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Frankfurter Anthologie : Matthias Claudius: „Der große und der kleine Hund“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., dpa

Matthias Claudius wird bis heute in seinem Hintersinn unterschätzt. So geht es in dieser gereimten Fabel eigentlich um das Ende der Fabel und die Unzulänglichkeit belehrender Dichtung.

          2 Min.

          Mit Matthias Claudius (1740–1815) tut sich das deutsche Publikum auch 200 Jahre nach seinem Tod so schwer wie schon zu seinen Lebzeiten. Zwar sind einige seiner Gedichte lebendig geblieben, weil sie in den Stammteil des Gesangbuches der Evangelischen Kirche gefunden haben. Doch scheitert der Zugang zu diesem Autor vielfach an einer geradezu angelsächsischen Ironie, wie man sie von Laurence Sterne kennt. Scheinbar einfache Texte von Claudius versteht man erst, wenn man erkennt, dass ihr Sinn auf die Aufhebung eines vermeintlich erkennbaren Sinnes zielt.

          Claudius bedient sich gern traditioneller Formen der Literatur – doch bewegt er sich in ihnen oft sehr unkonventionell. Eine Fabel ohne Moral? (Gedichttext im Kasten unten) Gibt es so etwas? Was soll das sein? Wir haben es hier doch mit einer Fabel zu tun! Unzweifelhaft! Das merkt man wohl gleich auf den ersten Blick: mit einer Geschichte, in der Tiere reden, denken und handeln. Dazu mit einer solchen, deren Lehre sich gar bis zur Allgemeingültigkeit eines Sprichworts reduzieren ließe: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Oder: „Der Klügere gibt nach“, bevor die Sache bös für ihn endet. Zwei Hunde sind die Akteure: ein kleiner, der endlich auch einmal einen schönen Knochen gefunden hat, hungrig, wie das blinde Huhn, das endlich auch einmal ein Korn findet. Der andere Hund, mit dem sprechenden Namen Packan, der gleich so angsteinflößend klingt, als wäre das Tier nur so aufs Zupacken abgerichtet worden. Packan ist seiner Sache so sicher, dass er sie mit ein paar Worten des Neides gleich laut heraussagt, der andere, ein kleiner schwacher Kerl, aber ein kluger Beobachter, denkt ohne zu reden still nach, durchschaut die Situation, erkennt, dass er keine Chance hat – und trollt sich, ohne die David-Goliath-Variante der Problemlösung zu erwägen.

          Die vielen Facetten der Wirklichkeit

          Alard war der Name eines Hundes gewesen, der dem jungen Dichter selbst gehört hatte und dessen Name wohl nicht nur an eine bekannte holsteinische Predigerfamilie, sondern auch an das französische „alert“ erinnern sollte. 1778 machte ihn Claudius, selbst eher ein Alard als ein Packan, im sogenannten dritten Teil – den ersten und den zweiten hatte er spielerisch zusammen in einem Bändchen veröffentlicht – seiner Werke mit dem kryptischen Titel „ASMUS omnia SECUM portans oder Sämtlichen Werke des Wandsbecker Bothen“ zum Helden der kleinen Erzählung vom großen und vom kleinen Hund in Volksliedstrophen. Schon 1771 hatte Claudius in der von ihm redigierten Zeitung „Der Wandsbecker Bothe“ das rührende Gedicht „Als der Hund tot war“ eingerückt, nachdem „das gute Vieh“ an Gicht zu Tode gekommen war.

          Nach den Gesetzen der Poetik der Fabel begegnen sich Tiere verschiedener Gattungen, Hier sind es zwei Hunde, ein guter, ein böser; regelgerecht ist ein Hund in der Fabel stets von gutem Charakter, vor allem ein Muster an Treue. Die Erzählung von Packan und Alard verstößt ‚zur Hälfte‘ gegen diese Regel. Doch damit nicht genug der Regelverletzungen. Die Zwischenüberschrift „Ende der Fabel“ scheint die Moral anzukündigen. Aber es folgt kein sittlich-didaktisches Fazit der Erzählung. Vielmehr besteht die Belehrung des Lesers in einer gattungspoetischen Unterrichtung über die Unzulänglichkeit didaktischer Dichtung überhaupt: die einfache Einlösung der herkömmlichen Erwartung des Fabellesers hat als allzu billig ein Ende gefunden. Verstellt doch – so die Moral dieser nur ‚fabelhaften‘ Fabel – das allzu simple Moralisieren einer bloß didaktisierenden Aufklärung den Blick auf die vielen Facetten der Wirklichkeit. Das Gedicht gehört zu den nicht wenigen Texten im Werk des Wandsbecker Bothen, wo er von der Aufklärung zuallererst eine solche über sich selbst und eine Rückbindung ihrer Theorie an die Realität verlangt.

          Matthias Claudius: „Der große und der kleine Hund, oder Packan und Alard“

          Ein kleiner Hund, der lange nicht gerochen

          Und Hunger hatte, traf es nun

          Und fand sich einen schönen Knochen

          Und nagte herzlich dran, wie Hunde denn wohl tun

           

          Ein großer nahm sein wahr von fern:

          „Der muß da was zum Besten haben,

          Ich fresse auch dergleichen gern;

          Will doch des Wegs einmal hintraben.“

           

          Alard, der ihn des Weges kommen sah,

          Fand es nicht ratsam, daß er weilte;

          Und lief betrübt davon, und heulte,

          Und seinen Knochen ließ er da.

           

          Und Packan kam in vollem Lauf

          und fraß den ganzen Knochen auf.

           

          Ende der Fabel

           

          „Und die Moral“? Wer hat davon gesprochen? –

          Gar keine! Leser, bist du toll?

          Denn welcher arme Mann nagt wohl an einem Knochen,

          Und welcher reiche nähm ihn wohl?

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