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Frankfurter Anthologie : Theodor Storm: „O bleibe treu den Toten“

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Bild: © epd-bild / akg-images

An die christliche Wiederauferstehung glaubte er nicht. Die Toten in diesem Gedicht von Theodor Storm werden auf andere Weise am Leben erhalten.

          2 Min.

          Dies ist ein Gedicht für den November, wenn draußen Nebelschwaden hängen, es kaum hell wird und auch die Gedanken ins Grau geraten. Im November ist es auch geschrieben worden, im Jahr 1848, aber für Theodor Storm war die Auseinandersetzung mit dem Tod nicht von Stimmungen abhängig, mit ihm beschäftigte er sich immer wieder, der Tod bedrängte ihn, war gegenwärtig, trieb ihn zum Schreiben. Die einleitenden Verse drücken es mit ihren Aufforderungen aus, beschwören die Toten geradezu herauf, und wenn diese Verse am Ende wiederholt werden, dann sind sie durch die dazwischenliegenden Strophen ausgeführt und bekräftigt worden.

          Die Toten dieses Gedichts befinden sich nicht in einem Jenseits, sondern weiterhin auf Erden, allerdings „wesenlos“, das heißt ohne materielle Realität. Die christliche Auferstehungshoffnung teilte Storm nicht, auch deshalb bedrängte ihn der Tod so stark.

          Sind Storms Tote also Gespenster, was zu dem Vorurteil passen würde, dass es in seinen Werken ohnehin überall spuke, man denke nur an den „Schimmelreiter“? Aber in diesem Gedicht herrscht kein Gespensterglaube, denn die Toten bleiben so lange auf Erden, „Bis allen ihren Lieben / Der Tod die Augen schloss“, also so lange, wie noch Menschen leben, die sie gekannt haben und die an sie denken. Die schattenhaften Gestalten sind vom menschlichen Bewusstsein abhängig, werden von uns am Leben gehalten, indem wir ihnen treu bleiben.

          Sie nahen dir in Liebe, allein du fühlst es nicht

          Unter diesen Voraussetzungen führt das Gedicht seine Bilder auf oder, anders gesagt, öffnet sein Gruselkabinett: Die Toten leiden, wenn nicht an sie gedacht wird, sie schauen die Lebenden an, werden aber von diesen nicht gesehen, und sie versuchen zu sprechen, können aber allenfalls „lallen“, was ungehört verhallt. Storms Geister sind alles andere als erlöst, vielmehr quälen sie sich, besonders dann, wenn sie an Lebenden schuldig geworden sind, dies aber nicht mehr ausdrücken können: „Ihr Herz will dir vergeben,/Ihr Mund vermag’s nicht mehr.“

          Das christliche „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ gilt auch hier, aber die Hoffnung, den Tod zu überwinden, existiert nicht mehr. Auch im Vergleich mit Vorbildern in der Lyrik ist Storms Gedicht viel dunkler: Ferdinand Freiligraths „O lieb’, so lang du lieben kannst!“ spricht versöhnlicher vom Verhältnis der Lebenden und der Toten, und Novalis hatte in einem vielstrophigen „Lied der Toten“ das Jenseits als Fest ausgemalt, voller Freuden, mit gedeckten Tischen, ewigem Frühling und sogar mit intensiver Erotik. Wenn die Verschwundenen im Leben zu spüren waren, dann als beglückende Erfahrung.

          Storm findet dagegen Bilder des Misslingens: Man sieht und hört sich nicht mehr, und was im Leben versäumt wurde, lässt sich nicht nachholen. Dabei ist es neben den Bildern auch der Ton, der dieses Gedicht so eindringlich macht. Storm setzt konzentriert „i“- und „ü“-Laute ein, die zur geisterhaften Kühle passen, und im Bereich der Konsonanten ist es das „T“, das gehäuft auftritt, hier schlägt die erste Strophe den Ton an. Gedichte sollen durch ihren Klang etwas hervorrufen, das war Storms Überzeugung, und dieses Gedicht ruft einen Schauder hervor.

          Aber warum soll man sich das alles eigentlich antun, könnte man fragen? Geht aus dem Totengedenken irgendein Trost hervor? Das wohl nicht, aber es geht um Treue, darum, die Menschen, mit denen man zusammengelebt hat, weiterhin um sich zu sehen und zu spüren. Sie zu vergessen und sich einfach in „Lebenslust“ zu versenken, das wäre untreu. Ein vollständiger Mensch darf den Tod nicht aus dem Leben drängen, sondern soll mit seinen Lieben, auch mit denen, die er enttäuscht hat, weiter leben. Dabei kann dieses Gedicht helfen, denn es gibt den Toten, die nicht sprechen können, Worte, die hinüberdringen.

          Theodor Storm: „O bleibe treu den Toten“

          O bleibe treu den Toten,
          Die lebend du betrübt;
          O bleibe treu den Toten,
          Die lebend dich geliebt!

          Sie starben; doch sie blieben
          Auf Erden wesenlos,
          Bis allen ihren Lieben
          Der Tod die Augen schloß.

          Indessen du dich herzlich
          In Lebenslust versenkst,
          Wie sehnen sie sich schmerzlich,
          Daß ihrer du gedenkst!

          Sie nahen dir in Liebe,
          Allein du fühlst es nicht;
          Sie schaun dich an so trübe,
          Du aber siehst es nicht.

          Die Brücke ist zerfallen;
          Nun mühen sie sich bang
          Ein Liebeswort zu lallen,
          Das nie hinüberdrang.

          In ihrem Schattenleben
          Quält eins sie gar zu sehr:
          Ihr Herz will dir vergeben,
          Ihr Mund vermag’s nicht mehr.

          O bleibe treu den Toten,
          Die lebend du betrübt;
          O bleibe treu den Toten,
          Die lebend dich geliebt!

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