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Frankfurter Anthologie : Pia Tafdrup: „Magische Aussicht“

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Bild: FAZ.NET

Wie kann man den Abschied von einem geliebten Menschen in Sprache verwandeln und zugleich die Erinnerung an ihn festhalten? Pia Tafdrup gelingt es mit diesen Versen an Ihren Vater.

          Wer trauert, für den dehnt sich die Zeit. Eine lähmende Unbeweglichkeit breitet sich aus, und das Denken stockt. Alles scheint nur noch um einen Mittelpunkt zu kreisen: den Schmerz des Verlustes. „Leiden ist ein einziger langer Augenblick“, meinte Oscar Wilde, „es kennt keine Jahreszeiten. Wir können nur seine Stimmungen festhalten und ihre Wiederkehr aufzeichnen ... Die Sonne selbst und der Mond scheinen uns genommen. Draußen mag der Tag in blauen und goldenen Farben leuchten – das Licht, das zu uns herein kriecht, ist grau und karg.“

          Wie kann man über die Trauer schreiben, wo doch alle Möglichkeiten zur Unterscheidung verlorengegangen sind? Wie kann man den Abschied von einem geliebten Menschen in Sprache verwandeln und zugleich die Erinnerung an ihn festhalten?

          Und wie kann man so schreiben, dass man das Leid nicht ästhetisch ausbeutet? Die dänische Dichterin Pia Tafdrup hat der Trauer und dem Sterben ein ganzes Gedichtbuch gewidmet. In „Tarkowskis Pferde“ schreibt sie über das langsame Verschwinden ihres demenzkranken Vaters. Dabei nimmt sie nicht eine vermeintlich sichere Beobachterperspektive ein, sondern schneidet verschiedene Sprechpositionen ineinander und schmiegt sich vor allem immer wieder eng an die Wahrnehmung des Vaters an. Dazu arbeitet sie mit Zeilensprüngen, übersetzt die brüchige Sichtweise des Vaters in ein Gefüge changierender Bedeutungen. Mit diesen Kunstgriffen gelingt es ihr, dass wir als Leser die Welt aus der Sicht des Vaters erleben.

          Denn Eis kann zu Feuer werden

          So folgen wir dem Verlauf seiner Krankheit und spüren, wie die Dinge und Namen seinem Gedächtnis nach und nach entgleiten, wie seine Welt sich auflöst. Wir sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen und erinnern uns gleichsam mit ihm zusammen. „Sieh, das Wasser“, sagt der Vater – und die roten Dächer der Stadt verwandeln sich für ihn und uns in Wasser. Magisch ist diese Aussicht, weil sie die gewohnten Einteilungen unserer Weltwahrnehmung, etwa in Realität und Imagination, sprengt. Und weil sie von dem Glauben lebt, die Sprache könne mit ihren Praktiken Einfluss auf die Kräfte der Welt nehmen. Magischen Riten folgt aber auch die Struktur des Gedichts. Dreimal setzt der Vater in einem fast biblischen Schöpfungsgestus zu sprechen an („Sieh, das Wasser“, „Sieh, den Schnee“, „Das ist ein großes Stück Land“) – dreimal werden seine Sätze durch das Markieren der Sprecherposition („sagt mein Vater“) relativiert.

          Doch Pia Tafdrups Gedichte holen nicht nur das Verschwinden des Vaters in die Sprache, sondern auch das Abschiednehmen und die Trauer der Tochter. Wieder sind es drei Anläufe („Ich nehm’ seine Hand/in meine“, „Ich halt’ seine Hand/fest“, „ich versuche ihn zu erreichen“). Sie spielen die magische Vorstellung aus, indem man einen anderen Menschen berühre, lasse sich Lebenskraft übertragen und seine Handlungsweise beeinflussen. Die zärtliche Geste, die Hand des Vaters in die eigene zu nehmen, die das Verhältnis aus Kindheitstagen umdreht, verbindet sich mit dem Wunsch, die Tochter könnte den Vater einschlafen und wieder aufwachen lassen.

          Das Wundersame an diesem Gedicht aber ist: Es spricht vom Vergessen, zeigt uns, wie dem Vater die Welt entschwindet – und vollzieht so zugleich die umgekehrte Bewegung, sammelt Erinnerungen und macht sie lebendig. Sonne und Mond scheinen der Trauernden genommen, doch sie kehren wieder in Form von Sonnen- und Mondbildern, die in die Gedichte gesetzt sind.

          Pia Tafdrup versieht ihren großen Trauerzyklus mit mythologischen Anspielungen und Gedächtnissplittern aus dem Leben des Vaters, sie verteilt kleine Motive und schließt die Zeiten ebenso kurz wie sie einzelne Zeiträume dehnt (manchmal genügen drei Punkte, um eine Spanne von mehreren Stunden anzudeuten). Ihre Sprache kennt traditionelle poetische Mittel wie die Anrufung und das nüchterne Vokabular unserer Gegenwart. Zwar vermag es das Gedicht nicht, den Tag in blauen und goldenen Farben leuchten zu lassen. Aber es schenkt uns am Ende ein magisches Bild: Das Eis kann zu Feuer werden, und für Momente meint man den Vater draußen auf seiner Sandbank zu sehen.

          Pia Tafdrup: „Magische Aussicht“ / „Magisk udsigt“

          – Sieh, das Wasser,
          sagt mein Vater und wirft einen Blick
          über die roten Dächer der Stadt.
          Ich nehm seine Hand
          in meine,
          er döst, wird wach ...
          – Sieh, den Schnee,
          sagt mein Vater und schaut hinaus,
          am letzten Tag im Mai.
          Ich halt’ seine Hand
          fest,
          er schläft, wird wach ...
          – Das ist ein großes Stück Land,
          sagt mein Vater,
          der zwei Höfe hatte
          und nun
          Ausschau hält von seinem Bett
          im 23. Stock des Krankenhauses.
          In diesem schlummernden Körper
          wird er sterben.
          Eis schmilzt zu Feuer –
          ich versuche ihn zu erreichen
          draußen auf der äußersten Sandbank.

          ***

          – Se, vandet,
          siger min far og kaster et blik
          ud over byens mange rode tage.
          Jet tager hans hand
          i min,
          han doser, han vagner …
          – Se, sneen,
          siger min far og kigger ud
          den sidste dag i maj maned.
          Jeg holder hans hand
          han sover, han vagner …
          – Det er et stort stykke jord,
          siger min far,
          der har haft to garde
          og nu
          holder udkig fra sin seng
          pa hospitalets 23. etage.
          I denne slumrende krop
          skal han do.
          Is smelter til ild –
          jeg forsoger at na ud til ham
          pa den yderste revle.

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