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Frankfurter Anthologie : Christian Morgenstern: „Meeresbrandung“

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Bild: Picture-Alliance

Christian Morgenstern nähert sich dem alten Motiv der stürmischen See nicht vom Standpunkt des Betrachters, sondern lässt die Meeresbrandung selbst sprechen.

          3 Min.

          Das Meer hat schon immer zu tiefgründigem Nachdenken angeregt und trotz aller Gefahren zu friedlichen oder weniger friedlichen Unternehmungen herausgefordert, mit fortschreitender Technik umso mehr. So wurde in den Jahren nach der Deutschen Reichsgründung 1871, dem Geburtsjahr Christian Morgensterns, auch die Kaiserliche Marine aufgerüstet.

          Im Jahr 1897 erschien Morgensterns Gedichtsammlung „Auf vielen Wegen“, die er nachgerade sein „Gesellenstück“ genannt hat und die von einigen Zeitgenossen – zu Unrecht – als gedankenlyrische „Dehmelei“ abgetan wurde. Unter dem Titel „Vier Elementarphantasien“ findet sich darin ein Kleinzyklus mit den Gedichten „Meeresbrandung“, „Erdriese“, „Der Sturm“ und „Die Flamme“, die allesamt den Elementen bei ihren Vernichtungsfeldzügen gegen den Menschen eine scharfe Stimme geben.

          Christian Morgenstern nähert sich dem alten Motiv der stürmischen See nicht vom Standpunkt des in Not geratenen Seefahrers oder von dem des Betrachters, der im sicheren Hafen den Schiffbruch mit schauderndem Behagen verfolgt. Vielmehr lässt er die Meeresbrandung selbst sprechen und dreht damit die Perspektive um, in der Unerbittlichkeit des Monologs eine Art Kontrafaktur der Naturballade. „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ sind Vergangenheit.

          Heute mild, morgen wild

          Als Spross einer Familie von Landschaftsmalern, denen er sich ursprünglich anschließen wollte, hat Morgenstern zu deren bevorzugten Sujets poetische Gegenmodelle entworfen. In seinen Gedichten hat er ganz andere Landschaften imaginiert („Der Geist, erregt, aus Chaos Welt zu machen, / gebiert ein Heer von landschaftlichen Sichten“) und, wie bekannt, skurrile Gestalten zur Welt gebracht, von denen es einige in den literarischen Kanon geschafft haben.

          Eine Zeitlang war Morgenstern von Nietzsche beeindruckt, von dessen Ablehnung einer technikbesessenen Moderne, von der dithyrambischen Sprache und nicht zuletzt von der Meer- und Seefahrtmetapher als Ausdruck für den Verlust einer sinngebenden Instanz, womit freilich auch die Hoffnung auf Freiheit verbunden war: „Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“

          Ironisch wandte sich Morgenstern gegen die Fortschrittsgläubigkeit der Wilhelminischen Ära, gegen Bürokratie („Korf erhält vom Polizeibüro...“), gegen Hurrapatriotismus und Flottenbegeisterung. Mit dieser Haltung stand er freilich nicht allein, doch eine so unmittelbare apokalyptische Vision anhand des Meer-Motivs, sonst eher symbolistisch gehandhabt, findet sich damals kaum.

          Die schnarrende Lautmalerei des wiederholten „Warrrrrrrte nur ...“, die zu Rezitation und Vertonungen angeregt hat und wie eine verzerrende Anspielung auf Goethes sanftes „Warte nur, balde...“ klingt, wird zum drohenden Ruf; die Auslassungspunkte und Gedankenstriche markieren die Übergänge von einem Zerstörungsszenario zum nächsten. Stolz wird gebrochen, die Artefakte des Menschen, vermeintliche Zufluchtsorte, werden in die Tiefe gerissen, und die Gewalt der Natur macht auch vor den höchsten Bergen nicht halt. Die schaukelnde Bewegung der endreimlosen vierhebigen Jamben reflektiert das mächtige Schwungholen des Wassers. Die Binnenreime mit ihren Entgegensetzungen („heute mild und morgen wild“) ebenso wie die grammatischen Inversionen deuten das unberechenbare Auf und Ab der Wellen an.

          Vergeblich sind die Bemühungen, Dämme, Deiche zu bauen. Das „Land der Wahrheit (ein reizender Name)“, wie Kant es genannt hat, wird im Meer des Ungewissen verschwinden. Zeit spielt keine Rolle mehr, das Menschenwerk zerfällt – Rachefeldzug in einem Gedicht, das, wie das „Konzert am Meer“ („ungeheure Brandung, dazu – wenn auch höchst miserabel gespielter – Wagner“), aus Anlass eines Sylt-Aufenthalts entstand.

          Mit aller Vorsicht könnte man die „Meeresbrandung“ auch als einen frühen Beitrag zum Ökologie-Thema lesen. Palmström wiegelt zwar „Zunkunftssorgen“ noch ab: „Korf, so spricht er, sei ein Mann! / Du vergreifst dich im Jahrzehnt: / Noch wird all das erst ersehnt, / was, vom Geist dir vorgegaukelt, / heut dein Haupt schon überschaukelt.“ Der „Entfesselung der Begierden“ jedenfalls, von der Emil Durkheim genau im Jahr 1897 sprach, und rücksichtsloser Subjektivität wird in unserem Gedicht eine Absage erteilt. Selbst das lyrische Ich löst sich auf und wird von der Natur verschluckt, die jetzt von sich sagen kann: „und endlich nichts mehr ist als Ich / und Ich und Ich und Ich und Ich“.

          Michel Foucault hat einmal bemerkt, wenn die fundamentalen Dispositionen des Wissens ins Wanken gerieten, die Identität erzeugt haben, „dann kann man sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. Gestorben ist Christian Morgenstern im Jahr 1914, vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

           

          Christian Morgenstern: „Meeresbrandung“

          „Warrrrrrrte nur .......
          wie viel schon riß ich ab von dir
          seit den Äonen unsres Kampfs –
          warrrrrrrte nur .......
          wie viele stolze Festen wird
          mein Arm noch in die Tiefe ziehn –
          warrrrrrrte nur .......
          zurück und vor, zurück und vor –
          und immer vor mehr denn zurück –
          warrrrrrrte nur .......
          und heute mild und morgen wild –
          doch nimmer schwach und immer wach –
          warrrrrrrte nur .......
          umsonst dein Dämmen, Rammen, Baun,
          dein Wehr zerfällt, ich habe Zeit –
          warrrrrrrte nur .......
          wenn erst der Mensch dich nicht mehr schützt –
          wer schützt, verloren Land, dich dann?
          warrrrrrrte nur .......
          mein Reich ist nicht von seiner Zeit:
          er stirbt, ich aber werde sein –
          warrrrrrrte nur .......
          und will nicht ruhn, bis daß du ganz
          in meinen Grund gerissen bist –
          warrrrrrrte nur .......
          bis deiner höchsten Firnen Schnee
          von meinem Salz zerfressen schmilzt –
          warrrrrrrte nur .......
          und endlich nichts mehr ist als Ich
          und Ich und Ich und Ich und Ich –
          warrrrrrrte nur .......“

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