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Frankfurter Anthologie : Sylvia Plath: „Morgenlied“

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Bild: FAZ

Warum gibt es so viel mehr Gedichte über den Tod als über den Beginn des Lebens? Man überlässt diesen Vorgang den seltenen dichtenden Müttern wie Sylvia Plath.

          2 Min.

          Ein Gedicht über eine Neugeburt. Es gibt nur wenige Gedichte über dieses elementarste (das Wort „Element“ findet sich nicht zufällig am Ende der Strophe) aller Ereignisse, was erstaunlich ist, wenn man die Vielfalt der Poesie über den Tod und die endlosen lyrischen Varianten über das Sterben bedenkt. Obwohl Geburt und Sterben sich statistisch mehr oder minder die Waage halten, sind Geburten ein kaum besungenes Ereignis. Gebären ist wohl Frauensache, und man überlässt die nicht zu übersehende Unvermeidlichkeit des Vorgangs den dichtenden Müttern, deren es nicht sehr viele gibt.

          Biographisch feiert das Gedicht die Geburt von Frieda, der Tochter von Sylvia Plath und Ted Hughes, im März des Jahres 1961. Es ist keine besondere Geburt, sondern eine ganz normale. Das Baby ist erwünscht, ein Kind der Liebe, ein gesunder Säugling, der von den Anwesenden begrüßt wird und dem die Hebamme, wie vorgeschrieben, auf die Füße haut, damit es schreit und somit seine Lebensfähigkeit bestätigt.

          Über das Geborgenwerden

          Doch dieses Kind ist nicht nur in die Welt der Liebe, sondern auch in die der Vernunft hineingeboren, verdeutlicht in den Mechanismen der Ratio. Bei der Uhr, diesem beliebten Werkzeug der Aufklärung, von dem hier die Rede ist, handelt es sich aber nicht um irgendeine Uhr, sondern um ein dickes, goldenes Exemplar, also um eine Kostbarkeit, eine zweifellos wertvolle Bereicherung der Gesellschaft. Und außerdem ist die kleine Tochter – wie ein neues Kunstwerk in einem Museum – in die Welt der Kultur hineingeboren, deren Wände dementsprechend im Gedicht noch viel Platz für den Neuankömmling haben. Ein Kind für alles, was die Welt zu bieten hat.

          So weit die ersten beiden Strophen. Die Leserin macht hier eine Pause und überlegt, was sie sonst noch über die Dichterin und Mutter Sylvia Plath weiß: Eine berühmte Selbstmörderin, 1932 in der Nähe von Boston geboren, Tochter einer Lehrerin mit österreichischen Wurzeln und eines deutschstämmigen Biologieprofessors, der starb, als die Tochter acht Jahre alt war. Kurz darauf begann sie mit dem Schreiben von Gedichten. 1963 in London von eigener Hand gestorben, Lyrikerin und Verfasserin von Kurzgeschichten und mehreren Kinderbüchern.

          Ihr einziger Roman trägt den Titel „Die Glasglocke“ und war von seiner Autorin ursprünglich nur zum Zweck des Gelderwerbs, als reine „Brotarbeit“, gedacht. Es war ihr Ehemann, der englische Schriftsteller Ted Hughes, der auf die Verbindungslinien zwischen dem Roman und dem Lyrikband hinwies, an dessen Beginn die vorliegenden Verse zu finden sind. Sie zeigen sich vor allem in den Symbolen, die in beiden Büchern Verwendung finden. Über den Gedichtband „Ariel“ sagte ihr Schriftstellerkollege Robert Lowell, bei dem sie 1959 ein Seminar besucht hatte: „Das sind Gedichte, die Russisches Roulette mit sechs Patronen im Lauf spielen.“ „Die Glasglocke“ erschien wenige Wochen vor dem Tod der Verfasserin, „Ariel“ erst danach.

          In „Morning Song“, so der amerikanische Originaltitel des Gedichts, um das es hier geht, singt Sylvia Plath eine Hymne auf das Leben, um sich in der dritten Strophe vom Lebensanfang auf das Lebensende vorzubereiten. Diese neue Mutter sieht sich in der Mitte des Gedichts, in einem schwierigen Bild von Wind und Wolke, als ein Opfer der Vergänglichkeit, aber gleichzeitig als Teil eines Ganzen, mit einem „fernen Meer“ im Ohr. Das Kind ist zwar ein Einzelwesen, aber gleichzeitig ein Stück Unendlichkeit im Hinweis auf „andere Elemente“, von denen das menschliche Leben nur eines ist. Gleichzeitig ist sie, die Mutter, immer noch ein animalisches, in gewissem Sinne primitives Einzelwesen, „kuhschwer“ – mit der Milch fürs Neugeborene. Sie tappt sich zum Lebensende voran, aber bleibt dabei selbst ein Übergangsphänomen (in viktorianischen Gewändern), dem die nächsten Generationen folgen werden.

          Am Ende sind aus dem „nackten Schrei“ der ersten Strophe die Luftballons der klaren Vokale in der letzten Strophe geworden, wie ein lebensbejahendes Jauchzen aus einem Mund, der so klar ist wie der einer sauberen kleinen Katze, ein liebenswertes Einzelwesen im heller werdenden Morgengrauen des Fensterrahmens. Das Leben siegt in der Begegnung von Mutter und Kind in einem Gedicht das, wie kaum ein anderes, in präzise gewählten Bildern, von glücklichen Lebensanfängen spricht.

          Sylvia Plath: „Morgenlied“ / „Morning Song“

          Die Liebe hatte dich wie eine dicke goldene Uhr aufgezogen.
          Die Hebamme haute auf deine Sohlen, und dein nackter Schrei
          Fand seinen Platz bei den anderen Elementen.

          Unsere Stimmen verstärken deine Ankunft. Neue Statue
          In einem zugigen Museum. Deine Nacktheit beschattet
          Unsere Sicherheit. Wir stehn da, wie leere Wände.

          Ich bin nicht mehr deine Mutter
          Als die Wolke, die wie ein Spiegel ihr eigenes langsames
          Auslöschen durch die Hand des Winds destilliert.

          Die ganze Nacht flattert dein Motten-Atem
          Bei den flachen rosafarbenen Rosen.
          Ich wache und höre: Ein fernes Meer weht in mein Ohr.

          Ein einziger Schrei und ich stolpere aus dem Bett,
          kuhschwer und blumig
          In meinem viktorianischen Nachthemd.

          Dein katzenreiner Mund öffnet sich.
          Der Fensterrahmen
          Wird heller und schluckt seine dumpfen Sterne.

          Und jetzt probierst du
          Deine Handvoll Musiknoten;
          Die klaren Vokale schweben wie Luftballons.

          Aus dem Amerikanischen von Ruth Klüger

          ***

          Love set you going like a fat gold watch.
          The midwife slapped you footsoles, and your bald cry
          Took its place among the elements. 

          Our voices echo, magnifying your arrival.   New statue
          In a  drafty  museum, your nakedness
          Shadows our safety. We stand round blankly as walls.

          I’m no more your mother
          Than the cloud that distils a mirror to reflect its own slow
          Effacement at the wind’s hand.

          All night your moth-breath
          Flickers among the flat pink roses.  I wake to listen:
          A far sea moves in my ear.

          One cry, and I stumble from bed,
          cow-heavy and floral
          In my Victorian nightgown.

          Your mouth opens clean as a cat’s. 
          The window square
          Whitens and swallows its dull stars. 

          And now you try
          Your handful of notes;
          The clear vowels rise like balloons.

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