin. In diesen Versen geht es um die Stellung des Dichters in der Gesellschaft – eine Frage, die beide Schriftsteller verbindet.

          Wenn Dichter andere Dichter übersetzen, wird es interessant. Man hat es dann meist mit Angelegenheiten des Herzens und des Kopfes zu tun, bei denen vieles zusammenkommen kann: die Bewunderung für den übersetzten Dichter, der Wunsch, von ihm zu lernen, aber auch Ehrgeiz und Konkurrenz, oft in einer schwer zu trennenden Mischung. Dann wird das Geschäft des Übersetzens noch problematischer, es als ohnehin schon ist, nicht selten wird es dann aber auch besonders produktiv.

          Ein Musterbeispiel für einen solchen Fall ist diese Übersetzung einer Ode des Horaz, die Friedrich Hölderlin wohl um die Mitte des Jahres 1798 anfertigte, die er aber nicht veröffentlichte. Man wüsste gerne, warum, denn es ist die poetischste aller Übersetzungen dieser Ode in die deutsche Sprache.

          Zunächst muss man sich aber fragen, warum Hölderlin aus den mehr als hundert Oden des Horaz (neben einer anderen) ausgerechnet diese ausgewählt hat. Sicher spielten dabei Fragen der Form eine Rolle: Nachdem er eine längere Zeit gereimte Gedichte nach dem Vorbild Schillers verfasst hatte, schrieb Hölderlin damals Gedichte, denen die komplizierten Strophenformen der antiken Odendichtung zugrunde lagen, der „Aeolischen Lieder“, wie Alkaios, Sappho und eben Horaz sie gedichtet hatten. Er war nicht der erste deutsche Dichter, der dies versuchte, vor allem Klopstock, den er verehrte, war ihm darin vorausgegangen. Doch Hölderlin wollte nicht nur an den modernen Nachahmungen, sondern auch an den antiken Originalen Maß nehmen. Und dies tat er meisterhaft: Kein anderer deutscher Dichter hat diese schwierigsten aller metrischen Formen so mühelos bewältigt wie Hölderlin, keiner hat sie mit einer solchen Musikalität erfüllt wie er.

          Diskrepanz zwischen Übersetzer und Übersetztem

          Um sich in ihnen zu üben, hätte er freilich nicht unbedingt diese Ode wählen müssen. Zudem hat er überraschenderweise darauf verzichtet, sie metrisch zu übersetzen, und sich stattdessen für Prosa entschieden. Wie aber ist seine Wahl dann zu erklären?

          Zweifellos hängt sie auch mit der Thematik der Ode zusammen, in der es um den Dichter und seine Stellung in der Gesellschaft geht, ein Thema, das Hölderlin selbst immer wieder behandelt hat, wenn auch ganz anders als Horaz. Als dieser seine Ode verfasste, befand er sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms: Wenige Jahre zuvor hatte Kaiser Augustus ihn damit beauftragt, für die Jahrhundertfeier im Jahr 17 vor Christus ein Chorlied zu dichten. Das „Jahrhundertlied“, das Horaz daraufhin schrieb, wurde als ein Höhepunkt des Festes von einem großen Chor zuerst auf dem Palatin und dann auf dem Kapitol aufgeführt.

          Eine größere öffentliche Anerkennung war für einen Dichter kaum denkbar. Insofern dürfte die Selbstdarstellung des Horaz in seiner Ode nicht weit von der Realität entfernt sein: Er könnte in Rom damals wirklich als berühmtester „Saitenspieler“ der Zeit auf der Straße erkannt worden sein. So fühlte er sich als ein von der Muse Melpomene Auserwählter, der seinen Ruhm nicht als Faustkämpfer (das ist gemeint), Feldherr oder Wagenlenker gewonnen hatte, sondern als Dichter. Dafür dankt er der Muse.

          Verglichen damit war die Situation, in der Hölderlin sich im Jahr 1798 befand, bedrückend. Als Dichter hatte er bisher kaum Erfolge vorzuweisen, nur wenige seiner Gedichte waren überhaupt gedruckt worden, und Schiller, der ihn förderte, behandelte ihn mitunter wie einen unreifen Schüler. Auf bewegende Weise kommt die Schwierigkeit seiner Lage in der ein Jahr nach der Übersetzung entstandenen Ode „Abendphantasie“ zum Ausdruck: „Wohin denn ich?“, heißt es hier. Und in einem Brief aus dem Jahr 1801 schrieb Hölderlin dann den erschütternden Satz: „Aber sie können mich nicht brauchen.“

          Größer könnte die Diskrepanz zwischen dem Übersetzer und dem von ihm Übersetzten also gar nicht sein: hier der unbekannte Außenseiter, dort der allseits geschätzte Staatsdichter. Vielleicht war dies auch ein Grund dafür, dass Hölderlin seine Übersetzung nicht veröffentlicht hat, vielleicht war das Gefühl, den Ruhm des Horaz selbst niemals erreichen zu können, zu stark.

          Und doch gibt es keine poetischere Übersetzung dieser Ode ins Deutsche. Neben den präzise rhythmisierten Satzkonstruktionen und der edlen Klanglichkeit fallen einzelne Formulierungen ins Auge: Zum Beispiel ersetzt Hölderlin das „dichte Laub“ der Haine durch die „dichten Locken“, eine Metapher, die er in eigenen Gedichten noch wiederholt verwendet hat. Und wer dächte bei „des Schwans Stimme“ nicht an die „holden Schwäne“ aus „Hälfte des Lebens“, die dort ebenfalls für die Dichter stehen? Am schönsten aber ist die Wendung, mit der Hölderlin den „süßen Klang“ der goldenen Leier wiedergibt: als „süßes Rauschen“. Man meint es hören zu können. Und so rauscht es durch die Jahrtausende.

          Horaz: Ode 4,3

          Auf wen einmal, Melpomene, du,
          Da er geboren ward, mit Wohlgefallen geblickt,
          Dem wird der Isthmische Kampf nicht
          Geben des Fechters Ruhm, noch wird das muntere Roß
          Auf dem Achäischen Wagen ihn
          Als Sieger führen, noch die Kriegsmacht ihn mit Delischen
          Blättern geziert als Feldherrn,
          Weil er der Könige schwülstige Drohungen
          Geschlagen, vors Capitolium stellen,
          Aber die das fruchtbare Tibur vorüber fließen
          Die Wasser und die dichten Locken der Haine,
          Werden ihn trefflich bilden zum Aeolischen Liede.
          Die Söhne Roms, der Städtefürstin
          Achten es wert, mich unter die liebenswürdigen
          Chöre der Dichter zu setzen:
          Und schon werd‘ ich von minder neidischem Zahne gebissen.
          O die du ordnest der goldenen Leier
          Süßes Rauschen, Pieride,
          Die du auch stummen Fischen
          Des Schwans Stimme zu geben vermöchtest, gefiel es dir!
          Dein Werk ist es einzig,
          Daß, wenn sie vorübergehn, mit dem Finger mich zeigen
          Als den Saitenspieler auf Römischer Leier:
          Daß ich atme und gefalle (wenn ich gefalle), von dir ists.


          Aus dem Lateinischen von Friedrich Hölderlin

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