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Frankfurter Anthologie : Marcel Beyer: „Der letzte Schlurf“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

In diesem Gedicht wird der Gegenwart die Pokemonkrawatte umgelegt. Dem Autor, einem hier in Versen schwerelos tänzelnden Marcel Beyer, wird an diesem Samstag der Büchnerpreis verliehen.

          2 Min.

          Nein, dies ist keine Huldigung an den aktuellen Pokémon-Wahn. Als sich jugendliche Köpfe noch über Gameboys neigten, trat „Der letzte Schlurf“ in Marcel Beyers Gedichtband „Erdkunde“ aus dem Jahr 2002 ans Licht. Die virtuosen, düsteren Texte, die ihn dort umgaben, spürten zumeist dem Osten und seinen Landschaften nach. Unwirtlich die Gegenden, schlimm die Historie, rauh die Sprache – als legte es der Autor, dessen Romane „Das Menschenfleisch“ oder „Kaltenburg“ heißen, auch in seiner Lyrik auf Frostiges an.

          Doch „Der letzte Schlurf“ ist ein heiter zuckendes Flämmchen, eine Nachterscheinung unklarer und desto reizvollerer Natur. Wer spricht, wer der Angesprochene ist, bleibt in der Schwebe. Aus leisen Geräuschen, leisen Bewegungen, aus Zwielicht und Vagheit, Vergangenheit und Schlaf wird ein zartes Netz geknüpft und über eine nur Sekunden währende bewegte Szene geworfen. Jemand, vielleicht der Leser, scheint spät noch empfänglich, ein anderer, vielleicht als Traumfigur oder Geist, spricht zu ihm. „Schlurf“ lässt „schlurfen“ anklingen, aber auch „schlürfen“; „schuffele“ weist zurück auf schleifende Schuhe. Keinen Namen, bittet die Gestalt, keine Aufzählung der „alten Platten“, keine Definitionen und Eingrenzungen. Was ist, ist bloß ein Hauch. „Zimt“ stiftet Duft und Verwirrung, aber weil es das „z“ von „erzählen“ und „Zimmer“ wiederholt, fügt es sich ein. Die Pokemonkrawatte und die müden Finger gehören dem Sprechenden, doch auch der Angeredete wird ja müde sein, und das Wegdämmern in den Schlaf verwischt die getrennten Identitäten zur „dritten Person“, wie ein früheres Gedicht Beyers heißt. Unscharfe Konturen, zwischen die die mühelosen Reime ein paar Haltepunkte setzen. Alles da: Reden und Schweigen, Kalkül und Naivität, Alltag und Zauber.

          Man lausche einfach nur den Worten

          Und dahinter natürlich, wie immer in den Gedichten Beyers, der am heutigen Samstag in Darmstadt mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wird, eine zweite Welt der Anspielungen. „Schlurf“ bezeichnete im Österreich der dreißiger Jahre einen jungen Mann, der in Kleidung und Auftreten amerikanische Vorbilder imitierte, die Musik des Swing liebte und den Shuffle tanzte. Mit langen, kunstvoll gebürsteten Haaren, in eleganten Hosen und Schuhen mit Kreppsohlen demonstrierte er seinen Protest gegen völkische Leitbilder. Nach dieser Lesart geistert er als Held durch das Zimmer eines Bewunderers, der vielleicht Marcel Beyer heißt und eine legendäre Schallplattensammlung besitzt. Wohl wissend, wen er sieht, versteht er auch die Anweisung, den Namen nicht zu rufen, damit der magische Bann bestehen bleibt. Eine Märchenszene, die in einem einzigen Satz zwei Zeiten mixt, indem sie der Vergangenheitsikone die Pokemonkrawatte der Gegenwart umlegt und zwei Orte ineinanderblendet: Zimmer und Bad, also das Gewohnte, aber durch „Zimt“ auch ein bisschen Orient und Flunkerei: „Zimt reden“ hieß einmal „Unsinn erzählen“.

          Trotzdem lässt man solche Fakten besser im hintersten Hinterkopf und lauscht den Worten, andante con moto, um kein Bild, keinen Klang zu verpassen. Wie schwerelos tänzelt da jemand Richtung Badezimmer, schnippt mit den Fingern und blinzelt dem fast schon Schlafenden verschwörerisch zu! „kein Mann, kein Möbelstück, kein Kind“ – das ist die Perle mit Talent zum Lieblingsvers, der noch durchs Gedächtnis schwingt, wenn die anderen Zeilen schon verblassen.

          Bleibt noch zu klären, welches Pokemon der Schlurf wohl für die Krawatte gewählt hat. Ich rate: den Schlurp, einen aufrecht stehenden kleinen Drachen mit übergroßer Rolling-Stones-Zunge in glibbrigem Rosa. Ein bisschen ekelhaft, ja. Aber das passt schon.

          Marcel Beyer: „Der letzte Schlurf“

          Und manchmal, nachts, schuffele ich leise

          durch dein Zimmer, doch meinen Namen

          rufen sollst du nicht, auch von den alten

           

          Platten nichts erzählen, Zimt: Du siehst

          mich ja, wie ich im Bad verschwinde,

          kein Mann, kein Möbelstück, kein Kind, und

           

          wie ich mir die Pokemonkrawatte binde, bis

          meine müden Finger eingeschlafen sind.

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