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Frankfurter Anthologie : Anna Achmatowa: „Mit dem Strohhalm trinkst du meine Seele“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Die russische Dichterin Anna Achmatowa ist eine Meisterin in der Kunst, psychische Vorgänge in Dinge und simple Akte zu übersetzen. So provokant wie in diesem Gedicht wurde die menschliche Seele noch nie dargestellt.

          3 Min.

          In diesem Gedicht geschieht Ungeheuerliches. Die laut altem Glauben unsterbliche Seele wird von einem grausamen Gegenüber weggetrunken wie ein alkoholisches Getränk, als wäre sie ein Cocktail oder Aperitif. Bis kein Leben mehr da ist, bis sie die Welt verlassen hat („Meine Seele ist nicht mehr auf Erden“). Ist die Frau tatsächlich tot, die hier spricht? Spricht sie aus dem Jenseits? Sie behauptet, sie sei tot, aber sie spricht doch, sie hat eine Stimme.

          Die Frage, woraus die Seele gemacht ist, hat die Menschheit seit je umgetrieben. Immateriell, feinstofflich oder feuerartig? Besteht sie aus Seelenatomen? Ist sie ein körperloser Lufthauch? So provokant wie in diesem russischen Gedicht wurde die Seele noch nie dargestellt. Sie ist kein zartes Luftgebilde, sondern ein bitteres, berauschendes Getränk. Bizarr und verstörend auch das Bild des Strohhalms, der banalen kanalisierenden Trinkhilfe, durch den die Seele ihren finalen Weg nimmt.

          Dreimal erscheint ein Du. Das männliche Gegenüber verkörpert Gewalt, vollzieht sie grausam-konkret: ein Folterer. Erst spät, vielleicht nach mehrfachem Lesen, ahnt man – aber woher kommt diese Ahnung? –, dass hier die Geschichte einer schmerzhaften Trennung verschlüsselt liegt. Einer Frau wird Unrecht getan, aber sie ist – als ein weiteres Skandalon des Gedichts – scheinbar von absoluter Ungerührtheit. „Bist du fertig, so sag’s mir“: Gibt es einen heftigeren verbalen Faustschlag ins Gesicht – im Gedicht?

          Sie gönnt dem peinigenden Partner keinen Triumph, bleibt stoisch, lässt kein Flehen hören. Ihr demonstratives Unbeteiligtsein ist ihre einzige Gegenwehr: „Meine Ruhe – seit Wochen ein Mittel.“

          Bitteres Rauschgetränk der Poesie

          Aber sie geht wie eine Tote durchs Leben. Die spielenden Kinder sind kaum die ihren, kein besitzanzeigendes Fürwort lässt die Zugehörigkeit erkennen. Es sind fremde Kinder. Sie verkörpern die Zukunft, die die Frau in diesem Leben offenbar nicht mehr hat. Auch das Alltagsleben, das ohne sie weitergeht, registriert sie kühl. Das Blühen der Natur, in den Stachelbeersträuchern: passend, dass im deutschen Wort „Stachelbeere“ der Stachel sitzt, die Möglichkeit weiteren Verletztwerdens. Dazu eine scheinbar banale Aktivität: der Transport von Ziegeln, mit denen sonst funktionsgemäß ein Dach gedeckt wird. Hier aber ist es ein Dach, zu dem kein Haus (mehr) existiert. Nur die menschliche Geschäftigkeit, nur Teilstücke eines Hauses, aber keine Behausung mehr.

          Anna Achmatowa (1889 bis 1966) ist eine Meisterin in der Kunst, psychische Vorgänge in Dinge und simple Akte zu übersetzen. Profane Alltagsgegenstände maskieren Schicksalsschläge, den Stoff von Liebesdramen, hinter denen Schmerz und Chaos stehen. Stolze Abgrenzung und Verweigerung verhüllen das Zittern der Emotion. Im Gedicht vollzieht sich die Bändigung des Unsagbaren, Grausamen, Verstörenden. Den „Ton beherrschten Entsetzens“ will der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky in Achmatowas Gedichten wahrgenommen haben.

