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Frankfurter Anthologie : Joseph Brodsky: „Mir warfen sie alles vor“

  • -Aktualisiert am

Bild: Barbara Klemm

Der aus der Sowjetunion ausgewiesene Dichter erhielt den Literaturnobelpreis im New Yorker Exil. Sein letztes veröffentlichtes Gedicht reflektiert die Wirkung seiner Poesie.

          Es ist das letzte Gedicht in Joseph Brodskys letztem, 1996 postum erschienenen Band „Landschaft mit Hochwasser“. Der 1940 in Leningrad geborene, 1964 in einem Prozess wegen „Parasitentums“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit im russischen Norden verurteilte, 1972 unter Drohungen aus der Sowjetunion ausgewiesene Dichter lebte zuletzt im New Yorker Exil. Dass er 1987 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, bedeutete den späten Triumph eines Dichters, der am 28. Januar 1996 mit fünfundfünfzig Jahren seiner Herzkrankheit erlag. Von seiner Gefährdung wusste er immer, also verabschiedete er sich rechtzeitig vom Leben, aber voller Vitalität und dem Willen, seine poetischen Spuren zu hinterlassen.

          Der erste Vers resümiert alle Angriffe, die in Brodskys Fall massiv ausfielen, noch über seinen Tod hinaus – vom „Parasiten“ im hanebüchenen Prozess von 1964 bis zu Alexander Solschenizyns läppischem Verdikt von 1999, der Brodsky als kalt, zynisch, haltlos „verwestlicht“ und gottfern aus der „vaterländischen“ Dichtung ausschließen wollte. Gelassenheit spricht aus der Gewissheit, wenigstens für das schlechte Wetter nicht verantwortlich zu sein. Dann die überraschende Wendung: die Drohung gegen sich selbst. Weil der beste Richter noch immer der Dichter selbst ist.

          Das traditionelle Bild der Seele, die sich nach dem Tod des Menschen in einen Stern verwandeln soll, nimmt Brodsky ironisch auf. Merkwürdig nur, dass er für sein Ableben eine militärische Metapher wählt. Die Schulterstücke abzulegen bedeutet wohl zu kapitulieren oder degradiert zu werden. Brodsky hat nie in seinem Leben eine Uniform getragen, er war in keiner Armee dieser Welt, jetzt soll er zum „Leutnant des Himmels“ befördert werden? Gewiss ist, dass er ein beredter Kämpfer für die Sache der Dichtung war. Seine Essays sind energische Plädoyers für Wert und Würde der Poesie: Sie sei die „höchste Form der Sprache“ und sogar „die Bestimmung unserer Gattung“ (in seiner Nobelpreisrede von 1987). Ein andermal bezeichnete er sie als „unser anthropologisches, genetisches Ziel“, unseren „sprach-evolutionären Leitstern“.

          Der Teilchenbeschleuniger der Poesie

          Die zweite Strophe allerdings zeigt die Poesie auf dem Rückzug vor dem „Massengebrauchsartikel“. Die Truppe der Poeten weicht zurück vor dem Ansturm einer alles vereinnahmenden Konsumwelt, die jedoch – hier wiederum die Stimme der Gelassenheit – kein Gewicht hat: ein Federchen. Bei aller Skepsis und Illusionslosigkeit war Brodsky voller Glauben an die Autorität der Sprache und die strafende oder erhebende Macht der Poesie. In seiner Nobelpreisrede bezeichnete er sie als „kolossalen Beschleuniger des Bewusstseins, des Denkens, der Wahrnehmung der Welt“.

          Im vorliegenden Gedicht mutet er ihr sogar „Lichtgeschwindigkeit“ zu, ungeheure Schnelligkeit der Assoziationen. Wer mit Lyrik beschauliche Gemütlichkeiten assoziiert, ist mit Brodsky ohnehin auf dem falschen Dampfer. Der moderne Teilchenbeschleuniger der Poesie konnte in seiner staunenmachenden Sprachmacht mit astronomischen Größen ebenso umgehen wie mit dem Kleinsten und Unscheinbarsten.

