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Frankfurter Anthologie : Lina Atfah: „Lin und Leila und der Wolf“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Die syrische Dichterin Lina Atfah hat erlebt, wie der Krieg ihr Heimatland zerrüttet und den Kindern ihre Kindheit raubt. Diese Verse sind ein Aufruf zu Mut und Verantwortung.

          Im Sommer 2016 verbrachten sechs syrische und sechs deutsche Dichterinnen und Dichter zusammen mit einem Interlinearübersetzer und den Leitern und Praktikanten des Hauses acht Tage im Künstlerhaus Edenkoben in Rheinland-Pfalz. Vor wenigen Wochen ist eine Anthologie mit den dabei entstandenen arabischen Gedichten und ihren deutschen Übersetzungen erschienen. Wenn ich an den Traumsommer vor zwei Jahren in Edenkoben denke, habe ich die Feigen im von Weinbergen umgrenzten Garten vor Augen, und außer dem Zwitschern der Vögel sind mir vor allem die abendlichen Gesänge und Erzählungen der Anwesenden in Erinnerung geblieben.

          Manche Geschichten gehen einem nicht mehr aus dem Kopf, und als mir eines Nachmittags die jüngste und sehr temperamentvolle Dichterin Lina Atfah, die 1989 im syrischen Salamiyya geboren wurde und nun im Ruhrgebiet lebt, vom gewaltsamen Tod ihrer fünfjährigen Cousinen durch eine Miliz des Assad-Regimes erzählt, erscheint das Unfassbare wie ein Gespenst im sommerwarmen Garten.

          Das Gedicht „Lin und Leila und der Wolf“, das im Original zwar rhythmisch organisiert ist, aber sprachlich ohne ein strenges Versmaß auskommt, ist nach eigener Aussage kein Klagegesang. Was es beschreiben will, kann zudem kaum Gegenstand eines Gedichts sein, da die Kindheit „kleiner ist als jede Träne“, von der ein Gedicht nur „wirr“ sprechen kann.

          Wie könnte ein Gedicht auch die Kindheit so in Worte kleiden, dass die Unmittelbarkeit ihres Erlebens darin abermals fassbar wird. Und wie erst den Tod zweier Kinder im Vorschulalter, die zum Zeitpunkt ihres Sterbens der Sprache noch gar nicht vollständig mächtig waren, noch nicht alle Buchstaben zur Gänze zur Verfügung hatten? Plötzlich erinnert man sich an den Beginn seines eigenen Lesens, den Schrifterwerb, das Mysterium eines jeden neuen erlernten Buchstabens.

          Erinnerung an das Menschsein eines jeden

          So bunt die Kindheit, so schwarz ist das Gedicht. Man denkt bei dieser Aussage schnell an die stoische Druckerschwärze der Buchstaben, auch an das bittere Sujet, dem es sich annimmt, sowie generell an die Ohnmacht der Sprache angesichts dessen, was sie in Worte fassen, mitteilen will. Die Haltung ist von Skepsis bestimmt: Es wird dem Gedicht niemals gelingen, mit Sprache das Licht einzufangen; sei es das der von den Kindern gemalten Sonnen, jenes „im Kinderauge“, oder das „lispelnde Licht im honigfarbenen Pony“.

          Man würde gerne wissen, was das Licht zu erzählen hat, ob es eine Aufklärung verspricht, eine Lichtung im Sinne eines Entbergens dessen, was das Sprachdickicht nicht erhellen kann. Der „letzte, höchste Text“, so lesen wir, sei die Kindheit selbst, wobei jenes bunte Gewebe gemeint zu sein scheint, das nicht nur dem farblosen Tode entgegengesetzt ist, sondern sich auch den Worten der Dichterin widersetzt.

          Letztlich wächst gerade im Zugestehen des Scheiterns der Sprache im Spiel die Kraft des Textes. Und im Spiel mit den Farben Gelb und Orange, dem immer wiederkehrenden Licht und dem Auftauchen von sehr plastischen Gegenständen wie in einem Malbuch, in dem die KInder diese Farben einfangen, wird ihre verlorene Welt fühl- und erinnerbar.

          Starke Ambivalenz liegt im Bild des Regens. Als konkretes Naturphänomen, das das Feuer der brennenden Leichen löscht, verkörpert er das Vergessen und entflammt zugleich die Motivation zum Verfassen des Gedichts: Um ein Verlöschen der Erinnerung zu verhindern, muss das Vergessen gegen sich selbst anschreiben. Dieses Bewahren der Erinnerung gerät zur Notwendigkeit, denn das Kriegsgeschehen in Syrien geht nicht nur die Familien der Opfer, sondern uns alle an; es ist „eine Kugel für jegliche Stirn“.

          Ziel ist nicht eine Mystifizierung der Opfer als Engel, nicht, sie in Metaphern zu kleiden und zu Lichtgestalten zu stilisieren, sondern sich ihres Menschseins zu erinnern, welches wir alle mit ihnen teilen. Mord und Töten, Feuer und Gewehre, kurz: die Tyrannei eines Regimes, steht dem, was das Menschsein ausmacht, auf substantielle Art entgegen, denn sie nimmt das Leben.

