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Frankfurter Anthologie : Franz Mon: „unsere tägliche kühlung vergib uns nie wieder“

  • -Aktualisiert am

Franz Mon bei einer Ausstellung im Jahr 2010 Bild: dpa

Der Dichter Franz Mon ist mit 95 Jahren gestorben. Sein großartiges Gedicht „unsere tägliche kühlung vergib uns nie wieder“ ist ein schwarzes Vaterunser von schonungsloser Härte.

          5 Min.

          „unsere tägliche kühlung vergib uns nie wieder“ ist eines der erstaunlichsten und der großartigsten deutschsprachigen Gedichte der vergangenen fünfzig Jahre. Es ist am 25. Juni 1989 auf die Anfrage des Malers Gotthard Graubner hin entstanden, ein Gedicht zu seinen beiden großformatigen Bildern zu schreiben, die er 1988 im und für den Großen Saal des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue gemalt hat.

          Diese beiden ungegenständlichen Bilder mit dem Titel „Begegnungen“ gehören zu Graubners Werkreihe „Farbraumkörper“: das eine rechteckige ist in Gelbtönen gehalten, mit Einsprengseln von grünlichen und roten Farbnuancen. Bei dem anderen qua­dratischen dominieren Rot- und Violetttöne mit Anteilen von Gelb-, Blau- und grünlich-grauen Tönen. Beide Bilder könnten Übermalungen sein, auf beiden Bildern scheint es zu brennen, je nach Perspektive und Augenmerk entdeckt man andere Nuancierungen, verweilt man länger vor ihnen, gibt sich Verdecktes zu erkennen, die immense Raumwirkung beginnt sich zu entfalten.

          Dem Autor Franz Mon zufolge wurde das Gedicht „unsere tägliche kühlung vergib uns nie wieder“ „in Gegenwart der Bilder vor Ort verfasst“, wie es in Mons Lesebuch „Zuflucht bei Fliegen“ 2013 nachzulesen ist. Graubners Bilder dienten Franz Mon als Imaginationsmedien, ihre suggestiv-hypnotische Farbgebung und Struktur transformierte er in ein vieldeutiges Netz von Chiffren und Icons; der Komposition aus Farbe und Struktur setzt das Gedicht eine detailreiche Gegenständlichkeit und historische Realien entgegen.

          „unsere tägliche kühlung vergib uns nie wieder“ ist ein schwarzes Vaterunser. Übergangslos zeichnet es eine Topographie der Vernichtung. Hier werden ganz andere Bilder gereiht als noch in Jakob van Hoddis’ „Weltende“. Der Ton entbehrt jeden Anflugs von Ironie, die noch aus der Verschaltung der disparaten Zeilen des „Welt­ende“-Gedichts resultierte, sprichwörtlich aus dem Zwischen-den-Zeilen. Dieses Gedicht ist ein psalmodierender Abgesang von schonungsloser Härte, eine poetisch-historische Erzählung des Wahngesichtigen.

          Mit seiner ins Imaginäre ausgreifenden Ekphrasis liefert Franz Mon eine selbst wieder hypnotische (Re)Kons­truktion deutsch-preußischer Ge­schichte, auch in ihrer Beziehung zu Frankreich, bis hin zum Nationalsozialismus. Im strudelnden Fluss der Sätze schwimmen mit: die Donau, die Etsch, Heinrich der Löwe, der Ladogasee, der Belt, Martin Bormann, die Wolga, Hermann Göring, die Marianne als französisches Nationalsymbol der Revolutionen 1789 und 1830, wie Eugène Delacroix sie mit Trikolore am ausgestreckten rechten Arm darstellte, die Französische Revolution, Kleindeutschland, der Haushahn Kaiser Wilhelm II. als wachsamer Hausvater; Bellevue; die Orte Gleiwitz und Berchtesgaden, die Sachsen, die Preußen; der Roa; die Gasöfen der nationalsozialistischen Konzentrationslager; der Zweite Weltkrieg.

          Im poetischen Farbstrudel

          Die Namen der Orte und Personen rufen historische Konstellationen und Prozesse auf, die in einen poetischen Farbenstrudel geraten aus: gelb, phosphor, blasigem blei, eigelb, dotter, schwefel, kirschrot, purpur, rosa, mehlstaub, himmel, ziegel, veilchen, senf, safran, grün, waschblau, gold, violett, rosé, fuchsrot, blondschopf, blutblau, rot, azur, kobalt, blaulicht, kornblumen. Mitläuft eine poetische Parade an Tieren, die nicht selten Chiffren sind für historische Protagonisten. Und mittendrin findet sich ein vielsagendes, selbst aber opakes Ich: „wer war das war ich das warst du das“, „ich hatte die ahnung“.

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