          Die dritte Strophe lässt Kindheit und Alter aufeinander treffen. Eindeutige Altersperspektive ist der illusionslose Vers „Wenn ringsum nichts mehr ist von allem was war“. Es spricht ein Exilant, der nicht an dem Ort sterben wird, der ihn geboren hat. Die Welt, die er gekannt hat, ist nicht mehr. Und noch einmal militärische Metaphorik: Umkreisung oder Blitz. In welcher Gestalt der Tod eintritt, ob nach langer Krankheit (Umkreisung) oder erneutem Herzinfarkt (Blitzkrieg), ist dem bald Sterbenden letztlich gleichgültig.

          Der Schuljunge von einst war von Multiplikationstabellen fasziniert: So schnell wird aus dem Wenigen der Faktoren die Fülle der Ergebnisse. Und im Traum von der Schreibflüssigkeit, der Tinte, träumte er seine Berufung. Brodsky war ein wahrer Tintenmystiker, die Tinte für ihn – eine Lichtquelle. Im Gedicht VIII der „Römischen Elegien“ (1981, übersetzt von Felix Philipp Ingold): „Doch welche Helle, wenn Tinte und Nacht zusammen- / fließen; welch strahlendes Dunkel, welch finsteres Gleißen!“

          Brodsky sah sich selbst als dankbaren Dichter (in einem Gedicht von 1980: „Doch solang sie mir das Maul nicht mit Lehm vollschlagen, / wird aus ihm nichts als Dankbarkeit kommen“), doch erwartet er in der letzten Strophe keinen Dank für die Beschleunigung des Bewusstseins alias Poesie. In seltsamer Vermenschlichung jedoch dichtet er dem „allumfassenden Nichts“ ein Gefühl der Wertschätzung an. Hier also, kurz vor dem Ende, widerspricht er sich „grausam gern“ selbst.

          Die vermeintlich undurchdringliche Panzerung des Nichts wird löchrig wie ein Sieb – durch die Poesie. Hier ein kleines persönliches Geständnis: Als ich das Gedicht aus dem Russischen übersetzte, hatte ich einen geheimen Assistenten, der mir auftrug, den „Riss“ einzuführen (der den unreinen Reim auf das „Nichts“ ergeben sollte). Es war Leonard Cohen mit seinem Song „An-them“: „There is a crack in everything – that’s how the light gets in“. Es ist ein Riss in allem jetzt – so kommt das Licht herein zuletzt. Man sucht sich das Licht, wo immer man es findet.

          Joseph Brodsky: „Mir warfen sie alles vor“ / „Меня упрекали во всем“

          Mir warfen sie alles vor – minus das Wetter,
          und oft hab ich mir selber gedroht grausam gern.
          Doch bald leg ich die Schulterstücke ab und werde
          ganz einfach zum einzelnen Stern.

          Ich werd flimmern durch die Drähte
                                                als Leutnant des Himmels,
          mich in eine Wolke verziehn,
                                                hören wie der Donner rollt,
          nicht mehr sehn wie die Truppe unterm Ansturm
                                                des Massengebrauchsartikels
          kopflos flieht, von einer Feder verfolgt.

          Wenn ringsum nichts mehr ist von allem was war,
          ist egal, nimmt man dich durch Umkreisung oder Blitz.
          Ein Schüler der einmal im Traum Tinte sah –
          und jetzt bessere Muster für Multiplikationen besitzt.

          Und erwartest du für Lichtgeschwindigkeit
                                                kein Danke am Ende,
          so weiß vielleicht die Panzerung des allumfassenden Nichts
          die Versuche ihrer Verwandlung ins Sieb anzuerkennen
          und wird mir für Öffnung danken:
                                                den lichtdurchbrochenen Riss.

          Aus dem Russischen von Ralph Dutli

          ***

          Меня упрекали  во всем, окромя погоды,
          и сам я грозил себе часто суровой мздой.
          Но скоро, как говорят, я сниму погоны
          и стану просто одной звездой.

          Я буду мерцать в проводах лейтенантом неба
          и прятаться в облако, слыша гром,
          не видя, как войско под натиском ширпотреба
          бежит, преследуемо пером.

          Когда вокруг больше нету того, что было,
          не важно, берут вас в кольцо или это - блиц.
          Так школьник, увидев однажды во сне чернила,
          готов к умноженью лучше иных таблиц.

          И если за скорость света не ждешь спасибо,
          то общего, может, небытия броня
          ценит попытки ее превращенья в сито
          и за отверстие поблагодарит меня.

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