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Frankfurter Anthologie : Lars Gustafsson: „Es soll ein Tag sein“

  • -Aktualisiert am

Bild: Michael Hauri

Wie denkt ein Dichter über die Stunde seines Sterbens nach? Er legt Zeit und Ort fest, dann kommt ein Du hinzu. Warum aber am Schluss die Erleichterung?

          2 Min.

          Manche Menschen planen ihre eigene Trauerfeier und überlegen zum Beispiel, welche Lieder dann gesungen werden sollen. Mit der Trauerfeier möchte man den anderen noch einmal etwas über sich sagen, eine letzte Botschaft senden. Lars Gustafsson hat nicht über das Ritual der Beerdigung, sondern über die Stunde seines Sterbens nachgedacht und sagt in diesem Gedicht, wie es sein „soll“, wenn der Tod kommt.

          Zunächst wird der Monat festgelegt. Die Aussage, dass die Schwalben Anfang August schon fort sind, bezieht sich auf seine schwedische Heimat. Dann wird eine Naturszenerie entworfen, in der Gustafssons ganze Welt steckt. Der „Himbeerschatten“, die Sommerwiesen, und der Wind, der über sie hinweggeht, finden sich immer wieder in seinen Gedichten und Romanen. Das ist Västmanland, die Landschaft, in der er groß wurde und in die er seine Leser immer wieder geführt hat. Für viele von ihnen ist Schweden ein Land, das aus Gustafssons Bildern und Szenen besteht: aus einer Fahrt mit einem Motorboot über einen großen stillen See, vorne im Bug der Hund, über dessen Gedanken der Dichter nachdenkt; aus einem alten Schuppen mit Gegenständen, die keiner mehr benutzt und die aus der Welt der Absichten und Handlungen entlassen wurden wie ein Kind in die langen Sommerferien; aus den alten Pfaden, denen Gustafsson durchs Sumpfgelände, über Brücken und durch Felsgründe nachspürt und in denen so viel Wissen gespeichert ist.

          Die Kunst des Sterbens

          Immer richtet sich der Blick auf die Einzelheiten, so wie im Sterbegedicht auf die Hummel, die in einem Bogen von Blüte zu Blüte fliegt. Hummeln können zwar ausgezeichnet fliegen, wirken dabei aber dennoch oft so, dass man sie kurz vorm Absturz wähnt. Ihrem Flug folgt der Sterbende. Aber die Hummel, die Wiesen des August und überhaupt die Natur sind am Ende nicht alles. Am Ende soll ein Du da sein. Von Gesten der Zuwendung wird gesprochen, vom Streichen über die Haare, wie es vielleicht das Kind erfahren hat, und vor allem von einem gegenseitigen Blick. Gesagt werden muss nicht viel. Obwohl oder gerade weil Gustafsson sein gesamtes Leben mit und in der Sprache verbracht hat, wusste er um ihre Grenzen und die Gefahren des Sprachgebrauchs. Neben den Zeichen der Schrift gab es für ihn noch viele andere Zeichen zu lesen, und hier am Ende sind die sprachlosen Zeichen wie das Lächeln ganz innen im Augenwinkel wichtiger und wertvoller.

          Aber warum sieht er „nicht ohne Erleichterung“ die Welt verschwinden, der er sich so teilnehmend und liebevoll zuwendet? Gustafsson hat neben der Schönheit der Landschaft auch immer wieder über ihre Kälte und Rätselhaftigkeit und über die Verlorenheit in der Welt nachgedacht. In einem Gedicht, das eine Landschaft im Dezember voller Dunkelheit und Zerfall beschreibt, heißt es am Ende: „Es ist Zeit nach Hause zu gehen“. Aber darauf folgt die Antwort: „Doch wir sind schon zu Hause.“ Ein anderes Mal geht es um eine Katze, die nachts mit im Bett liegt, wodurch es dem Schläfer so vorkommt, „als wäre diese Welt ein ganz natürlicher Aufenthalt“. Aber das ist sie nicht, und Gustafsson hat nie an große Welterklärungen geglaubt, sondern immer vor Rätseln gestanden, die oft eine schöne Gestalt hatten, aber nicht zu lösen waren. Eben deshalb enthält dieses Trauergedicht auch ein wenig Erleichterung.

          Lars Gustafsson ist vor einigen Wochen, am 3. April 2016, gestorben. Also ohne Sommerwiesen und Hummelflug, so dass das Wünschen nicht geholfen hat? Aber die schwedische Zeitung „Expressen“, für die er lange gearbeitet hat, berichtete, dass seine Frau und seine jüngste Tochter in der Todesstunde bei ihm waren.

          Lars Gustafsson: „Es soll ein Tag sein“ / „Du skall vara där“

          Es soll ein Tag Anfang August sein

          die Schwalben fort, doch eine Hummel

          noch irgendwo, die im Himbeerschatten

          ihren Bogen ausprobiert.

           

          Ein leichter, doch nicht hartnäckiger Wind

          soll über die Wiesen des August gehen.

          Du sollst da sein,

          aber du sollst nicht viel reden,

          mir nur ein wenig über die Haare streichen

          und mir in die Augen sehen

           

          mit diesem kleinen Lächeln

          zuinnerst im Augenwinkel.

          Und dann will ich

          nicht ohne Erleichterung

           

          diese Welt verschwinden sehen

           

          Aus dem Schwedischen von Verena Reichel

           

          ***

          Det skall vara en dag i början av augusti

          svalorna borta men någonstans en humla

          kvar som prövar sin stråke

          i hallonskuggan

           

          En lätt men envis vind

          skall gå över augusti månads ängar

           

          Du skall vara där

          men du skall inte tala så mycket

          bara stryka litet över mitt hår

          och se mig i ögonen

           

          med det där lilla leendet

          längst inne i ögonvrån

          Och så vill jag

          inte utan lättnad

           

          se denna värld försvinna

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