https://www.faz.net/-gr0-87qcy

Frankfurter Anthologie : Les Murray: „Die Zukunft“

  • Aktualisiert am

Bild: Christian Thiel

Große Begriffe meidet Les Murray in seiner Lyrik. In diesem Gedicht aber nimmt er sich einen der abstraktesten vor: Zukunft. Oder handelt es mehr von der Angst davor?

          Dieses Gedicht mit dem ebenso abstrakten wie vielversprechenden Titel „Die Zukunft“ (Gedichttext im Kasten unten) fällt auf im lyrischen Werks des Dichters Les Murray. Der Australier ist ansonsten nämlich dafür bekannt, sich den großen Begriffen zu sperren und die kleinen, alltäglichen Ereignisse zum Thema zu machen. So bedichtet er etwa das Vergnügen, unter der Dusche zu stehen („Dusche“), im Sommer in kurzen Hosen herumzulaufen („Der Traum, für immer Shorts zu tragen“) oder versetzt sich halb heiter, halb anklagend, in die Gedankenwelt der Kühe kurz vor dem Schlachten („Die Kühe am Schlachttag“) - überhaupt sind es oft die Details des Landlebens, die der Sohn eines australischen Farmers kennt und beschreibt. Und nun also ein Gedicht, das nichts Geringeres als „Die Zukunft“ verhandelt? Eines, das dermaßen lapidar beginnt: „Es gibt nichts über sie. Viel Science-Fiction spielt dort.“

          Mir ist es beim ersten Lesen so vorgekommen, als winke der Autor desinteressiert ein ganzes Genre durch, und beinahe hätte ich mich auf die Seite jenes einflussreichen „New York Times“-Kritikers gestellt, der 2012 zum amerikanischen Erscheinen des Bandes, in dem sich „The Future“ befindet, urteilte, abstrakte Themen lägen Murray eben einfach nicht. Aber etwas irritierte mich doch in diesem drängend voraneilenden, strophenlosen Text.

          Die menschliche Angst vor dem Morgen

          Da steht dieses seltsam verstörende Bild von einem Picknick im Zentrum. „Dezent beinlose“ Frauen und bärtige Männern, deren Kleidung altmodisch erscheint, sitzen auf einer „Steinveranda“, die es auch heute so geben könnte, beisammen, und zwar in „Ceylon, oder Sydney“. Und dann lässt Murray diese traumartig verschwommene Anordnung auch noch in ihre Einzelteile zerfallen. Die Personen und die ihnen zugeordneten Gegenstände - Kissen, Fläschchen und was auch immer an merkwürdigem Repertoire der Zivilisation dem Dichter noch einfällt - in ihre separaten, einsamen „Zukünfte“.

          Nein, dieses Gedicht spricht nicht wirklich von dem, was kommt, sondern vielmehr von der Unmöglichkeit aller menschlichen Versuche, in der Lotterie der Einfälle zum Thema wirklich den Treffer zu landen. Es ist Respekt, die den Blick des Lyrikers angesichts dieses Themas bestimmt. Oder mehr: es ist Angst.

          Dies macht das Gedicht für mich so gewagt, ehrlich und faszinierend. Es scheint, als sei es nicht weniger als die urmenschliche Angst des Menschen vor dem Morgen, die den Lyriker zu diesem Vorführen von Abbrüchen, Grammatikfehlern, Zeitschleifen führt. Die Suche nach Beruhigung und Sinnstiftung ist es, die das lyrische Ich hier stellvertretend für viele von uns veranlasst, sich aus einer Perspektive des Futurs sein eigenes Leben zu erzählen. Eine, wie es sofort zugibt, absurde und von vornherein zum Scheitern verurteilte Anstrengung: „Trotzdem beginne ich: ,Als ich noch lebte‘.“

          Aberglauben und Religion werden aufgerufen und als mehr oder weniger nutzlos verworfen: „Kristall ist ein Spiegel“. Und „der Mann, den wir als Ausguck an den Baum nagelten“, gibt nichts weiter ab als die schlechte Prophezeiung, das Böse werde kommen - dies sagt, nebenbei, ein Dichter, der sich als gläubiger Katholik definiert. Die Nicht-Farbe Schwarz dominiert, vom „schwarzen Loch“ ist die Rede, auch vom „hohlen Schlund“. Es ist mutig und ein wenig stur, jeden Satz wie eine Escherspirale ins Nichts laufen zu lassen. Der Leser fühlt sich bedrängt, in einer Zeitschleife gefangen und bekommt wieder etwas von jener Panik vermittelt, wie sie Kinder, wenn sie das erste Mal vom Tod hören, empfinden.

          Das unendlich schöne Jetzt

          Ist also gar keine Erlösung in Aussicht? Doch sicher, aber sie liegt, wo auch sonst, im Heute. Da gibt es immerhin eine Stelle, an der der Dichter eine heiterere Gemütsverfassung wenn schon nicht bestehen lässt, so doch aufruft. Und zwar dort, wo er „die alltäglichen und großartigen Wege unseres Lebens“ benennt, die es zu beachten gilt. Sie führen uns zumindest „ein Stück“ durch „Stadtbild und Landschaft“. Und selbst wenn es auch da keinen Sinn hat, sie weiter zu denken, denn weiter vorne herrscht „Blindheit“, so erwähnt er doch den Augenblick, in dem jeder sie gehen darf. Es scheint allerdings, als wäre der Autor selbst ein wenig verärgert über seine banale Einsicht, die doch der einzige Ausweg ist, weiterzumachen.

