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Frankfurter Anthologie : Deryn Rees-Jones: „Lied an den Lärm“

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Bild: FAZ

Was ist der Gegensatz zwischen dem „Schweigen des Todes“ und den Lauten des Lebens? Die walisische Lyrikerin Deryn Rees-Jones dichtet dazu eine moderne Hymne.

          3 Min.

          Die berühmtesten letzten Worte einer literarischen Figur sind wohl die des sterbenden Hamlet: „The rest is silence.“ „Der Rest ist Schweigen.“ Vier Worte, einsilbig die ersten drei, zweisilbig das letzte, die unbetonte Endung ins Offene, Unbekannte weisend: Prägnanter kann man das Zeitliche kaum segnen.

          In einer der zeitgenössischen „Hamlet“-Ausgaben folgt darauf aber noch etwas: ein viermaliges, metrisch nicht mehr gebundenes „O“ – Laute des Sterbens jenseits der Sprache, hervorgebracht von einem, der die Schwelle zum Tod schon halb überschritten hat, letzte Laute, nicht letzte Worte. Dramaturgisch wirkungsvoll wird das endgültige Schweigen hier also noch etwas hinausgezögert. Geräuschhafte Laute gehen ihm voraus. Und auch wenn die meisten „Hamlet“-Forscher dies für einen Einschub halten, der nicht von Shakespeare stammt, sondern von einem Schauspieler, kann man sich der Faszination, die von dieser Fassung ausgeht, nur schwer entziehen.

          Dieser Gegensatz zwischen dem „Schweigen des Todes“ und den Lauten des Lebens ist das Thema des vorliegenden Gedichts der walisischen Lyrikerin Deryn Rees-Jones. Viel klingt an in ihrem „Song to Noise“, ihrem – wie die deutsche Lyrikerin Birgit Kreipe diesen Titel übersetzt hat – „Lied an den Lärm“, und die Bezüge reichen weiter zurück als bis zu „Hamlet“ (auf dessen letzte Worte die Formulierung vom „Schweigen des Todes“ anspielt). Das Gedicht gehört einer der ältesten Gattungen der Lyrik an: der Hymne, worunter man Preislieder auf Götter und Helden versteht, wie sie schon aus dem alten Ägypten überliefert sind und wie sie in Europa von der Antike bis in die Frühe Neuzeit eine zentrale Rolle gespielt haben. Aus dieser reichen Tradition stammen einige formale Elemente des Gedichts: der erhabene Tonfall, der Verweis auf den Gesang, die variierend wiederholten Anrufungen, die reihende Aufzählung immer neuer Aspekte und auch die Bitte am Ende. Fast könnte man meinen, eine vormoderne Hymne vor sich zu haben.

          Wenn das letzte Geräusch verklungen ist

          Doch das Gedicht nimmt auch Elemente aus der neueren Geschichte der Hymne auf, die sich in der Moderne von ihren Ursprüngen in Kult und Liturgie gelöst hat. Seitdem müssen Form und Funktion der Gattung immer wieder neu bestimmt werden, was oft genug zum Traditionsbruch führt. Typisch für moderne Hymnen ist zum Beispiel die Tatsache, dass ihre Gegenstände an sich nicht würdig sind, gepriesen zu werden. So auch in diesem Fall: Wer setzt sich schon freiwillig dem Lärm aus? Warum sollte man ihn loben? Nicht umsonst spricht man im Englischen von „noise pollution“, von „Lärmbelästigung“. Auf den ersten Blick scheint das Gedicht selbst eine solche zu sein, denn in ihm wird eine gewaltige Menge an Lärmquellen aus verschiedenen Jahrhunderten aufgelistet, unter denen nicht nur Menschen mit feinem Gehör im Alltag so oft zu leiden haben, darunter – um nur einige der aufdringlichsten zu nennen – Nebelhörner, Staubsauger und digitale Wecker. Angesichts dieses kakophonischen Katalogs meint man, sich die Ohren auch bei der Lektüre zuhalten zu müssen. Doch wer genau hinhört, dem kann nicht entgehen, dass das Gedicht nicht nur vom Lärm und seinen Quellen handelt, sondern auch von Geräusch- und Klangerzeugern ganz anderer Art: von technischen Abspielgeräten wie Ghettoblaster und Grammophon, von Musikinstrumenten wie Geige, Gong und Zimbel und – nicht zuletzt – von der menschlichen Stimme und ihrem Brüllen und Flüstern, Lachen, Schreien und Singen. Insofern wäre die Übersetzung von „noise“ mit „Geräusch“ vielleicht treffender gewesen.

