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Frankfurter Anthologie : Tom Schulz: „Nysa“

  • -Aktualisiert am

Bild: Harald Krichel/Wikimedia Commons

Auf der Suche nach dem Zauberwort: Dieses Gedicht ruft die polnische Stadt Nysa auf, die früher Neiße hieß. Hier liegt Joseph von Eichendorff begraben, dessen Gedicht „Wünschelrute“ Tom Schulz fortschreibt.

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          In Tom Schulz’ Gedichtband „Innere Musik“ von 2012 verblüfft eine autobiographische Behauptung: „ich lebe ein Leben gleich / bedeutend einem Bewohner / von Bäumen & Luft“. Was romantisierend erscheinen könnte, ist Credo. Hier nimmt einer die Wirkmächtigkeit der Poesie beim Wort.

          Fragmente einer poetischen Autobiographie entdeckt man in Schulz’ Werk überall. Dabei fällt auf, dass ein in seiner Schlichtheit berückendes Bild die Splitter zum Mosaik verbindet: Es ist das Motiv des Grases, das in Gedichten und Aufzeichnungen seit 1997 vielfach variiert wiederkehrt. Gras – für Schulz eine unbändige Metapher. Der dem Verlöschen ausgelieferten Lebendigkeit verleiht sie durch widerständige Flexibilität Dauer: „der Wind weht, aus den Niederlagen / wächst Nachschub, Gras für alle“.

          Es heißt, Tom Schulz sei 1970 in Großröhrsdorf bei Bautzen geboren und lebe seither in Berlin. Faktisch korrekt, nur kann man es auch anders sehen: „Einmal war ich ein Kuckuck. Schoss aus der Uhr und jede Zeit der Welt war meine“, schreibt Schulz in „Lichtveränderung“ (2015). Wer glaubt noch an Poesie, an Imagination? Wer an die Rebellion des Grases? Und wer, dass Schulz Industriekaufmann lernte, den Wehrdienst in der NVA absolvierte, ehe er für zehn Jahre in der Baubranche war? Ist er da nicht immer noch? Die genaue Statik seiner Verskonstruktionen beweist es: „Das Feld wird ein Feld für alle, die es wollen / ein Feld für alle, die es bestellen // ein Feld für alle, die es bewohnen, oder am Gras / geknabbert haben, unter dem Dachschaden der Sterne“.

          Der Kuckuck im Gras

          „Nysa“, eines von Tom Schulz’ klangvollsten Gedichten, trägt im Namen die heute polnische Stadt, die früher Neiße hieß. Etwas leuchtend Grünes blitzt dort im Gras auf. Fällt Licht darauf, funkeln vier Eichendorff-Zeilen. Das Gedicht fügt die Scherben nicht zusammen, dennoch ist es Instandhaltung, Fortschreibung von Joseph von Eichendorffs 185 Jahre alter „Wünschelrute“: „Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.“

          Das Zauberwort! Schulz glaubt daran, und in vielen seiner Gedichte sucht er dieses Wort. Es geht um eine Musik der Bedeutungen, die die Dinge zu kennen scheinen. Sollte dieses eine geheime Wort, von dem Novalis schreibt, es jage das ganze verkehrte Wesen fort, am Ende „Gras“ lauten, „Gras, auseinandergeschrieben“, wie Paul Celan sagt? Gras verbindet Lebende und Tote, das Schweigen und Sprechen, Alte und Künftige, Fragen und Antworten. Es will das Unmögliche, lässt Liebe obsiegen, verwandelt „das vergossne Blut“, beendet das Töten – es wächst einfach weiter. Tom Schulz folgt Johannes Bobrowskis Anspruch, jeder Vers solle Beschwörungsformel sein, Zauberspruch, magisch-melodisch an die Reichtümer gemahnen, die einem der Kinderblick freigiebig gewährte.

          Schulz’ Gedicht entstand, bevor er nach Nysa fuhr – es ist ein dem untergegangenen Schlesien abgelauschtes, zugleich imaginiertes Lied, eine innere Musik. 94 Silben pochen leise und streng jambisch durch ein Gerüst aus fünf Strophen zu je drei Zeilen. Durch die anklingenden Reime zu Beginn kommen Geräusche des Abends ins Spiel, und alle Verse sind voll grünem Licht – fünf enden mit dem Zauberwort, und selbst der Wind flüstert: „ich schlaf wie Gras“ – was kein Zitat ist, nur an den Psalm erinnert: „sie sind wie ein Schlaf, gleichwie ein Gras“.

          Auf dem Jerusalemer Friedhof in Nysa liegen Eichendorff und seine Frau Louise begraben. Im Reisejournal „Das Wunder von Sadagora“ (2016) notiert Schulz: „Zu Eichendorffs Zeit nannte man Neiße noch ,Schlesisches Rom‘. Davon ist heute leider so gut wie nichts mehr zu erkennen. Man kann sich dafür an den Flussauen zusammen ins Gras legen, freier als einst. Mit Liebchen und Hund, einem kleinen Pinscher, der dazugehört. Das Rauschen der Neiße: eine Melodie besser als jeder Klingelton.“ Dieses Lied bildet Tom Schulz’ Gedicht nach, ein äußeres wie inneres Ansingen gegen alle Funktionalität.

          Tom Schulz: „Nysa“

          es schläft das Gras, das Gras
          schläft hier, ich spür
          die Wolken sinken, jedes Tier

          stimmt in das Schweigen ein
          die Silben wiegen schwer
          die Stimme stimmt den Bogen

          jedes Lied verstummt, es schläft
          das Gras, die Sprache aller toten
          Dinge, Gras

          ich seh den Himmel nieder
          gehn: zur Ruh, zur Ruh
          die Winde flüstern ein

          im Ried, ich schlaf wie Gras
          der Abend dunkelt, das vergossne
          Blut; es schläft das Gras

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