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Frankfurter Anthologie : Else Lasker-Schüler: „Mein Volk“

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Bild: Picture-Alliance

Als das Gedicht 1905 in Berlin erschien, stand das Judentum dort in einer tiefen Krise. Else Lasker-Schülers Zeilen sind ein zwiespältiges Bekenntnis zu „ihrem Volk“.

          In den „Hebräischen Balladen“, Else Lasker-Schülers berühmtestem Lyrikband, hat „Mein Volk“ eine besondere Stellung. Meist handeln die Balladen von einzelnen Gestalten aus dem Volk, von dem hier die Rede ist – von Joseph und Moses, von Abigail und Esther, von Jakob und der Sulamith. Hier aber dichtet sie über das Volk selbst: An ihm vollzieht Gott seine Taten, er schreibt sie in das heilige Buch und gibt es ihm am Sinai als seine Lehre.

          Das ist der Bund, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, und so haben die Juden sich immer verstanden: als das Volk des Bundes und das Volk des Buches. Wie aber steht es um dieses Volk, während Else Lasker-Schüler ihre Verse schreibt?

          Sie erscheinen 1905 in Berlin, der Hauptstadt des wilhelminischen Kaiserreiches, in der Deutschlands Juden eine tiefe Krise erleben. Im neunzehnten Jahrhundert hatten sie sich etabliert, und es hatte schon den Anschein, als würde die deutsche Gesellschaft sie akzeptieren. Aber als Bismarck sein Reich gründete, brach ein neuer Antisemitismus aus. Er war nicht mehr religiös, sondern politisch motiviert, und die Juden begegneten ihm auf verschiedene Weisen. Meist versuchten sie noch deutscher zu sein, als sie es ohnehin schon waren. Andere – besonders die Jüngeren – schlossen sich Martin Buber an und suchten nach ihren verschütteten jüdischen Wurzeln. Wieder andere folgten Theodor Herzl und wurden Zionisten.

          Die gefesselte Prophetin

          Wir wissen heute aus bitterer Erfahrung, wohin diese Krise geführt hat, aber schon damals, um die Jahrhundertwende, war sie nicht mehr zu lösen. Das zeigt bereits der Titel des Gedichts. Ohne die Juden beim Namen zu nennen, bekennt sich die Dichterin zu „ihrem Volk“, und das sind nicht die Deutschen. Damit unterläuft sie alle Bemühungen des neunzehnten Jahrhunderts, in dem es um eine Anpassung gegangen war, um die Deutschwerdung der Juden. Else Lasker-Schüler aber war nicht angepasst, und sie ging ihre eigenen Wege.

          Schon mit der ersten Zeile erweist sich ihr Bekenntnis als zwiespältig. Nicht nur für die Juden ist der Fels eine Metapher der Standhaftigkeit und des Überdauerns, auch die Christen haben auf ihm ihre Kirche gebaut. Bei Else Lasker-Schüler aber wird er morsch, und die Zweideutigkeit des Anfangs überträgt sich auf das ganze Gedicht.

          Denn wie ist das Verb der zweiten Zeile zu verstehen? „Entspringt“ das lyrische Ich dem Felsen, löst es sich ab, wie man von einer Klippe springt, entfernt es sich von ihm, weil der Felsen morsch wird? Oder ist das Wort ein Synonym für „entstammen“, sagt die Dichterin das genaue Gegenteil, kettet sie sich damit an den Felsen und kann ihm, selbst wenn sie es wollte, gar nicht entkommen?

          Zunächst hat es den Anschein, als beschrieben die Verse eine Flucht. Das Ich „stürzt vom Weg“, es geht in sich selbst, „rieselt“ in seinem Inneren dem offenen „Meer“ zu. In der zweiten Strophe setzt sich die Fließbewegung fort: Die Dichterin hat sich „so abgeströmt“ von ihres „Blutes / Mostvergorenheit“ – ein Schlüsselwort des Gedichts, das eine ganze Zeile füllt. Auf eine merkwürdige, fast christliche Weise setzt es Wein und Blut miteinander gleich, ohne eine Heilsgeschichte zu erzählen, denn das Blut – wie der morsche Felsen – ist verdorben, und die Dichterin sondert sich von ihm ab.

          Man glaubt einen prophetischen Zorn zu spüren, den Else Lasker-Schüler gegen die zeitgenössischen Juden hegt, während sie ihre „Gotteslieder“ singt, und doch ist allem schon die Gegenströmung eingeschrieben. Ihr Weg führt die Dichterin nach Osten, zu den Resten des zerstörten Tempels in Jerusalem, und von seinem „Klagegestein“ hallt in ihrem Inneren ein schauerliches Echo wider.

          Das Klagegestein auf ihrem Weg sind die Bruchstücke des zerbröckelnden Felsens, dem sie zu entfliehen sucht, aber es ist noch mehr. Es ist ein Teil ihres Selbst, und das macht alle Flucht sinnlos. Das Volk, für das sie dichtet, ist das „morsche Felsgebein“ ihres eigenen Körpers, an das sie genetisch gefesselt bleibt. In ihrem Inneren schreit es zu Gott, auf dass die trockenen Knochen wieder auferstehen, wie es der Herr seinem Propheten Ezechiel einst versprochen hat.

          Else Lasker-Schüler: „Mein Volk“

          Der Fels wird morsch,
          Dem ich entspringe
          Und meine Gotteslieder singe...
          Jäh stürz ich vom Weg
          Und riesele ganz in mir
          Fernab, allein über Klagegestein
          Dem Meer zu.

          Hab mich so abgeströmt
          Von meines Blutes
          Mostvergorenheit.
          Und immer, immer noch der Widerhall
          In mir,
          Wenn schauerlich gen Ost
          Das morsche Felsgebein,
          Mein Volk,
          Zu Gott schreit.

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