          Vor allem aber macht der „Song to Noise“ selbst keinen Lärm, sondern im Gegenteil: eine kraftvolle, eindringliche Sprachmusik, die durch Alliterationen, Anaphern, Assonanzen und die einprägsamen Rhythmen der teilweise weit ausschwingenden Langzeilen in freien Versen hervorgerufen wird. Verzweifelt versucht das Gedicht, mit dieser Musik dem „Schweigen des Todes“ etwas entgegenzusetzen, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und im Bewusstsein der Vergeblichkeit dieses Versuchs, gerade darin aber würdevoll widersetzt es sich dem Unausweichlichen. Dass dies auch in der deutschen Übersetzung hörbar wird, ist das Verdienst Birgit Kreipes.

          Den Höhepunkt der Hymne aber bildet die grandiose Allegorie am Ende: Das Geräusch wird hier als ein geflügeltes Wesen imaginiert, als eine Art dunkler, zerlumpter Engel, der an barocke Darstellungen des Todes denken lässt, aber auch an Paul Klees „Angelus Novus“. Dieser Engel hat, indem er das Geräusch in seiner Gewalt hat, auch die Macht über Leben und Tod. Deshalb muss man ihm huldigen, so laut und so lang wie nur irgend möglich. Denn erst wenn das letzte Geräusch verklungen ist, sind Lyrik, Liebe und Leben, ist alles vorbei. „O, o, o, o.“

           

          Deryn Rees-Jones: „Lied an den Lärm“ / „Song to Noise“

          Ich rufe dich in all deinen Formen.
          Ich rufe deine Vierviertel, deine ganzen und doppelten Noten.
               Brevis und Semibrevis, deine Achtel, Sechzehntel.
          Ich rufe dein Gelächter und dein Gebrüll,
          Deine Stereoanlagen, deine Handkurbel-Grammophone,
          Ich rufe Auspuffrohre, tief fliegende Flugzeuge,
          Rufe Ghettoblaster, Walkmans, Telefone, Handys und Faxmaschinen.
          Ich rufe deine Chöre und Chorsänger, deine Streite, deine Schreie.
          Rufe Nebelhörner, splitterndes Glas, deine digitalen Wecker,
          Das Aufheulen des Verkehrs auf der Autobahn,
          Hörrohre, Schreibmaschinen, Geigen und Hörgeräte.
          Ich flehe dich an, im Geflüster der Sterbenden,
          Im Rauschen und Blubbern von Wasser in Rohren hinterm Holzpanel.
          Ich rufe deine Rasenmäher, Staubsauger,
          Deine schlecht eingestellten Radios, deine Fernseher.
          Ich rufe die Nässe von Fingern, die an einem Glas entlangfahren.
          Ich häufe Lärm auf den Altar des Lärms,
          Ein Bündel Lumpen und Knochenschreie.
          Und rufe dich und deine Zimbeln und Gongs
          In deiner ganzen zerlumpten Macht
          Deine Flügel zu schlagen gegen das Schweigen des Todes
          Für Liebe, oder was auch immer für Liebe steht,
          Oder Leben.

          Aus dem Englischen von Birgit Kreipe

          ***

          I call on you in all your forms.
          I call on your crotchets, breves and semibreves, your quavers, semiquavers.
          I call on your laughter and your shouts,
          Your stereos, your hand-wound gramophones.
          I call on car exhausts, low flying aeroplanes,
          On ghetto blasters, walkmans, telephones, on mobile phones, on fax machines.
          I call on your choirs and choristers, your arguments, your cries.
          I call on foghorns, shattered glass, your digital alarms,
          The caterwaul of traffic on the motorway,
          Eartrumpers, typewriters, violins and hearing aids.
          I call on you in the whisper of dying,
          In the crush and creak of water in the wainscot pipes.
          I call on your lawnmovers, vacuum cleaners,
          Your ill-tuned radios, your television sets.
          I call on the wetness of fingers circling a glass.
          I heap noise on the altar of noise,
          A bundle of rag and bone cries.
          And I call on you and your gongs and cymbals
          In all your ragged might
          To beat your wings against the silence of death:
          For love, or what stands for love,
          Or life.

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