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Frankfurter Anthologie : Galaktion Tabidse: „Mtazmindas Mond“

  • -Aktualisiert am

Bild: Foto Archiv

Eigentlich gelten die Verse des Georgiers Galaktion Tabidse als unübersetzbar. Am besten lassen sie sich mit musikalischen Begriffen beschreiben.

          3 Min.

          Er gilt den Georgiern als schlechthin unübersetzbar – Galaktion Tabidse, ihr größter Dichter des letzten Jahrhunderts, ein Barde des Symbolismus, hochmusikalisch, begabt mit dem absoluten Gehör. Das Glück will es, dass eine Rezitation dieses Gedichts des Dichters selbst erhalten und auf Youtube zu hören ist. Eine nur in musikalischen Begriffen zu beschreibende Rezitation, die vom Piano der ersten Verszeile, die das Bild des schweigend im All „erstandenen“ Monds aufruft, über ein allmähliches, Expressivität und Tempo fulminant anziehendes Crescendo dann wieder hinabsteigt, im Rubato gleichsam den Atem anhaltend und verlöschend im Pianissimo der letzten Zeile, die, wie auch die achte (ein kurzes Ritardando), ein Dacapo jener ersten ist: das Bild des Mondes über dem Pantheon auf dem Berg Mtazminda („Heiliger Berg“) hoch über der nächtlichen Stadt Tbilissi.

          Eine Huldigung an diesen Ort, auf dem die Großen Georgiens, seine Staatshäupter, Künstler und Dichter, begraben liegen – all jene, zu denen Ende der sechziger Jahre das Dichter-Trio Adolf Endler, Elke Erb und Rainer Kirsch aus der damaligen DDR aufbrach, um sich im Auftrag des georgischen Kulturministeriums der Mammutaufgabe zu stellen, aus Interlinearversionen georgischer Poesie Übersetzungen beziehungsweise Nachdichtungen zu schaffen. Aus einem fremden, keiner der uns vertrauten Sprachfamilien zugehörigen Idiom, aus dessen rauher, kehliger, reich nuancierter Konsonanz seit Jahrhunderten die Großen des Landes gleichsam das Gold ihrer Dichtung gewonnen haben.

          Ein kaukasischer Orpheus

          Dieses Gedicht, ein magisches Ton-Bild noch in Elke Erbs feinfühliger, den originalen Endreimen überwiegend in freien Assonanzen nachspürender Übertragung, ist ein Klangteppich, vielsinnig in seinen Bezügen, die den realen Ort, den Gedenkort der Toten, ans Kosmische (Mond, All, Himmel, Sterne) binden und den Dichter, sein Harfenlied, wie Orpheus als Vermittler zwischen den Bereichen von Leben und Tod erscheinen lassen. Eine Beschwörung im Lichtbann des Mondes, der Dämmerung und im Schweigen der Nacht, mit all den Assoziationen von Schlaf, Traum, Sehnsucht, Schatten und Tod sowie den zugehörigen Farben, symbolhaft-synästhetisch den Klang von vielen Blaus, dem Sterbelied des (weißen) Schwans, der Perlen, Lilien und der Rosen (Trauerflor wie auch Bild der Morgenröte) ineinander verwebend. Ein wie aus Raum- und Zeitenferne herüberwehendes kaukasisches Echo auf Baudelaires „Correspondences“.

          Und fast in der Mitte dieses polyphonen Klanggewebes der Aufruf des wiederum größten Dichters hundert Jahre zuvor: Nikoloz Barataschwili, der hier begraben liegt und seinerseits ein Gedicht mit dem Titel „Dämmerung am Mtazminda“ verfasst hat. Anruf seines „Geistes“, der wie der jeden großen Dichters seit dem legendären Shota Rustaveli (12./13. Jahrhundert) für den Georgier ein „König“ ist. Vielleicht mehr als jene wirklichen Könige, deren alte Burg Metechi am gegenüberliegenden Steilufer des Flusses Mtkvari sich mit diesem im weißen Mondesschimmern vereint. Alles in allem ein Gespräch mit den Toten, den ewig lebendigen Geistern der Dichtung und Kunst.

