https://www.faz.net/-gr0-a4914

Frankfurter Anthologie : Doris Runge: „märchenhaftes binz“

Bild: Christa Kujat

Was geschieht da „mitten im Sommer“ in Binz? Eine Schneekönigin erscheint und verteilt ihren Eishauch. Doris Runge verdichtet die Bilder des Märchens auf beeindruckende Weise.

          2 Min.

          Was geschieht da, „mitten im sommer“, zwischen den beiden gleichlautenden Zeilen, die das Gedicht „märchenhaftes binz“ umschließen wie die Hälften einer Glaskugel? Eine „schneegeborene“ erscheint, überraschend zu dieser Jahreszeit, auffällig zunächst durch ihr Gewand mit dem Saum aus Scherben, dann indem sie Eisblumen an die Häuser haucht wie der leibhaftige Winter.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber sie belässt es nicht dabei, und was nun geschieht, betrifft die Bewohner der eisbehauchten Häuser noch etwas mehr. Es bringt sie in Gefahr: Denn wer die Wölfe mit Kreide füttert, hilft ihnen dabei, ihre wahren, finsteren Absichten zu vertuschen, und was die eiskalte Hand der Fremden auf dem Herzen des nun direkt angesprochenen Adressaten des Gedichts bewirkt, kann man ahnen.

          Die kalte Hand auf dem Herzen

          Warum? Weil der Auftritt, der hier erzählt wird, an einen anderen, unvergesslichen, erinnert, vertraut aus der Märchenwelt Hans Christian Andersens. Einen letzten Anstoß zum Verständnis gibt der Blick auf die gegenüberliegende Seite von Doris Runges großem Lyrikband „du also“ aus dem Jahr 2003. Dort steht ein Gedicht mit dem Titel „die kleine aus kopenhagen“, das auf wenigen Zeilen ein Bild von Andersens „Kleiner Meerjungfrau“ entwirft, kenntlich bereits im Titel des Gedichts. In „märchenhaftes binz“ aber betritt Andersens Schneekönigin die sommerliche Stadt und legt einen Eishauch darüber, begleitet von den Scherben eines von einem Troll gefertigten Zerrspiegels, die unseren Augen und Herzen so gefährlich sind, weil sie den kritischen Blick schärfen bis zur Wahrnehmung der Welt einzig als Groteske. Und in jeder Blüte schon den künftigen Verfall erkennen lassen.

          All das deutet Runge an, sie verdichtet die Bilder des Märchens auf dreizehn knappe Zeilen, an denen kein Wort überflüssig ist, und deren Beschreiben des schneeköniglichen Auftritts. Wer immer da beschreibt, hat – anders als der von den Trollscherben versehrte kleine Kay im Märchen – die Schneekönigin durchschaut, er kennt das schon. So wie wir es wiedererkennen können, wenn wir uns nur an das Märchen erinnern.

          Aber es ist das Vorrecht der Dichterin, die Schneekönigin auch dort zu ahnen, wo sie auf ihre gewohnten eisigen Attribute verzichtet, ihre Absichten also wie der kreidefressende Wolf gegenüber den jungen Geißlein verbirgt. Vom im Titel genannten Ort Binz ist die Kreide nicht weit, aber das Attribut „märchenhaft“ hat hier nichts von dem Klang, der Touristenziele bewirbt. Es legt vielmehr offen, dass auch „mitten im sommer“ die Hand der Schneekönigin ein Herz berühren und zum Vereisen bringen kann, ohne dass sein Besitzer es bemerkt. Und dass dem anderen, dem Gegenüber, dann nur noch die späte Warnung bleibt vor den Folgen des Erkaltens, die dann auch ihn selbst betreffen werden. Dankbar ist diese Rolle nicht.

          Doris Runge: „märchenhaftes binz“

          mitten im sommer

          die schneegeborene
          im blauen samt
          zerstoßenes glas
          der saum
          sterne blumen
          haucht sie auf
          giebel und balkone
          veranden weiß
          sie füttert die wölfe
          mit kreide sie legt
          ihre hand auf dein herz

          mitten im sommer

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Innen nur 2-G: Und trotzdem bleibt, auch in diesem Braunschweiger Gasthaus, die Ansteckungsgefahr relativ groß.

          Vorschlag von Forschern : Acht Parameter gegen Corona

          Trotz 2-G-Regeln bleibt die Gefahr für eine Corona-Ansteckung in Innenräumen groß. Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck haben eine Checkliste entworfen, wie sich die Gefahr etwa in Restaurants verringern lässt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.