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Frankfurter Anthologie : Martin Heidegger: „Hütte am Abend“

  • -Aktualisiert am

Bild: Digne Meller Marcovicz

Gespräch über den Abend und das Abendland: eine lyrischen Vergegenwärtigung des eigenen Denkens in vier Strophen, eingebettet in den Vorgang des täglichen Lichtwechsels.

          3 Min.

          Neben den zahlreichen freirhythmischen Gedichten Martin Heideggers, die Botho Strauß einmal in ihrer Nähe zum vorsokratischen Spruch gefasst hat, fällt das vorliegende durch trochäisches Metrum und festen Reim heraus. Aufgezeichnet ist es in einer umfangreichen Sammlung „Aus der Erfahrung des Denkens“, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren angelegt wurde. Der Autor hat die einzelnen Strophen noch einmal eigens abgeschrieben und durch aphoristisch verknappte Formulierungen erweitert: „Wer schätzt die hohen Tage des herbstlichen Jahres?“

          Das Gedicht selbst zeigt in seinen viermal vier Versen eine strenge Fügung, in die der Vorgang der Abenddämmerung eingezeichnet wird. Der zeitliche Vorgang ist einem Ort zugewiesen, jener Hütte im Schwarzwald, die für den Philosophen eine Rückzugsmöglichkeit des Denkens und gelegentlicher Besuche bedeutet hat. Das Gedicht gewinnt somit den Charakter einer lyrischen Vergegenwärtigung und Erörterung des eigenen Denkens, das in den Vorgang des täglichen Lichtwechsels eingebettet wird. „Was ist an jedem Tag alltäglicher als das, was ist?“, notiert Heidegger zur dritten Strophe.

          Eigenwillige Einkehr

          Der Anfang evoziert die Lebendigkeit der Landschaft, in der der Wald vor dem blauen Nachmittagshimmel wahrgenommen wird, indes die Schwalben – also muss es noch eine Sommerzeit sein – in ihrer Schrift, die sie in die Luft schreiben, dem Verstehen unzugänglich bleiben. In anderem Zusammenhang hat Heidegger die Weltarmut des Tieres von der dem Menschen reservierten „Freie des Seins“ abgesetzt, die in der knappen Wendung „Welt wird frei“ in der zweiten Strophe aufgerufen ist. Zu dieser Welt des menschlichen Daseins gehört die Artikulation der Stimme, aber auch das bäuerliche Wohnen und Arbeiten. In seiner Auslegung der „Schuhe“ von van Gogh in der Abhandlung „Über den Ursprung des Kunstwerks“ hat Heidegger diesen Zusammenhang ebenso bedacht wie in seinem Vortrag über das „Bauen Wohnen Denken“.

          Mit der dritten Strophe wird die Farb- und Lichtwahrnehmung weitergeführt, das Abendrot der Landschaft weicht dem felsigen Grau (und wird in der vierten Strophe dann zur Nacht), zugleich ist im „Versickern“ und „Verlöschen“ die Beruhigung geradezu hörbar. Auffällig an dieser dritten Strophe ist weiter das Ensemble der kurzen Sätze mit dem Verzicht auf die Artikel, – hier handelt es sich unübersehbar um ein Echo der frühesten Lektüren, denn schon 1912, so berichtet es Lorenz Jäger in seiner Biographie, ist der Student Heidegger von den gerade erst erscheinenden Gedichten des wenig älteren Georg Trakl elektrisiert. Später werden die Erörterungen vor allem Hölderlins, aber auch Rilkes dazukommen. Die eher konventionelle Wendung von „Wahn und Wille“ klingt allerdings eher wie eine Reminiszenz an die Stabreime Richard Wagners. Vom Abend als der „Neige der Tage der geistlichen Jahre“ wird in Heideggers Trakl-Interpretation in „Unterwegs zur Sprache“ wieder die Rede sein.

          Mit der vierten Strophe kommt mit dem Reh ein bei Trakl beliebtes Motiv ins Spiel, bevor die Schlusswendung mit der Nacht als Verhüllung der Helle den zeitlichen Prozess vollendet und in die Beschreibung von der Stille des Denkens, als eines Sich-Stillens verdichtet, münden lässt.

          Die durch Reim und Metrum gestärkte Musikalität dieses Gedichtes, im Unterschied zu den härteren Fügungen seiner anderen Texte aus dieser Reihe, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier ein „Weg“ beschritten wird, um die Lieblingsmetapher des Philosophen zu nutzen (seine Gesamtausgabe steht unter dem Motto: Wege, nicht Werke), der dann in die Vollendung des Denkens führen soll. Ob man das Gedicht als „Ganghofer mit Trauerrand“ versteht oder als Zeugnis, dass die Sprache das „Gespräch des Seyns“ zu sagen versucht, – es ist überdies Teil eines Gesprächs über den Abend und das Abendland, eigenwillige Einkehr, so könnte man sagen, die, wenn das Gedicht aus dieser Zeit stammt, denjenigen Untergang ausblendet, den Heidegger 1933 als „geschichtlichen Augenblick“ begreifen wollte, aber ihn in seinen grauenhaften Folgen nur sehr bedingt zu bedenken bereit war. Berühmt geworden ist daher die Formulierung Paul Celans, der 1967 jene Hütte im Schwarzwald besucht hat und im Gedicht „Todtnauberg“ die Formulierung festgehalten hat, die in einer ganz anderen Weise den Denker des „Offenen“ an etwas gemahnte, was er nicht vollendet hat: „die in dieses Buch / geschriebene Zeile von / einer Hoffnung, heute / auf eines Denkenden / kommendes / Wort / im Herzen“.

          Martin Heidegger: „Hütte am Abend“

          Weit geschartes Waldgezüge
          wandert durch den blauen Duft.
          Zeichen ziehen Schwalbenflüge
          ungelesen in die Luft.

          Jäh verhallt ein junger Schrei.
          Langgestreckte Höfe dämmern
          in den Abend. Welt wird frei.
          Bauern ihre Sensen hämmern.

          Grau blickt in das Rot der Stein.
          Wind versickert in die Stille.
          Abendwärts klagt später Schein.
          Hart verlöschen Wahn und Wille.

          Rankes Reh kommt an die Quelle,
          ob den Berg der erste Stern.
          Nacht verhüllt die eigene Helle.
          Denken stillt sich scheu und gern.

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