          Vermischung von Individuum und Nation

          Das Gedicht endet mit der unrealistischen Hoffnung, dass die Kinder friedlich unter der Klinge des Mörders einschlafen und in einem anderen und besseren Leben wieder erwachen möchten. Dieses Leben soll auf irdische Art paradiesisch sein, insofern es die Kinder nicht aus dem Diesseits in eine höhere Existenz entheben, sondern ihnen eine neue konkrete Leiblichkeit schenken, ihnen ihr Spielzeug, ihr Alphabet, ihr Lispeln, zurückgeben soll.

          Immer wieder vermischt sich im Gedicht das Individuum mit der Nation. Die getöteten Mädchen, „die die Wunden des Landes teilen / und unser Unheil“, sind zugleich frei von Schuld. Perspektivisch steht ihnen ein „uns“ entgegen, das sich nicht aus seiner Verantwortung für das eigene Land und Schicksal ziehen will. Dieses Vermeiden einer simplen Anklage anderer zu Gunsten eines Miteinschließens seiner selbst, als der erwachsenen und somit auch politisch mitverantwortlichen Generation, trägt zur engagierten und couragierten Haltung des Gedichts bei.

          Nicht das Regime allein wird beschuldigt, sondern wir selbst werden eingeschlossen. Unter diesem „wir“ sind sowohl die überlebenden Syrerinnen und Syrer zu verstehen, zu denen auch die Autorin zählt, als auch all jene, die ihre Augen vor der immer offensichtlicher werdenden humanen Katastrophe verschließen. Deren Ursachen zu finden und nach friedlichen Lösungen zu suchen, sollte deshalb das oberste Gebot der Stunde sein.

          Die syrischen Autorinnen und Autoren, die ich in Edenkoben kennenlernen durfte, haben enge Verwandte in ihrer Heimat; Lina Atfah ist eine von ihnen. Trotz immenser persönlicher Betroffenheit gelingt es ihr in ihrem Gedicht, auf bewundernswerte Weise vom eigenen Leid zu abstrahieren und ein allgemeines Ansinnen zu formulieren. Das Gedicht ruft uns zu: Wir dürfen die Rettung bedürftiger Menschen als höchstes Ziel nicht aus den Augen verlieren.

          Lina Atfah: „Lin und Leila und der Wolf“

          Für Lin und Leila Atfah und alle syrischen Kinder, deren Leben das Messer des Mörders zuvorkam
           

          Zwei Mädchen aus Honig, Schlummer, Armreifrascheln.
          Zwei Mädchen, deren nächtliches Lächeln das Morgenherz flaumleicht schloss.
          Kein Klagegesang ist dies,
          ist doch die Kindheit kleiner als jede Träne,
          spricht das Gedicht doch nur wirr von der Kindheit,
          schleudert Buchstaben hin wie Wahrsagerinnen die Kiesel,
          zerfasert, wird nichts als Prosa.
          Spricht eine Fünfjährige alle Buchstaben aus?
          Malt sie die Sonne mit Gelb, mit Orange?
          Kann das Messer des Mörders dem lispelnden Licht im honigfarbenen Pony etwas tun?
          Das Gedicht ist schwarz und die Kindheit bunt.
          Wie ihre Kleider beschreiben?
          Und wie die Schmetterlinge, ihren Schulterschmuck?
          Wie soll ein Text das Licht im Kinderauge fassen,
          das Licht um eine Zeile höher heben,
          wenn die Kindheit der letzte, höchste Text ist.
          Regen, der das Feuer in den toten Körpern unserer Kinder löschte.
          Regen, der das Feuer in uns entfachte. Regen, der dies schreibt.
          Da ist eine Kugel für jegliche Stirn.
          Zwei Mädchen, die die Wunden des Landes teilen
          und unser Unheil,
          auf unserer Spur, der Fährte des Blutes sind.
          Die Kindheit ist bunt und farblos der Tod.
          Das Töten ist das neue Gesicht des Landes,
          ist des Tyrannen einziges Gesicht.
          Unsere Kinder waren nicht Engel, nicht Spatzen aus Licht,
          nicht Leber und Herz von uns. Wir breiteten keinen
          Teppich aus Kronenflughuhnflaum für sie aus.
          Unsre Kinder sind Menschen, Gewehre bringen sie um.
          Wir breiteten unsere Seelen für sie aus,
          doch auf dem Weg in ihr eigenes Leben
          gerieten sie in eine blutüberflutete Heimat,
          an den Mörder, schliefen friedlich unter seiner Klinge ein.
          Mögt ihr erwachen am Morgen mit Spielzeugen, Malbüchern.
          Mögt ihr erwachen am Morgen mit all den Buchstaben,
          dem Alphabet und dem Lispeln bei ess und zett.
          Mögt ihr erwachen am Morgen mit Liedern, einem Traum,
          in dem die Kindheit nicht geopfert wird für unser Überleben.
           

          Aus dem Arabischen von Mahmoud Hassanein (Interlinearübersetzung) und Jan Wagner (Bearbeitung)

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