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Frankfurter Anthologie : Li Tai-Po: „Der Pavillon aus Porzellan“

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Bild: picture alliance / akg-images

In den hingeworfen wirkenden Versen des legendär trunksüchtigen Li Tai-Po nimmt die Dichtkunst selbst den höchsten Rang ein. Der chinesische Poet inspirierte auch Gustav Mahler.

          Ein lauer Sommerabend (Gedichttext siehe im Kasten unten), vielleicht scheint der Mond, Freunde treffen sich zu lockerem Beisammensein in ihrer Sommerlaube, haben sich fein gemacht und die kleine, schön geschwungene Brücke überquert, die über das Wasser zu dem Pavillon leitet. Vielleicht ist der Anlass ein besonderer, vielleicht ist es auch nur die Lust am Dasein, am idyllisch gelegenen Ort und dem Wetter, oder es ist ihre Freundschaft, die sie zueinander führt. Und glaubt man nicht schon im Hintergrund, mit dem Wehen des Windes in den Blättern, im hin und wieder aufglucksenden Wasser, das Klingen der Gläser, das Lachen und ihre Stimmen zu hören?

          Manch einer mag dabeisitzen, mit dem Zeichenblock auf den Knien, ein anderer in die Saiten greifen. Mehr noch - heißt es doch hier, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt: „Manche schreiben Verse nieder.“ Dann mag ja auch das Gedicht, das wir hören und lesen, selber gerade in dieser Stunde, die es beschreibt, entstanden sein - so dass es in der Mitte, im Herzen seiner selbst, sich noch einmal spiegelt - so wie der weiß-grüne Pavillon, die Menschen, die Brücke sich spiegeln im Wasser. Dieser so einfach erscheinende liedhafte Ausdruck gelassener Daseinsfreude in der Gemeinschaft offenbart sich bei näherem Hinsehen, Hinhören als äußerst kunstvoll. Jedes Element, jede Farbe und Bewegung findet Refrain und Echo, findet heitere Umkehrung und kopfstehende Verdoppelung in einem anderen, und wir verstehen jetzt: Auch das wie beiläufige „Verse niederschreiben“ ist Hinweis auf eine Kultur, die, wie nur im alten China, der Dichtkunst den höchsten Rang zuweist.

          Ekstase und tiefste Melancholie

          Li Tai-Po (auch Li Tai-bo oder Li Bo) hat dieses kunstvoll-schlichte, wie eine Spieluhr mit ihren Figuren sich drehende Gedicht im achten Jahrhundert verfasst. Neben Thu Fu (Du Fu) war er der berühmteste Dichter dieser als Tang-Zeit bezeichneten Epoche. So viel ist bekannt, dass ihn sein ruheloses, nomadenhaftes Leben eine Zeitlang an den kaiserlichen Hof führte, wo er, der nie eine feste Stellung bekleidete, der nie den eigentlich obligaten Beamtenstatus innehatte, die Gunst des Monarchen genoss, der auch seine legendäre Trunksucht mit Wohlwollen und Verständnis hinnahm. Denn diese war es, die die Ventile seiner Inspiration öffnete und ihn, der zwischen Phasen der Ekstase und tiefster Melancholie hin und her pendelte, zugleich auch an die Quellen seiner taoistisch geprägten Natur- und Welterfahrung führte.

          Im Jahr 1907 veröffentlichte der Dichter Hans Bethge als ersten Band seiner Nachdichtungen orientalischer Lyrik „Die chinesische Flöte“. Als Gustav Mahler im selben Jahr den schmalen Band aus dem Insel Verlag in Händen hielt, war sein Leben schon vom Tod, dem Tod seiner kleinen Tochter Anna Maria wie auch von der eigenen tödlichen Krankheit, gezeichnet. Im „Lied von der Erde“, das mehrere Gedichte aus der „Chinesischen Flöte“ vereint, hat der Komponist in einem einzigartigen Brückenschlag der Kulturen die Todesschatten im wahlverwandten Geiste dieser Dichtung des Tao, ihres mystischen Vertrauens in die kosmischen Vorgänge des Werdens und Vergehens, zu verwandeln versucht.

          Ein halbes Jahr nach seinem Tod im Mai 1911 hat Mahlers engster Freund, der Dirigent Bruno Walter, das „Lied von der Erde“ in München uraufgeführt. Li Tai-Pos Gedicht, dem Mahler den Titel „Von der Jugend“ verlieh (die beiden letzten Strophen stellte er um), nimmt in diesem Liedzyklus den leichtesten, hellsten Platz ein: als Bild und Ton lauterer Harmonie, als Inbild der Schönheit und Daseinsfreude, mit dem auch die Musik - eingeleitet vom heiteren Glöckchenton der Triangel, Oboen und Flöten - einen kurzen, lichten, doch schon wie erinnernden Aufschwung nimmt aus der Schwere der Todesdrohung und des Abschieds vom Erdenleben, die dieses Werk als Ganzes prägen. Was aber bleibt und sich mit jedem Lesen und Hören erneuert, ist der schlichte liedhafte Ton, ist dieses nie alternde, im Zwiegespräch der Geister und Kulturen sich fortzeugende Bild menschlichen Daseinsglücks.

          Li Tai-Po: „Der Pavillon aus Porzellan“

          Mitten in dem kleinen Teiche

          Steht ein Pavillon aus grünem

          Und aus weißem Porzellan.

           

          Wie der Rücken eines Tigers

          Wölbt die Brücke sich aus Jade

          Zu dem Pavillon hinüber.

           

          In dem Häuschen sitzen Freunde,

          Schön gekleidet, trinken, plaudern, -

          Manche schreiben Verse nieder.

           

          Ihre seidnen Ärmel gleiten

          Rückwärts, ihre seidnen Mützen

          Hocken lustig tief im Nacken.

           

          Auf des kleinen Teiches stiller

          Oberfläche zeigt sich alles

          Wunderlich im Spiegelbilde:

           

          Wie ein Halbmond scheint der Brücke

          Umgekehrter Bogen. Freunde,

          Schön gekleidet, trinken, plaudern,

           

          Alle auf dem Kopfe stehend,

          In dem Pavillon aus grünen

          Und aus weißem Porzellan.

           

          Aus dem Chinesischen von Hans Bethge.

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