          Galaktion Tabidse, 1891 in einem westgeorgischen Dorf geboren, überlebte, anders als seine Frau und sein Cousin, der Dichter Tizian Tabidse, die ermordet wurden, die Stalin-Zeit, tief melancholisch, alkoholkrank und zugleich von seinen Landsleuten hoch verehrt. Eingeliefert in eine Klinik, warf er sich 1959 dort aus dem Fenster. Wie sein Cousin Tizian gehörte er zu den Gründern der „Blauen Hörner“, die 1916, orientiert vor allem an den französischen Symbolisten, eine Erneuerung ihrer eigenen Traditionen suchten. Fast synchron zu jenen anderen Avantgarden, die sich während des Ersten Weltkriegs in Europa bildeten, zugleich aber anders als diese weitgehend die alten Sonett- und Reimformen beibehaltend – bis dies alles nach kurzen Jahren republikanischer Entspannung und Freiheit unter das mörderische Verdikt des Sowjetreichs fiel. Auch Galaktion behielt den Reim bei, diesen zu neuen Formen der Rhythmik und Harmonik treibend, Wörter, Sinnbezüge primär in ihrem Sprachklang, dessen Farben, Konsonanzen und Resonanzen erfassend.

          „Mtazmindas Mond“ entstand 1915, noch vor jener Gründung der „Blauen Hörner“. Die Übersetzung des Unübersetzbaren fügt dem Gedicht freilich einen weiteren Filter hinzu. Besonders berührend durch die kleine modulierende Wortumstellung in der letzten Zeile, die in dem großen Bild, das sie noch einmal erinnernd aufruft, wie eine überaus zarte, ja zärtliche Geste wirkt. „Eine Übersetzung ist wie ein Kuss durch ein Taschentuch“, so befand einmal der israelische Dichter Chaim Nachman Bialik. Im schönsten Fall ahnen wir den wirklichen Kuss – und sind dankbar für dieses „Taschentuch“.

          Galaktion Tabidse: „Mtazmindas Mond“

          Nie noch war der Mond dem All so stumm und still erstanden!
          Der Dämmerung Harfe, wie in Stille auch gewandet,
          ruft säuselnd blaue Schatten, verwebt sie mit den Zweigen ...
          Nie sah den Himmel ich in einem milderen Schweigen.
          Schwertliliengleich der Mond, umflirrt von Perlenblässe,
          und in seinem Strahlenschein, wie leichtem Traum vergessen,
          nun Mtkwari und Metechi ein weithin weißes Schimmern.
          Oh, kein Mond ward je so zart geboren diesem Himmel.
          Nah und königlich ruht hier des Greises Geist im Stillen.
          Hier liegt im traurigen Flor der Rosen und Kamillen
          das frohlockende Geblitz der Sterne ausgebreitet.
          Barataschwili liebte hier einsam zu schreiten.
          Ach, ich werde in den Tod wohl auf dem See mich singen,
          wird, wie in die Seele sah die Nacht, dem Lied gelingen:
          wie von Himmel hin zu Himmel Schlaf die Flügel spreitet
          und der Sehnsucht blaue Segel aufspannt traumgeweitet,
          wie des Todes Nähe auch den Tag der Rosen blendet
          und im Sterbelied des Schwans den Fall des Wassers ändert,
          wie ich fühle: für die Seele, die das Meer erzogen,
          führt kein andrer, nur der rosenfarb’ne Weg zum Tode,
          dass ein Märchen Dichterkühnheit ist auf diesem Wege,
          dass wie diese Nacht im Schweigen keine je gewesen,
          Dass ich, Schatten ihr, euch nah dem Tod entgegenreise,
          ich ein König bin und Dichter, sterbend mit der Weise,
          dass, wie ihr, mein Harfenspiel mit dem Jahrhundert wandert.
          Nie noch war dem All der Mond so stumm und still erstanden.

          Übertragen von Elke Erb

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