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Frankfurter Anthologie : Rainer Maria Rilke: „Nächtens will ich ...“

  • -Aktualisiert am

Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbac

Schlechte Nachrichten für Himmel und Erde: Eden brennt, Leben zehrt, Freude irrt. Ein Gedicht, um Engel und Menschen vor den Kopf zu stoßen.

          3 Min.

          Kriegsausbrüche kommen stets zur Unzeit, und der vom August 1914 erwischte Rilke auf mindestens einem falschen Fuß. Erst ließ er sich von der allgemeinen Begeisterung dazu verleiten, dem beginnenden Schlachten Gesänge zu widmen, fünf an der Zahl, und da er gerade in die neue Hölderlin-Ausgabe Norbert von Hellingraths vertieft war, griff er gleich nach dem Hölderlinton: „Zum ersten Mal seh ich dich aufstehn/hörengesagter fernster unglaublicher Kriegs-Gott“. Solche Fanfarenstöße blieben zum Glück Episode, zumal Rilke, der sich zufällig in Deutschland aufhielt, bewusst wurde, dass er nun nicht mehr nach Paris zurückkonnte, wo neben seinem Schreibtisch auch seine Wintergarderobe war.

          So toll war es also nicht mit dem Krieg, und Rilke beschloss, erst einmal einen Luftkurort aufzusuchen. Seine Wahl fiel auf Irschenberg in Oberbayern. Dort begegnete er im September 1914 einer Malerin, die er flüchtig aus Paris kannte. Es ergab sich augenblicklich eine Liebesbeziehung, Rilke hatte sein Schreibzeug mit und verfasste in kurzer Zeit eine Reihe von Gedichten, die der neuen Freundin gewidmet sind, zu seinen Lebzeiten aber nie gedruckt wurden. Im Nachlass stehen sie unter der Überschrift „Gedichte für Lulu Albert-Lazard“ und man kann sie leicht überblättern. Dann aber verpasst man unter der Nummer X ein dreistrophiges, trochäisches, kreuzgereimtes Gebilde von spezifischem Gewicht, das alle Fragen nach seinem biographischen Woher und Warum gleichgültig werden lässt.

          Noch Fragen, Engel?

          „Nächtens will ich mit dem Engel reden...“. Damit ist nun nicht die Geliebte gemeint, sondern jener Engel der Elegien, die Rilke im Winter 1912 auf Schloss Duino an der Adria zu schreiben begonnen hatte und die ihm seither als seine wichtigste Aufgabe erschienen. Sie waren allerdings bald ins Stocken geraten, und er mühte sich lange vergeblich, wieder Anschluss an ihre ganz merkwürdige Gestimmtheit und Redesituation zu finden: ein Gespräch mit einer übermächtigen Instanz, die zugleich ein Teil von ihm war, aber seinem Willen entzogen. Daher der charakteristische Irrealis: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel/Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme/einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem/stärkeren Dasein.“ Soweit die berühmten ersten Verse der Ersten Elegie. Auch hier, in diesem kurzen Versuch, das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen, ist der Irrealis die gegebene Situation. Nur wird der Spieß überraschend umgedreht: Es ist der Sprecher selbst, der dem Engel, dem Starken, mit desillusionierenden Einsichten die Luft nimmt. Oder nähme, denn all dies ist ja nur vorgestellt und geschieht nicht – außer in der Imagination.

          „NÄCHTENS will ich mit dem Engel reden,/ob er meine Augen anerkennt.“ Das heißt wohl, ob er mir das Recht zuspricht, zu sehen, zu erkennen, was ist. Aber dann eine überraschende Wendung: „Wenn er plötzlich fragte: Schaust du Eden?/Und ich müßte sagen: Eden brennt“. Der Engel der Elegien redete zuvor überhaupt nicht, erst recht wurde er nicht mit einer Gegenrede konfrontiert. Und so kommt diese dreisilbige Rückmeldung wie ein Hieb: Eden brennt. Das Paradies steht in Flammen, welches auch immer, und der Sprecher scheint mit Hellsicht begabt, die eigentlich Sache des Engels wäre, um Einblick in einen katastrophalen Zustand zu nehmen. Seltsam in der Schwebe bleibt das Gedicht am Ende der Strophe, weil ein Satzzeichen fehlt und der Konditionalsatz gar nicht zu Ende geführt ist. Wenn ich ihm das sagen müsste, ja, was dann? Vertriebe er mich nicht etwa aus dem Paradies, sondern triebe mich im Gegenteil hinein, in den Brand?

          Ebenso bedrängend und syntaktisch offen geht es weiter. „Meinen Mund will ich zu ihm erheben,/hart wie einer, welcher nicht begehrt./Und der Engel spräche: Ahnst du Leben?/Und ich müßte sagen: Leben zehrt“ – der zweite Hieb, der jeden trifft, der dem düsteren Propheten, der hier Ich sagt, mit Lebenshunger in den Weg kommt: Fort damit, denn Leben zehrt. Das ist so apodiktisch gesprochen, dass Widerspruch sinnlos wäre, käme es zu einer solchen Äußerung; und müsste ich das zu dem Engel sagen, ja, was wäre dann? Stieße er mich ins Begehren hinab, wo ich nicht hin will? Weil am Ende doch eine Lust in mir ist, die da nicht sein soll? Es sind nahezu dämonische Kräfte der Verneinung, die hier am Werk sind, und sie haben bis zum Schluss das Wort.

          „Wenn er jene Freude in mir fände,/die in seinem Geiste ewig wird,“ – solche Freude also könnte doch in mir zu finden sein, so wird, im Irrealis, eingeräumt, „und er hübe sie in seine Hände,/und ich müßte sagen: Freude irrt“ – letzter Hieb. Die Freude, Engel, und sollte sie auch in Dir Ewigkeit beanspruchen, beruht auf einem Irrtum, müsste ich Dir sagen – das ist des Sprechers letztes Wort, wieder ohne abschließendes Satzzeichen, schwebend über dem Abgrund. Eden brennt. Leben zehrt. Freude irrt. Noch Fragen, Engel? Allenfalls die, was Rilke gelesen hatte, welche andere Rede auf die seine wirkte. Die Antwort könnte sein: Stefan George, „Der Stern des Bundes“, damals neu, und in der Wucht seiner apodiktischen Verse eine Fibel für Propheten aller Art. Aber das hier ist dennoch ganz und gar Rilke, das ist sein Ton, ist seine Melodie, nur so hart und streng und düster, dass es regelrecht zum Fürchten ist. Da hat einer etwas gesehen, und er spricht es aus: Eden brennt. Leben zehrt. Freude irrt. Es ist an uns, nun damit umzugehen.

          Rainer Maria Rilke: „Nächtens will ich…“

          NÄCHTENS will ich mit dem Engel reden,
          ob er meine Augen anerkennt.
          Wenn er plötzlich fragte: Schaust du Eden?
          Und ich müßte sagen: Eden brennt

          Meinen Mund will ich zu ihm erheben,
          hart wie einer, welcher nicht begehrt.
          Und der Engel spräche: Ahnst du Leben?
          Und ich müßte sagen: Leben zehrt

          Wenn er jene Freude in mir fände,
          die in seinem Geiste ewig wird, –
          und er hübe sie in seine Hände,
          und ich müßte sagen: Freude irrt

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