          Die Spannung im Gedicht kommt vom Schwanken zwischen schierer Drastik und demonstrativer Ruhe. Die letzte Strophe regelt die Lichtverhältnisse. Es ist das Bild eines diesseitigen Jenseits, ein unbestimmter Raum voller Licht. „Wie hell ist es hier“ – doch das ist kein Trost, denn die zweite Hälfte des Verses mit dem Wort „verwahrlost“ zerstört jede Aussicht auf Geborgenheit, Gemütlichkeit, Ordnung. Die Umgebung ist so beschädigt wie die Frau, die eine schmerzhafte Trennung erlitten hat.

          Die Stimme beschwört ihre absolute Vereinzelung. Nicht die Kinder werden angesprochen, nicht die Passanten. In ihrem Jenseits taumelt sie als Scheintote durch die Anforderungen des Alltags. Die Seele ist nicht mehr auf dieser Welt, aber der Körper ist noch da. Seine Müdigkeit wird konstatiert, er atmet, zweifellos. Der Status der Frau ist keine gewöhnliche Witwenschaft (wie die Passanten glauben mögen – sie scheint ihre Gedanken zu lesen).

          Die verlassene Frau weiß, dass sie keine Witwe ist. Sie ist einsamer als eine Witwe, die wenigstens noch die Erinnerungen an einen geliebten Partner haben könnte. Selbst das peinigende Gegenüber ist von zweifelhaftem Status, sie weiß nicht einmal mehr, wer sie verstoßen, gefoltert hat („Wer bloß bist du: mein Bruder, Geliebter?“). Sie hat keine Erinnerungen mehr, braucht keine, wie sie behauptet, denn die Trennung ist von schneidender Endgültigkeit.

          Das Gedicht lebt von der Übertreibung. Eine Trennung ist kein Tod. Aber die weibliche Stimme suggeriert, dass sie schlimmer sei als dieser. Ob man wissen muss, dass Ehekrise und Bruch zwischen Achmatowa und dem Dichter Nikolaj Gumiljow hier verschlüsselt liegen? Im April 1910 heirateten sie, bald darauf schon trennten sie sich, erst 1918 ließen sie sich scheiden, im August 1921 wurde Gumiljow als angeblicher Verschwörer von den Bolschewiken hingerichtet. Doch das seltsame Gedicht mit dem Strohhalm und der gemarterten Seele lässt alle biographischen Details hinter sich.

          Das Gedicht ist selbst ein verstörendes Seelengetränk. Mit Maß zu genießen. Bitter und berauschend. Und das Gefäß schierer sprachlicher und emotionaler Intensität.

          Anna Achmatowa: „Mit dem Strohhalm trinkst du meine Seele“ / „Как соломинкой, пьёшь мою душу“

          Mit dem Strohhalm trinkst du meine Seele.
          Ihr Geschmack ist, ich weiß, cocktail-bitter.
          Nur die Folter nicht stören durch Flehen,
          Meine Ruhe – seit Wochen ein Mittel.

          Bist du fertig, so sag’s mir. Nicht traurig –
          Meine Seele ist nicht mehr auf Erden.
          Ein Stück Weg geh ich noch und dann schau ich
          Wie die Kinder dort spielen werden.

          Stachelbeersträucher stehen in Blüte,
          Hinterm Zaun fahren sie Ziegel in Kisten.
          Wer bloß bist du: mein Bruder? Geliebter?
          Ich weiß nicht mehr, brauch’s nicht zu wissen.

          Nur – wie hell ist es hier, wie verwahrlost,
          Müder Körper, er atmet schon besser...
          Die Passanten wohl denken sich harmlos:
          Wahrscheinlich ist sie Witwe seit gestern.

          10. Februar 1911

          Aus dem Russischen von Ralph Dutli

          ***

          Как соломинкой, пьёшь мою душу.
          Знаю, вкус ее горек и хмелен.
          Но я пытку мольбой не нарушу.
          О, покой мой многонеделен.

          Когда кончишь, скажи. Не печально,
          Что души моей нет на свете.
          Я пойду дорогой недальней
          Посмотреть, как играют дети.

          На кустах зацветает крыжовник,
          И везут кирпичи за оградой.
          Кто ты: брат мой или любовник,
          Я не помню, и помнить не надо.

          Как светло здесь и как бесприютно,
          Отдыхает усталое тело...
          прохожие думают смутно:
          Верно, только вчера овдовела. 

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