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Frankfurter Anthologie : Johann Ludwig Ambühl: „Lied einer Schnitterin“

Bild: picture-alliance

Ein Abschiedsmahl, das zugleich ein Freudenfest ist: Gedanken einer Schnitterin bei der Arbeit im Getreidefeld an das Leben, den Tod, an die abendliche und an die allerletzte Heimkehr.

          2 Min.

          Wer je eine Garbe Korn im Arm gehalten hat, wird das archaische Glücksgefühl, das dabei den Körper durchströmt, nie vergessen. Solch ein Glück bejubelt die Schnitterin im nebenstehenden Erntelied, das wie von Goldstaub überhaucht erscheint. „Reif und warm“ von der Sonne ist die Garbe, golden die Ähre, als hätte Lugh, der „leuchtende“ Keltengott der Helvetier sie hier, hinter dem Säntismassiv, geküsst. Aber noch hat die Schnitterin ihre Sense nicht aus der Hand gelegt, um nach der Sichel zu greifen, da wird ihr bewusst, dass sie das domestizierte Gras tötet, dessen Fruchtstand sie essen will. In der dritten Strophe reimt sich „heim“ auf „heim“ – scheinbar ungeschickt. Aber das ist gewollt, denn dem Heimgang des Korns zur Tenne entspricht der Heimgang des Menschen zu Gott: „Immer nach Hause“, wie Novalis schrieb.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Dichter der Frühromantik war erst acht Jahre alt, als dieses „Lied einer Schnitterin“ 1780 in der „Brieftasche aus den Alpen“ nebst Erzählungen und Betrachtungen von Johann Ludwig Ambühl (1750 bis 1800) in Zürich erschien. 1803 wurde es postum unter dem Titel „Gedichte“ in St.Gallen und Leipzig gedruckt, zu singen nach einer Melodie des Schweizer Politikers und Komponisten Johann Jakob Walder. In Wattwil, Kanton St.Gallen, geboren und autodidaktisch gebildet, hatte sich der Schulmeister Ambühl von der „Reformierten Moralischen Gesellschaft im Toggenburg“ literarisch anregen lassen. Toggenburg? Diese Gegend kennt man eher aus der „Lebensgeschichte“ des Ulrich Bräker. Tatsächlich waren die beiden helvetischen Dichter miteinander befreundet, und Ambühl nahm Texte von Bräker in seine „Brieftasche“ auf. Beflügelt von der poetischen Kraftmeierei des „Sturm und Drang“, verfasste er, bald ein umtriebiger Hauslehrer und Distriktstatthalter im Oberrheintal, auch Dramen in shakespearisierendem Stil. Aufgeführt wurde nur sein „Wilhelm Tell“, 1792 im Schauspiel Zürich.

          Golden ist die Farbe des Todes

          Während in Nordamerika der Unabhängigkeitskrieg tobte, James Cook die australische Küste vermaß, wurde im Toggenburg, dem oberen Flusstal des Thur, wie eh und je die Ernte eingefahren. Ambühls Erntelied ist mit seinen sechs vierzeiligen Strophen, die von Kreuzreimen zusammengehalten werden, ein typisches Volkslied und im Deutschen Volkslieder-Archiv unter „Arbeitslieder“ rubriziert. Einem vierhebigen Trochäus, dem „anakreontischen Vers“ des achtzehnten. Jahrhunderts, folgt jeweils ein dreihebiger Trochäus, der als „Ityphallikos“ bei alten Fruchtbarkeitsriten gesungen wurde. Das scheinbar so einfache Lied vermittelt also mit metrischer Raffinesse ein archaisches Wissen, das sich von den Fruchtbarkeitskulten des Neolithikums über die Mysterienkulte der Antike bis heute erhalten hat: Der Tod ist die Voraussetzung des Lebens.

          Für das Schweizer Bauernmädchen ist diese Weisheit, anders als für den Wahlschweizer und Todeshasser Elias Canetti, eine beglückende Alltagserfahrung. Für die Bauern des Dreißigjährigen Krieges dagegen war es eine unvergleichbar grausame Alltagserfahrung gewesen, aus der das berühmteste aller Schnitterlieder hervorging: „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“. Diese Menschen kannten die Hoffnung nicht mehr, von der die Schnitterin 150 Jahre später wieder singt. Sie ist ja kein Landsknecht, sondern eine Sensenfrau, die in der fünften Strophe neues Leben ankündigt – auch für sich selbst. Denn sie weiß, dass auch sie fallen und sterben wird, ohne dass es die Welt weiter kümmert. Bevor die „schönere Natur“ aus der „toten Hülle“ hervorbricht, bevor sie aus dem Korn als Mehl, Brot und damit als Leben hervorgeht, sagt die Schnitterin der toten Ähre ein Lebewohl mit zwei Wörtern, die aus der Mode gekommen sind: Sie schenkt ihr eine „Zähre“ als „Letze“, eine Träne als Abschiedsmahl, das zugleich ein Freudenfest ist.

          Johann Ludwig Ambühl: „Lied einer Schnitterin“

          Laß dich schneiden, laß dich schneiden,
          Ernte, reif und warm:
          Sieh, ein Mädchen voller Freuden,
          Sammelt dich im Arm.

          Daß sich Fleiß und Arbeit nähre,
          Reift dich Sonnenstrahl.
          Falle, falle, goldne Ähre!
          Alles fällt einmal.

          Abends bindt man dich in Garben,
          Führt dich jauchzend heim:
          Menschen kamen auch und starben;
          Alles kehret heim.

          Einst auch fall ich, Schnittermädchen,
          So dahin, dahin –
          Und es regt sich wohl kein Blättchen,
          Daß ich nicht mehr bin.

          Aber Frühlingsodem wehet
          Über Grab und Flur,
          Und aus toter Hülle gehet
          Schönere Natur.

          Falle, falle, goldne Ähre!
          Reif vom Sonnenstrahl;
          Trink zur Letze diese Zähre,
          Unter Sang im Tal.

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