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Frankfurter Anthologie : Norbert Hummelt: „der braune gott“

  • -Aktualisiert am

Bild: Laura Baginski

Verse gegen die Flut, Verse als Selbstschutz gegen das Unfassliche: Mit T. S. Eliot und dem Heiligen Nepomuk unterwegs im Ahrtal nach der großen Überschwemmung.

          3 Min.

          Im Verstehen von Naturkatastrophen bleibt uns heute kein Deutungsspielraum. Wenn es auch nach wie vor Zeitgenossen gibt, die die weithin akzeptierte These vom menschengemachten Klimawandel in Zweifel ziehen, so ist es doch unstrittig, dass wir zur Erklärung verheerender Flutkatastrophen, wie sie vor einem Jahr das vormals liebliche Tal der Ahr in der nördlichen Eifel heimsuchten, auf die Analyseinstrumente der modernen Naturwissenschaften angewiesen sind. Nur im kulturgeschichtlichen Rückblick hat der Gedanke Raum, dass die gewaltigen Kräfte, die die Winde entfesseln, das Wasser anschwellen und die Berge Feuer speien lassen, einst als Götter angesehen wurden, die den Menschen Furcht und Schrecken, aber auch Ehrfurcht einflößten. Besonders galt das großen Strömen gegenüber, die den Landen Fruchtbarkeit schenken, sie aber auch verwüsten konnten: Tod und Leben gingen aus ihnen hervor.

          Im dritten von T. S. Eliots „Vier Quartetten“ denkt der amerikanische Dichter an den Mississippi seiner Kindheit zurück, dessen ungeheure Wassermassen ihn zutiefst beeindruckten, so sehr, dass der Strom ihm wie ein Gott erschien. „Ich weiß nur wenig über Götter“, hebt das Gedicht an, „aber ich denke, der Strom / Ist ein starker brauner Gott – eigensinnig, ungezähmt, unbändig“. Zuerst als Grenze akzeptiert, sei der Strom, im Zuge der Zivilisation, nur noch ein Problem für Brückenbauer und gerate allmählich in Vergessenheit – „bleibt dennoch unversöhnlich, / Wahrt seine Zeiten und Tobsuchtsanfälle, Zerstörer, Erinnerer / An das, was die Menschen zu gern vergessen.“ Niemand hätte gedacht, dass ein 85 Kilometer kurzer Nebenfluss des Rheins im Laufe einer Sommernacht zu einem ähnlichen Ungeheuer anschwellen könnte, und niemand hatte, als es geschah, eine Sprache dafür.

          Das fing bei den Meteorologen an, die mit ihren Messwerten zwar der Stärke der Flut, nicht aber dem Erleben der Menschen Ausdruck verleihen konnten, es setzte sich über die „wordings“ der Politiker und die Aufzählungen der Reporter („Autos, Fernseher, Kühlschränke im Fluss“) bis zu den bewegenden, aber zumeist hilflosen Äußerungen der Anwohner fort, die sagen konnten, was ihnen genommen wurde und um wie viel Uhr, aber letztlich nicht, wer es war, der ihnen das antat. Der traute Name ihres Flusses, abgeleitet vom keltischen Wort „aha“ für Wasser, reichte dazu nicht mehr aus. Je vernünftiger wir vom Unfasslichen reden, desto dünner wird unsere Sprache.

          Verlust eines weiteren Paradieses

          Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre zum Augenzeugen geworden. War doch der Plan für den Sommer gewesen, meiner Tochter endlich einmal die Gegenden an der Ahr zu zeigen, die mich auf Tagesausflügen als Kind so beeindruckt hatten. Die blühende Wildnis der Ahrschleife bei Altenahr, den Bunte Kuh genannten Felsen bei Walporzheim, die Saffenburg auf dem Bergsporn oberhalb von Rech, im selben Dorf die steinerne Brücke mit der Nepomuk-Statue. Hier hatte als Kind für mich der Süden begonnen, in diesem lieblichen, wildromantischen Tal. Doch weil wir unsere Pläne änderten, nahmen wir aus den Nachrichten zur Kenntnis, was sich zugetragen hatte.

          Auf diese Lage mit einem Gedicht zu reagieren war eine Form von Selbstschutz. Ich mochte mich dem Dauerfeuer der Fernsehbilder nicht länger aussetzen und holte, als Gegenzauber, Bilder hoch, so wie sie kamen, aus den Schächten der Erinnerung und Imagination. Nicht das Unfassliche der Zerstörung, sondern den Verlust eines weiteren Paradieses suchen diese Verse anzuzeigen, im Anstarren blanker Baumwurzeln, im Einsammeln der Gesprächsfetzen von einer fernen Gasthausterrasse. Ich schrieb wie immer schnell, um die rationale Kontrolle möglichst auszuhebeln, dann schwappte, mit dem Wort Heizöl, die Aktualität herein, und dann war ich erstaunt, dass ich mir einen Gott gefangen hatte, mit solchen Größen arbeite ich normalerweise nicht. Mir selber fremd, behauptete er sich als Platzhalter für das Unfassliche. Mein Halt in diesem Strudel aber war ein anderer, der Heilige Nepomuk, wie ich ihn erinnerte und wie ich ihn nun im Kampf mit den Wassern auf der Brücke aushalten sah, und immer wieder fragte ich mich in den folgenden Wochen und Monaten, was während der Flut mit ihm geschehen war.

          Dabei ist der populäre, aus Prag stammende Brückenheilige gerade nicht dafür bekannt, dass er aus Fluten gerettet wurde, vielmehr wurde er in die Moldau geworfen, weil er so standhaft war, das Beichtgeheimnis nicht zu verraten. Brauchbare Leute, diese Heiligen. Sie stehen als Mittler zwischen unserem modernen Naturverständnis und der vergangenen mythischen Weltsicht. Sie können gegen eine so gewaltige Flut nichts ausrichten, aber sie sind ansprechbar: Man kennt sich eben.

          Inzwischen hat die Gemeinde Rech beschlossen, die während der Flut stark beschädigte Brücke abzureißen und durch eine neue zu ersetzen. Der Heilige soll an einen anderen Ort verbracht werden. In meinem Gedicht bleibt er, wo er immer war.

          Norbert Hummelt: „der braune gott“

          I think that the river is a strong brown god
          T. S. Eliot

          der hl. nepomuk stand auf der brücke gebaut aus
          grauwacke pfeiler u. bögen beim weinort rech in
          der mitte der ahr u. sah von dort oben über die
          wasser so lange ich denken kann war er da. der ort
          war bekannt von betriebsausflügen. mein vater der
          kaum je wein trank brachte von dort eine flasche mit.
          sie saßen beim hostert auf der terrasse wo man zum
          wald blickt zur saffenburg hoch auf dem bergsporn
          über der ahr u. ich dachte an die blanken wurzeln die
          ich mit zwölf bei der böschung sah. herr brettschneider
          wußte zu berichten dies sei das nördlichste rotwein-
          gebiet das man in ganz europa kannte u. wenn einer sagte
          er war an der ahr u. habe dabei auch den fluß gesehen
          dann zeigte das nur er war gar nicht da. so wurde es
          seinerzeit kolportiert. von heizöl im fluß war nie die rede.
          u. immer noch kommen die braunen wasser u. spülen u.
          reißen die pfeiler fort u. nepomuk schaut auf die wilden
          wasser u. das ist der starke der braune gott der nimmt
          was er gab in der mitte der ahr. u. ich denke an die
          blanken wurzeln die ich mit zwölf bei der böschung sah.

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