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Frankfurter Anthologie : Rudolf Borchardt: „Kürzester Tag“

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Bild: FAZ

Rudolf Borchardt befindet sich 1901 als gescheiterter Student in Berlin. Der damals Vierundzwanzigjährige führt in seinem Gedicht den Nullpunkt des Jahres und den Nullpunkt des Lebens zusammen.

          3 Min.

          Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte lang, geht der Weg nach drinnen, in die warme Stube, und es schlägt die Stunde der Besinnung, der Rückschau auf ein vergangenes Jahr. In diesem Sonett ist nichts davon, ist nur noch Leere. Der, der hier im Morgengrau erwacht, findet in sich nichts, was er der lichtlosen Kälte entgegensetzen kann, dem „hoffnungslosen Tag“. Der, der hier „tief in sich/Die alten Augen wendet“ und „Jugendliedern“ zu lauschen glaubt, ist dennoch ein junger Mann. „1901“ steht als Entstehungsdatum unter dem letzten Vers. Am kürzesten Tag dieses Jahres, dem 21. Dezember 1901, ist Rudolf Borchardt vierundzwanzig.

          Viel später nannte er diese frühe Epoche seines Lebens „meine merkwürdigste Thoren-Zeit“, doch es war viel schlimmer, als es anklingt in dem wohlwollenden Spott über den „gutmeinenden aber ganz verkehrten jungen Menschen“, der er gewesen war. Am Ende des Jahres 1901 ist der verkrachte Student zurück in seiner Heimatstadt Berlin, wohnt, ein „outlaw innerhalb der Familie“, wieder im Haus des Vaters, mit dem er tief zerstritten ist; hinter ihm liegen ein mehr oder minder entgleistes Studium, erotische Wirren, ein Duell, der vollständige Zusammenbruch im Frühjahr, ein halbjähriger Kuraufenthalt in Bad Nassau, dort eine mit größtem Pathos erlebte, doch vollkommen hoffnungslose Liebesgeschichte, die sich jetzt in Schweigen verliert.

          Hinaus, hinaus in Wind und ersten Schnee

          Borchardt ist am Ende, auch wenn er „diesen Zustand als ein dunkles Zwischenspiel“ betrachten will: „Ich rede nach innen und kehre die Augen nach innen, bis es vorüber ist.“ Doch das Zwischenspiel dauert noch: Im Januar 1902 wird er nach einem weiteren wilden Streit das Elternhaus endgültig verlassen, in Wien ein paar geisterhafte Monate in der Umgebung des verehrten Hugo von Hofmannsthal verbringen und grußlos verschwinden. Einige Briefe deuten an, dass er die Kontrolle über sein Leben verliert, nicht mehr wirklich unterscheiden kann zwischen dem, der er ist, und dem, der er sein will. Erst dann, nach hektischen Reisen und der abgebrochenen Dissertation, wird er an der erneuten Jahreswende endlich aufbrechen zu seinem zweieinhalbjährigen, wohnungslosen Wanderleben in jenem Italien, das er bald zu seiner eigentlichen Heimat macht.

          Doch gerade diese verzweifelte Periode wurde zu einer lyrisch ungeheuer produktiven Zeit. Borchardt, einer der großen Dichter deutscher Sprache, verweigerte geradezu systematisch die Publikation, und so erschienen die Werke jener frühen Wirren erst 1913, in seinem ersten Gedichtband, gedruckt mit dem stolz-bescheidenen Titel „Jugendgedichte“ und in stolz-bescheidenen hundert Exemplaren. Doch wäre es überhaupt denkbar, dass einer ein so persönliches Bekenntnis sofort der Öffentlichkeit überlässt? In „Kürzester Tag“ ist beides enggeführt: der Nullpunkt des Jahres und der Nullpunkt des Lebens. Der Blick „tief in sich“ ist hier keine Reflexion, keine Meditation, er ist der fast unbewusste Ausdruck einer vollständigen Einsamkeit und Isolation gegenüber der gesamten Welt ringsum. So groß ist diese Isolation, dass es „nicht schwer“ ist, ja „beinahe leicht“, nun alle Brücken abzubrechen und endlich fortzugehen, sei’s auch hinaus in Wind und ersten Schnee. Das Bild der umgeworfenen Becher und verrutschten Tischdecken eines eben zu Ende gegangenen Gastmahls verweist auf Platons Dialog und damit noch einmal auf die hoffnungslose Liebe, doch auch von ihr ist nichts geblieben, nicht einmal das eben noch so starke Gefühl im Herzen.

          Kann man eine Lebenskatastrophe aufrechnen gegen den lyrischen Ertrag? Bei Borchardt muss man es, denn gerade hier findet er das poetische Prinzip seiner frühen Dichtung. Dieser Ertrag ist das ungeheuer gesteigerte Formbewusstsein. Der Dichter, schreibt Borchardt zur gleichen Zeit, „bezwingt eine Empfindung von furchtbarer Maßlosigkeit, indem er sich den Reimkäfig vorsetzt, in den er sie sperren wird“. Sein Sonett scheint fast zu zerspringen durch den ungeheuren Innendruck der Sätze, doch es bleibt nicht beim Eingesperrtsein. Fast parallel setzen die beiden Terzette ein, doch wie verwandelt ist der Gesang! Aus dem dumpfen Staccato: „Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen...“ löst sich ein schwebendes: „Es ist beinahe leicht, durch diesen Wind/Und nun durch diesen ersten Schnee zu gehen...“ Der Klangwechsel in dem betonten „leicht“, dem betonten „Wind“ macht aus dem eisernen Käfig ein durchsichtiges Gewand, und das, obwohl die strenge Gestalt gewahrt bleibt wie in jedem Vers zuvor: die wundervolle Verkörperung von Borchardts Überzeugung, dass die Form der vollkommenste Ausdruck ist für ihr Gegenteil, die ungestaltete Leidenschaft.

          Das Gedicht endet auf den Ton der Aussichtslosigkeit: „Du fühlst dein Herz nicht mehr und bist wie blind.“ Und dennoch, allein der Titel gibt für einen Dichter, der auf das Echo jedes einzelnen Wortes lauscht, eine unausgesprochene, winzige Andeutung: Der kürzeste Tag bleibt tatsächlich der kürzeste, der Endpunkt des Jahreskreises ist schon der Anfang eines neuen. Auch wenn man es noch nicht merkt, von nun an nehmen die Tage wieder zu.

          Rudolf Borchardt: „Kürzester Tag“

          In eine Winterfrühe hebst du dich,
          So hingegeben in den Stundenschlag
          Wie einer Jugendliedern lauschen mag,
          Und lauschend nicht mehr hört, und tief in sich
          Die alten Augen wendet bitterlich:
          Nun ist doch Morgen, und das Licht wie zag!
          Am Himmel steht der hoffnungslose Tag
          Im Unsichtbaren unerschütterlich.

          Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen,
          Wo alle Becher umgeworfen sind
          Und wüste Decken in die Nachtluft wehen –
          Es ist beinahe leicht, durch diesen Wind
          Und nun durch diesen ersten Schnee zu gehen!
          Du fühlst dein Herz nicht mehr und bist wie blind.

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