          Murray, 1938 in Nabiac in New South Wales geboren und durch stetige Lesereisen inzwischen weltweit auch in persona bekannt, hat mehr als zwanzig Lyrikbände veröffentlicht, in denen er seinen Lesern Lust am Leben macht wie kein zweiter Lyriker. Dieses Gedicht ist anders, und doch lauert im Hintergrund des Schreckens die Weisheit, die Sonne sei eben nur mal kälter als sonst, spiele Verstecken. Wenn man schon nicht „der Zukunft“ traut, dann gibt es das Jetzt, und das ist in allen seinen Widersprüchlichkeiten unendlich schön. Im Sommer Shorts zu tragen ist herrlich, zu duschen, Tiere zu beobachten, Beefsteak zu essen. Und dann auch wieder andere Gedichte zu lesen, solche, die utopisch und heiter sind, die mit den Zeilen und Zeiten tanzen. Ein wenig falsch sind sie immer auch: zu bravourös, um das Leid des kreatürlichen Lebens so zu zeigen wie dieses.

          Les Murray: „Die Zukunft“ / „The Future“

          Es gibt nichts über sie. Viel Science-Fiction spielt dort,

          sagt aber nichts über sie. Prophezeiung sagt nichts über sie.

          Sie beeinflußt keine Schafgarbenstengel. Und Kristall ist ein Spiegel.

          Sogar der Mann, den wir als Ausguck an den Baum nagelten,

          hat wenig darüber erzählt; er sagte uns, das Böse sei im Anmarsch.

          Wir sehen, so die Konvention, ein lebendes Stückchen hinein,

          doch selbst das ist eine Projektion. Und all unsere Projektionen

          krümmen sich nicht, wo sie sich krümmt.

               Sie ist das schwarze Loch,

          aus dem keine Strahlung zu uns entkommt.

          Die alltäglichen und großartigen Wege unseres Lebens

          führen uns ein Stück durch Stadtbild und Landschaft

          oder fallen steil ab, voll Geröll, bis hin zum jähen Sturz,

          wo all das sein wird, was wir je dorthin schickten,

          verdichtet, wirbelnd - außer uns vielleicht, um es zu sehen.

          Man sagt, wir sehen den Anfang.

               Doch von hier herrscht Blindheit.

          Der hohle Schlund, der unsere Gegenwart verschlucken wird,

          macht uns blind für die normale Sonne, die man sich vorstellen kann,

          wie sie auf der anderen Seite ruhig weiterscheint, für andere

          in ihrem gewohnten Alltag. Einen Tag, für den all unsere Portraits,

          Ideale, Revolutionen, Jeans und Negligés wunderlich

          herzzerreißend sind. Diese Leute zu sehen ist unmöglich,

          sie zu begrüßen rührselig. Trotzdem beginne ich:

          „Als ich noch lebte -“

               und ich blicke mich um

          und sehe auf einmal ein fröhliches Picknickfest,

          die Frauen dezent beinlos, in Musselin und Handschuhen,

          die Männer mit Bart und Weste, mit ihren langen

          Stumpen und den etwas feineren Segeltuchhosen,

          sie entspannen sich auf einer Steinveranda. Ceylon, oder Sydney.

          Und schon beim Hinsehen weiß ich, sie sind gänzlich fort,

          ein jeder an seinem Tag, mit Kissen, Fläschchen, dem Nebel

          und all den Zukünften, von denen sie träumten, die sie handelten,

          hinabgegangen zu dem Schlund, auf den alles zugeht;

          mit dem Mann am Baum verschwanden sie in der Zukunft.

           

          Aus dem australischen Englisch übertragen von Margitt Lehbert.

           

          ***

          There is nothing about it. Much science fiction is set there

          but is not about it. Prophecy is not about it.

          It sways no yarrow stalks. And crystal is a mirror.

          Even the man we nailed on a tree for a lookout

          said little about it; he told us evil would come.

          We see, by convention, a small living distance into it

          but even that's a projection. And all our projections

          fail to curve where it curves.

                 It is the black hole

          out of which no radiation escapes to us.

          The commonplace and magnificent roads of our lives

          go on some way through cityscape and landscape

          or steeply sloping, or scree, into that sheer fall

          where everything will be that we have ever sent there,

          compacted, spinning - except perhaps us, to see it.

          It is said we see the start.

               But, from here, there's a blindness.

          The side-heaped chasm that will swallow all our present

          blinds us to the normal sun that may be imagined

          shining calmly away on the far side of it, for others

          in their ordinary day. A day to which all our portraits,

          ideals, revolutions, denim and deshabille

          are quaintly heartrending. To see those people is impossible,

          to greet them, mawkish. Nonetheless, I begin:

          'When I was alive –‘

               and I am turned around

          to find myself looking at a cheerful picnic party,

          the women decently legless, in muslin and gloves,

          the men in beards and weskits, with the long

          cheroots and duck trousers of the better sort,

          relaxing on a stone verandah. Ceylon, or Sydney.

          And as I look, I know they are utterly gone,

          each one on his day, with pillow, small bottles, mist,

          with all the futures they dreamed or dealt in, going

          down to that engulfment everything approaches;

          with the man on the tree, they have vanished into the Future.

          Weitere Themen

          Orient und Okzident

          Goethe-Ausstellung : Orient und Okzident

          Vor 200 Jahren erschien Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Aus diesem Anlass zeigt das Frankfurter Goethe-Haus eine Ausstellung zur Entstehungsgeschichte dieses interkulturellen Werks.

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Muttermilch-Spenden : Ein Milliliter Lebenskraft

          Fridolin und Jonathan sind viel zu früh geboren. Auf der Intensivstation kämpfen sich die Frühchen in diese Welt – auch dank gespendeter Muttermilch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.