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Frankfurter Anthologie : Durs Grünbein: „Monatsblut“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Gegen das tägliche Inferno der Nachrichten und gegen die Gleichmacherei der Tauschwirtschaft ist dieses Gedicht gerichtet. Vor allem aber protestiert es gegen dieses Wissen, dass man nichts ist.

          2 Min.

          „Flüchtige Existenzen“ sind wir, heißt es gleich zu Beginn, und wenig ist flüchtiger als der Augenblick der liebenden Begegnung. Zwar ist er länger als wortwörtlich der Augenblick, aber lange dauert er wahrlich nicht. Das Paar in diesem Gedicht hat sich in einem Hotelbett geliebt. Die beiden müssen so begierig aufeinander gewesen sein, dass die Monatsblutung der Frau nicht störend, vielleicht gar beflügelnd gewirkt hat. Und nun gibt es einen Fleck auf dem Laken.

          Warum aber macht der Mann (es ist klar, dass hier der Mann spricht) solchen Wind um diese Lappalie? Ihm geht es offensichtlich um etwas anderes. Es geht ihm um die Vergegenwärtigung der eigenen Existenz, die Absicherung des eigenen Daseins, und in dieses Bedürfnis bezieht er die Partnerin mit ein, denn er sagt: „wir zwei . . .“

          Neben all dem, was für einen Liebesakt von Fall zu Fall sprechen mag, liegt der hauptsächliche Grund eben in dem Wunsch, das Verfliegen der Zeit, dem man ohnmächtig ausgeliefert ist, in einem rauschhaften Hier und Jetzt festzuhalten und sich der Tatsache zu vergewissern: Ich bin, wir sind. Und zwar nicht irgendetwas, nicht irgendwer, sondern Individuen, besondere Menschen. Der Personalausweis würde es bestätigen, doch das eigene Lebensgefühl nicht unbedingt. Denn die Spuren unseres Erdenwandels verwehen wie die Schrift im Sand. „Als hätten wir nie gelebt . . .“ steht in der dritten Zeile.

          Ich bin, wir sind

          Voller Unmut über diese Kränkung phantasiert der Autor eine polizeiliche Untersuchung, die dem Fleck und seinen Urhebern eine gewisse Bedeutung, und sei es eine kriminelle, beimäße. Dazu wird es nicht kommen. „Was würde es ändern? Wir sind nicht mehr da.“

          Und nun springt das Gedicht eine Etage höher. Die Melancholie, die uns in den ersten zwölf Zeilen begegnet, steigert sich unvermittelt in einen Verzweiflungsruf: „Bleib bei mir, hörst du?“ Als wäre das nicht genug, wird die persönliche Anrede in eine weitergehende objektiviert: „Bitte bei mir bleiben.“ Das Ausrufezeichen fehlt, als wäre dem Sprecher die Luft ausgegangen.

          Einer der berühmtesten Sätze aus Adornos „Minima Moralia“ lautet: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Das klingt nun seinerseits ein bisschen unverschämt, aber man versteht das Diktum besser, wenn man die vorausgegangenen Sätze liest: „Bei Hegel war Selbstbewußtsein die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst, nach den Worten der Phänomenologie das ,einheimische Reich der Wahrheit‘ . . . Heute heißt self-conscious nur noch die Reflexion aufs Ich als Befangenheit, als Innewerden der Ohnmacht: wissen, daß man nichts ist.“

          Dass man nichts ist – gegen dieses Wissen protestiert Durs Grünbein. Er schreibt sein Gedicht gegen das tägliche Inferno der Nachrichten, das schwer auszuhalten ist, gegen die Gleichmacherei der Tauschwirtschaft, die alles in Produkte verwandelt und alles dermaßen entleert, dass selbst dieser Augenblick erfüllter Gegenwart auf dem Hotelbett in der allgemeinen Gleichgültigkeit verschwindet. Sogar das überdeutliche Zeichen des Blutflecks vermag daran nichts zu ändern.

          Vielleicht aber dieses Gedicht. Es verzagt nicht beim „Innewerden der Ohnmacht“. Es ist kein „großes“ Gedicht, aber ein gutes. Es hält eine Alltäglichkeit fest und gewinnt daraus eine höhere Einsicht. Die Form ist schlicht, die Sprache einfach, und keine Prätention ver-

          nebelt den Gedanken. Dem Verzicht auf das Ambitiöse entspricht der sorgfältige Rhythmus, der gemächlich beginnt, gegen Ende dramatisch wird und in der letzten Zeile sein Ziel findet. Durs Grünbein, das zeigt sein jüngster Gedichtband „Zündkerzen“ von neuem, ist ein Könner.

          Durs Grünbein: „Monatsblut“

          Was für flüchtige Existenzen wir sind. Nach uns
          Sind die Stätten unseres Auftritts sofort wieder leer,
          Als hätten wir nie gelebt.
          Zum Beispiel wir zwei,
          Die nach der Liebe das Zimmer verließen, wissen:
          Das Bett mit den Flecken vom Monatsblut
          Könnte an jeden erinnern. Was muß geschehen,
          Vergewaltigung, Mord, ein namenloses Verbrechen –
          Bis man das Blut im Labor untersucht, von Polstern
          Haut- und Haarproben nimmt,
          Und was würde es ändern?
          Wir sind nicht mehr da.
          Bleib bei mir, hörst du?
          Bitte bei mir bleiben. Ich halte es sonst nicht aus:
          Das Inferno des täglichen Terrors, den Triumph
          Dieser Tauschwirtschaft, die alles trügerisch macht,
          Alles in Produkte verwandelt,
          Die Orte entleert.

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