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Frankfurter Anthologie : Kurt Drawert: „Matrix America“

  • -Aktualisiert am

Bild: Thomas Huber, Rainer Wohlfahrt

Sein eigenes Gedicht zu interpretieren ist wie Schach mit sich selbst zu spielen. Der Dichter der vorliegenden Verse sträubt sich dagegen – und kommt doch nicht umhin, in seine DDR-Vergangenheit zu blicken.

          3 Min.

          Der Gedichtzyklus „Matrix America“ (Gedichttext im Kasten unten), den ich im Herbst 2010 in New York schrieb, traf mich wie eine Antwort, auf die ich nicht vorbereitet war. Das ist insofern nicht ungewöhnlich, da Gedichte keine Absicht verfolgen, sondern Ereignisse sind und hereinbrechen in die Ordnung der Sprache wie der Fuchs in einen Hühnerstall. „X – (Brighton Beach)“ nun beendet diesen Zyklus, und erklären sollte ich vielleicht nur noch, dass Brighton Beach eine russische Enklave im Süden von Brooklyn ist und eine Subwaystation vor Coney Island liegt (meinem Lieblingsort in New York).

          So weit der einfache Teil. Nun beginnt der im Grunde recht paradoxe Versuch, das Geschriebene auch selber zu lesen und das Unverständliche daran – seinen poetischen Überschuss – auf einen Sinn hin zu deuten. Kurz: Zum Verfasser des Textes, der schon einmal doppelt erscheint, nämlich als reflektierendes Subjekt im zeitlichen Jetzt der Entstehung und als ein historisches, das diesem Entstehungsmoment vorgängig ist, kommt eine weitere Spiegelung hinzu: die des Interpreten des Interpretierten. Der Autor wird zum Rezipienten und ergänzt jene Leerstellen im Text, die auf signifikante Weise hervorzubringen ja nun gerade seine literarische Potenz war. Ebenso könnte man sagen: Er spielt Schach mit sich selbst.

          Es wird gewesen sein

          Denn das Erscheinen des Unbewussten im Bewusstsein des Textes ist eine Funktion des anderen (Lesers) und nicht mehr des anderen Ich. An dieser so bezeichneten Stelle müsste ich nun konsequent sein und enden mit der Bemerkung: alles, was ich weiß, steht in den Versen, so wie auch ein Maler von seinem Bild sagen könnte: alles, was ist, ist auch sichtbar. Das stimmt, und es stimmt nicht. Denn es unterschlägt, dass das Sichtbare seine Sichtbarkeit nicht nur im Wissen, sondern auch im Entdecken begründet und dass das lernbegabte Ich eine Entwicklung durchläuft, die mit Ereignis, Entwurf und Erkenntnis einhergeht und keinen psychophysischen Zustand beschreibt, der unabänderlich ist. Wäre es anders, gäbe es keine Wirkungsgeschichte der Literatur und bliebe das Blinde stets blind. Und so lese ich jetzt, was ich nicht wusste, als ich es schrieb. Ich bin der festen Überzeugung, dass Texte, und poetische zumal, Menschen verändern, weil sie erfassen und gestalten in gleicher Weise, reflexiv und antizipatorisch in einem sind.

          Genau das nun ist auch die Kernaussage in diesem Gedicht, sein innerster Motor, der es vorantreibt: „Aber was ich nicht verstehe,/warum ich die Vergangenheit/in der Gegenwart/als Zukunft sehe.“ Lacan nennt es antizipierte Nachträglichkeit, was hier zur zweiten Strophe wurde und wofür es in der deutschen Grammatik das Futur II gibt: es wird gewesen sein. Aber was ist das für ein Stoff im Gedicht, der gewesen sein wird und sich im Moment eines Blickes auf „die gerissenen Wände,/die kalten Hände/der alten Frau am Straßenrand“ (ja, „kalte Hände“ kann man „sehen“, wenn sie blau angeschwollen sind) bis zum Schlusssatz (der zugleich auch die einzige Gewissheit im Textganzen bildet: „Allein die Toten/werden uns vermissen.“) entfaltet?

