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Frankfurter Anthologie : Kerstin Preiwuß: „Mein innerer Chor“

  • -Aktualisiert am

Bild: Jorinde Gersina

Wie begegnet man schwierigen Zeiten? Die Gedichte von Kerstin Preiwuß umkreisen Zustände und Gefühle, die sich ständig verändern.

          2 Min.

          „Taupunkt“ heißt der vierte Gedichtband der 1980 in Lübz geborenen Lyrikerin und Romanautorin Kerstin Preiwuß. In der Meteorologie wird der Taupunkt zur Messung der Luftfeuchtigkeit herangezogen und bezeichnet die Temperatur, die bei konstantem Druck unterschritten werden muss, damit sich Wasserdampf als Tau oder Nebel abscheiden, also Kondenswasser bilden kann. Der Name des Bandes gibt also einen ersten Hinweis für die Lektüre der titellosen Gedichte des Bandes, die elf Stunden einer Nacht bis zum Morgen durchmessen: Sie umkreisen Zustände und Gefühle, die dem Taupunkt ähneln, der sich vor und zurück verwandelt, ins Stocken oder Fließen geraten kann, je nachdem, wie sich Temperatur- und Druckverhältnisse verändern.

          Wie begegnet man (sich in) schwierigen Zeiten? Über diese Aufgabe des Lebens im mehrfachen Sinne des Wortes denkt dieses Gedicht nach, das als Selbstgespräch aufgefasst werden kann. Ein Ich blickt janusköpfig in zwei Richtungen, auf seine vergangene und die ihm mutmaßlich noch bevorstehende Zeit, die unter der Last der gelebten Jahre gelebt werden will. Dieser Blick aus der und auf die „Hälfte an Jahren“, die an Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ denken lässt, versetzt die inneren Stimmen dieses Ichs in Aufruhr. Man kann sie sich vorstellen wie einen antiken Chor, als Gruppe von Sängern, die eine Lebensgeschichte kommentieren, oder, mit Bezug auf „verbellt“, wie ein Rudel Hunde, wie sie der Wanderer in Wilhelm Müllers „Winterreise“ hört: bedrohlich und kettenrasselnd.

          Begegnung in schwierigen Zeiten

          Sollte es tatsächlich die Zukunft sein, die hier „verbellt“ wird, erscheint sie schon vor ihrem Eintreten als vergeudet, vergeblich. Man kann darüber verzagen oder sich dagegen auflehnen: Die kommende Hälfte an Jahren muss – hier folgt eine befremdliche Wendung – „eingeläutet werden mit Geheul“. Läuten nicht üblicherweise Glocken? Was ist das für ein Geheul? Das eines Wolfs, eines Kindes, des Windes? Das Geheul steht gegen die Resignation und (Lebens-)Müdigkeit. Kämen diese dem Tod nahe, dann genügte es nicht, aufzustehen. „Ich muss auferstehen“, heißt es, also einen todesartigen Zustand aus eigener Kraft überwinden – eine ungeheuerliche, fast übermenschliche Anstrengung aufbringen, die der erholsamen, bewusstseinsverschiebenden Kraft des Schlafs entgegensteht. Gegenüber dieser Anstrengung wirkt der dritte Appell fast moderat und besänftigend: „Ich muss mich wieder fangen.“

          Aus den Appellen und Denkbewegungen wird ein „Teppich“, dessen Gewebe – man denke an Penelopes Totentuch, den „Teppich des Lebens“ bei Stefan George oder das Gedicht „Ein alter Tibetteppich“ von Else Lasker-Schüler – sinnbildlich für das Gedicht stehen kann. So ließe sich der Vers „Solche Bewegungen fließen als Teppich gegen die Eiszeit“ als ein Lob der Dichtung lesen, die das Erkaltete verflüssigen, das Ich in einen anderen Zustand führen kann.

          Die folgenden Verse wechseln vom Personalpronomen „Ich“ zum generalisierenden „Man“, vom starken Verb „müssen“ zum schwächeren Verb „können“, als würde das Szenario in größere Entfernung gezoomt. Was meint „mit den Füßen zu trinken“? Wird damit auf Georg Büchners „Lenz“ angespielt, der auf seinem Gang durchs Gebirge den Wunsch verspürte, „auf dem Kopf zu gehen“, ein Bild, das Paul Celan 1960 in seiner Büchner-Preisrede wieder aufgriff? Gewohntes wird im Gedicht umgekehrt, und diese Um- oder Verkehrung könnte es ermöglichen, den Aufruhr des Chores zu „überstehen“. Dieses Verb nimmt sich gegen „auferstehen“ klein aus. Auch die Feststellung „Man kann das überleben“ ist keine Parole, sondern eine eher leise Ermutigung, sie meint eben nicht „Reiß dich zusammen“, ist kein willfähriges „Erfinde dich ständig neu“.

          Auf den Menschen als animal rationale haben im Gedicht schon die Worte „Geheul“ und „fangen“ verwiesen. Im letzten Vers „Alles andere bleibt die Kunst der Tiere“ unterscheidet das Gedicht Mensch und Tier. Tiere folgen Instinkten. Sinn- und Überlebensfragen oder Zustände inneren Aufruhrs reflektieren sie nicht, und diese Unbeschwertheit schreibt das Gedicht allein ihnen als Kunst zu. Der Mensch dagegen muss sich den Ungewissheiten des Lebens und Sterbens denkend stellen – in diesem Fall auf dem Weg der Kunst, des Gedichts.

          Kerstin Preiwuß

          Mein innerer Chor ist in Aufruhr.
          Verbellt die kommende Hälfte an Jahren.
          Ich muss sie einläuten mit Geheul.
          Ich muss auferstehen wenn ich schlafen will.
          Ich muss mich wieder fangen.
          Solche Bewegungen fließen als Teppich gegen die Eiszeit.
          Man kann dann mit den Füßen trinken.
          Man kann schwierige Zeiten überstehen. Man kann das überleben.
          Alles andere bleibt die Kunst der Tiere.

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