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Frankfurter Anthologie : Basho: „Matsushima“

Bild: FAZ.NET

Das in diesen unüberbietbar einfachen Versen angestimmte Lob einer Kieferninseln erfüllt die von dem Dichter Basho aufgestellten Regeln für ein Haiku ganz genau. Aber ist das Werk auch von ihm?

          Über dieses Haiku lässt sich formgerecht knapp, also siebzehnsilbig urteilen: Von Basho, wie meist behauptet, ist das Lob der Kieferninseln nicht. Es wurde erst 1820, also 126 Jahre nach dem Tod des berühmtesten japanischen Dichters, in einer Gedichtanthologie gedruckt und dort noch einem Lyriker zugeschrieben, der unter dem Pseudonym „Tawara-Junge aus Sagami“ firmierte. Weitere Gedichte aus seiner Feder sind nicht bekannt. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wurde das Haiku dann Basho zugesprochen, obwohl es sich in keinem seiner zahlreichen Gedichtbände oder Reisebücher findet und es auch zu schön wäre, um wahr zu sein, wenn der gestrenge Erneuerer der Haiku-Dichtung etwas derart Stammelnd-Wortspielerisches geschaffen hätte.

          Wobei die prosodischen Voraussetzungen eines Haiku (drei Zeilen zu fünf, sieben und wieder fünf Silben) vom Matsushima-Gedicht vorbildlich erfüllt werden. Das in der deutschen Fassung etwas gesucht wirkende „A-ah“ ist die getreue lautmalerische Wiedergabe eines doppelten japanischen Schriftzeichens für einen begeisterten Ausruf, während das einfach „ah“ an den drei Versenden ein synonymes und ähnlich ausgesprochenes Zeichen wiedergibt. In der Ursprungsfassung stand 1820 statt „A-ah“ noch das Zeichen für sate (jetzt). Erst spätere Editionen veränderten es zur doppelt euphorisierten Form.

          Auch die inhaltlichen Erfordernisse an ein Haiku werden beachtet. Es war ja gerade Basho, der sie etabliert hatte. Als er als Zweiundzwanzigjähriger nach dem Tod seines Lehnsherrn 1666 den Dienst als Krieger mit dem eines zenbuddhistischen Mönchs vertauschte, schwor er auch der amüsanten, oft gar frivolen Haiku-Dichtung ab, die ein beliebter Zeitvertreib im höfischen Leben Japans war. Seine eigenen Gedichte wiesen fortan jeweils einen meditativen Naturbezug auf, vor allem jahreszeitlicher Art. Die Anordnung vieler Haiku-Sammlungen nach Jahreszeiten statt nach Autoren hat darin ihre Legitimität. Die Kieferninseln (matsushima), eine als besonders schön geltende Bucht in der Präfektur Miyagi, sorgen für eine solche Rückbindung, doch deren Bewunderer Basho wäre für die scherzhafte Sprachlosigkeit des Gedichts nicht zu haben gewesen.

          Basho (zugeschrieben): „Matsushima“

          Matsushima, ah!
          A-ah, Matsushima, ah!
          Matsushima, ah!

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