          Fremder Brief mit sieben Siegeln

          Wir wissen, dass im Wahrnehmungsspektrum eines Individuums der Modus für Gegenwart bei drei bis fünf Sekunden liegt; alles davor oder danach wird durch ein symbolisches Raster der Erfahrung oder Erwartung gefiltert. Das nun ist für dieses Gedicht insofern relevant, als es diesen festen Punkt eines Gegenwartsbildes tatsächlich gibt und er auch ganz konkret und topologisch erscheint. Zugleich aber friert dieser Moment des Sehens und Gehens ein unendliches Verweisungssystem aller Zeitformen ein, das von einer erschreckenden Unabschließbarkeit der Geschichte berichtet. Ebenso, wie wir einerseits und rational gut begründet in Abschlüssen denken, bleiben die Körper, die immer zu einer Historie gehören und politisch kontextuiert sind, von jener Erregung durchströmt, die sie einmal affektiv ausgefüllt hat (sagt mir das Gedicht). Und wenn es diese Reproduktion von Vergangenem nun auch persistent gibt, kann nur der Tod die Spirale ins Unendliche stoppen – er aber steht bereits hinter aller Semantik und verschließt sich jedem Verständnis.

          Fokussiere ich mich noch näher heran, entdecke ich natürlich den mir biografisch zugedachten politischen Raum, der DDR hieß und den ich, wie sehr ich mich auch winden und es verabscheuen mag, nicht abstreifen und loswerden kann. Und das ist der Finger in der Wunde auf einem Gemälde von Caravaggio: Ich möchte nämlich nicht. Ich möchte nicht und nie mehr daran denken, was wie und warum geschah, und immer, sobald ich ein Gedicht oder einen Essay, ein Theaterstück oder einen Roman beendet habe, dessen Entstehungsgrund eng verstrickt bleibt mit der deutsch-deutschen Geschichte, wie sie synchron zu meinem Leben verlief, sage ich mir: Jetzt ist es aber auch gut damit, um gleich, vielleicht schon im nächsten Text am nächsten Tag, wieder eingeholt zu werden wie von einem fortwährenden Fluch. Und genau das: diese Unhintergehbarkeit von wiederholter Geschichte im Augenblick von absoluter Dauer, wie ihn nur ein Gedicht einfangen kann, war die Antwort, auf die ich in New York nicht vorbereitet war. Aber ich hätte es besser wissen müssen, denn das Gedicht korrespondiert mit einem anderen, das „Mit Heine“ heißt und kurz nach dem Zusammenbruch der DDR und des politischen Ostens entstand. Dort nämlich steht: „Als fremder Brief mit sieben Siegeln//ist mir im Herzen fern das Land./Doch hinter allen starken Riegeln/ist mir sein Name eingebrannt.“

          Kurt Drawert: „Matrix America“

          (...) X (Brighton Beach) für Horst Samson

           

          Immerhin verstehe ich

          ein wenig vom russischen Wesen,

          und auch kyrillische Schrift

          kann ich lesen.

           

          Aber was ich nicht verstehe,

          warum ich die Vergangenheit

          in der Gegenwart

          als Zukunft sehe.

           

          War das nicht alles

          einmal schon,

          in ferner Zeit, geschehen?

          Und ein Hohn

           

          der Geschichte?

          Die gerissenen Wände,

          die kalten Hände

          der alten Frau am Straßenrand?

           

          Was war das für ein Land,

          dem wir entkamen

          und das uns dennoch überlebt,

          weil alles weiterstrebt

           

          und nur die Form sich ändert?

          Ich gebe auf

          und werde es nicht wissen.

          Allein die Toten

          werden uns vermissen.

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