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Frankfurter Anthologie : Ulrich Zieger: „meine liebe“

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Bild: Ullstein

Seine Gedichte entziehen sich lyrischen Traditionen. In diesen Versen inszeniert Ulrich Zieger eine Sommerliebe, die Fragen aufwirft.

          So ist sie gewesen, die Liebe, und so der Sommer, sagt das Ich und scheint unsere Erfahrung des vergangenen Monate auszusprechen, in denen die Hitze nicht weichen wollte, weder draußen noch drinnen, obwohl wir die Jalousien vor die Fenster zogen und auch tagsüber im Dunkel saßen, gereizt und wie gelähmt.

          Das Gedicht weiß es anders. Es spricht nicht von Müdigkeit, nicht von Sehnsucht nach Wasser, Kühlung, Erfrischung, klarem Kopf. Das Ich spricht vom Wein und vom Trinken, dem es sich ausliefert, von Selbstvergessenheit und flimmernder Luft und „der hand auf der haut dieser frau“. Es spricht eindeutig und mehrdeutig, schon der Titel, auf ungewöhnliche Weise durch ein Komma mit den folgenden Strophen verbunden, kann Anrede, Beschwörung und Rückblick sein.

          Die ersten beiden Verse inszenieren ein klassisch getöntes Gelage, die Trinkenden heben nicht das Glas, sondern den „becher“. Der Wein strömt und das Ich schert sich weder um Tischsitten noch um Widersprüche (dass der „becher der lippen“ den Wein schon empfängt, bevor der Mund sich öffnet). Trinken und Hitze treiben die Körper in den Rausch, dessen Maßlosigkeit wiederum die Liebe steigert. Das Gedicht schildert sie mit intensivem Vokabular („triefen“, „nässe“, „lohe“), einem unruhig schweifenden, verführerischen Rhythmus und den unkonventionell gesetzten Haltepunkten der Reime und Halbreime.

          Konstruktion aus Widersprüchen und Rätseln

          Im dritten Vers scheint „ofen“ zunächst das letzte, zusammenfassende Wort der Strophe zu sein, aber da Punkt oder Komma fehlen, bindet der Zeilensprung die Metapher der „geschlossenen augen“ an das abgedunkelte „haus“ zurück. Aufzählungen folgen, in denen die Verben fehlen, das ganze Gedicht samt Überschrift besteht ja aus einem einzigen Satz, der vom dionysischen Beginn zu Skizzen alltäglicher Wiederholungen führt, vom Gipfel in die Ebene, um mit dem Resümee des letzten Verses und der Explosion der beiden Reimwörter in einen Abgrund zu stürzen.

          Gibt es Eindeutigeres als die auf einer Skala bis zu Hundertstelgraden messbare Hitze, gibt es Vieldeutigeres als die Liebe? Trotzdem werden sie in der Poesie seit jeher in der Metapher des Feuers verbunden, das Herz, ach der ganze Körper muss brennen, und damit er daran nicht zugrunde geht, geht Liebe mit der Kraft der Jugend einher. Ziegers Gedicht nippt nur an diesen Traditionen, etwa indem der Sprechende seine Liebe als „hohe“ ironisiert, als hätte sie im Kontext mittelalterlicher Minne stattgefunden. Gleich darauf folgt „lohe“, ein Wagner-Wort wie „Brunst“, was die Heutigen eher zum Lachen reizt. Selbstverspottung also, aber darunter glühen Bitternis und Klage.

          „meine liebe“ ist aus Widersprüchen und Rätseln konstruiert. Das zweifache „musste“ beispielsweise – schildert es bloß die selige Trunkenheit? Oder doch das Zwang gewordene Ritual „erst trinken“, weil Erregung und Außer-sich-sein anders nicht mehr zu bewältigen sind? Und steigert hier die Hitze, was sie üblicherweise lähmt? Keine Antwort erforderlich, Logik unbrauchbar.

          Unter dem ebenfalls rätselhaften Buchtitel „Aufwartungen im Gehäus“ ist der Text 2011 in der Edition Rugerup erschienen, einem Hort der Eigenwilligen. Ulrich Zieger (1961 bis 2015) lebte ein kurzes, unangepasstes Leben, das ihn von Sachsen bis nach Südfrankreich führte, die letzten Jahre verbrachte er in Montpellier. Seine Sprache, sein Ton sind unverwechselbar. Dieses knappe Gedicht wirkt wie eine einzige spontane Geste, mitreißend, verschwenderisch, ein drängendes Lebenszeichen aus und in heißen Sommern.

          Ulrich Zieger: „meine liebe,“

          in den becher der lippen zuerst fließen mußte der wein,
          kinn und brust vor nässe triefen bevor man den mund auftat,
          flimmernd mußte die hitze geworden sein, das haus ein ofen

          mit geschlossenen augen, die hand auf der haut dieser frau,
          zigaretten, spaziergang im viertel, den abend auf einer terrasse;
          so verging meine liebe, die hohe, die lohe.

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