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Frankfurter Anthologie : Ulrich Koch: „In diesem Gedicht bist du schon einmal gewesen, als du nicht mehr weiter wusstest“

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Bild: Jung und Jung

Poetischer Mikrokosmos in Schräglage, als hätte Sempé ihn gezeichnet: Lakonisch, aber auch ein wenig surreal, rührt dieses Gedicht an verborgene Schichten der Imagination und der Erinnerung.

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          Mit den Forschungen zum Phänomen des Déjà-vus, das in seiner heute geläufigen Bedeutung erstmals im Jahr 1876 von dem französischen Philosophen und Seelenforscher Émile Boirac erwähnt wurde, verhält es sich ungefähr so wie mit der Traumforschung: An interessanten Einsichten und Hypothesen herrscht kein Mangel, aber grundsätzlich tappt man noch immer im Dunkeln. Der Lyriker Ulrich Koch, Jahrgang 1966, fügt dem Erkenntnisstand eine weitere Facette hinzu, indem er behauptet, man könne auch in einem Gedicht „schon einmal gewesen“ sein. Und er artikuliert damit ein diffuses Gefühl, das seine Leser, Kritiker, Dichterkollegen oft wortreich scheitern lässt, wenn sie versuchen, die Wirkung und Ausstrahlung seines eigensinnigen, einzelgängerischen Œuvres zu erklären.

          In Kochs poetischem Mikrokosmos erscheint vieles seltsam vertraut und einleuchtend, wie das Interieur mancher Träume, obwohl es, bei Licht besehen, mehr oder weniger verrückt ist. Sobald man aber beginnt, die Sprachbilder in ihre Bestandteile zu zerlegen, entziehen sie sich, so wie sich Nachtgesichte beim Erwachen verflüchtigen. Ähnliches mag auch für andere lyrische Erzeugnisse gelten – nur ist hier der Kontrast zwischen der unaufgeregten Schlichtheit der Bilder und der Schräglage, in die der Dichter sie wie durch einen kleinen Stups versetzt, besonders verblüffend. Nur selten scheint Koch mehr oder anderes sagen zu wollen als das, was da geschrieben steht, und doch rühren seine lakonischen, wie beiläufig surrealen Beobachtungen an verborgene Schichten der Imagination und der Erinnerung. Ganz leise öffnen sich Risse in der Wirklichkeit, beunruhigend und zugleich tröstlich: Hier ist man schon einmal gewesen, und man ist nicht allein.

          Der Sommer unseres Befremdens

          Weder mit dem Ende des Sommers, dessen noch sonnenwarmer Rücken manch illustre Herbstmetapher in den Schatten stellt, noch mit der Apokalypse, die durch das Aussterben der „letzten großen Landtiere“ in wortkarger, gleichsam bodenständiger Diktion angedeutet wird. Der ländliche Raum in der niedersächsischen Provinz, wo Ulrich Koch seit jeher lebt, liefert ihm einen unerschöpflichen Reichtum an Motiven, aus denen zumeist, wie hier, alles Idyllische getilgt ist: Die Mähdrescher, die gleich Heuschrecken die Felder kahl fressen, tragen die Goldzähne der Raffgier, und die Saatkrähen, die Steine ausbrüten, sind Boten einer kommenden großen Not. Allein, der Dichter braucht dafür weniger Worte.

          Nach seinem Debüt vor 27 Jahren hat Ulrich Koch, der in seinem Brotberuf Fachkräfte für die Altenpflege vermittelt, bisher zehn weitere Lyrikbände veröffentlicht und sich damit, in beharrlicher Distanz zu den Zentren des Literaturbetriebs, einen stabilen Kreis von Kennern und Bewunderern erobert. Der jüngste Band, aus dem das nebenstehende Gedicht stammt, trägt den Titel „Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text“. Was auf den ersten Blick wie spielerischer Nonsens anmutet, auf den zweiten aber den Sinn nahelegt, dass der Inhalt all dieser Verse sich im Prinzip noch viel stärker verdichten ließe, womöglich bis zum beredten Verstummen.

          Eine illusionslose Weltsicht wurde dem Poeten bescheinigt, schwarzer Existenzialismus und tiefe Melancholie, andererseits Gelassenheit, ein sanftmütiger Blick auf die Alltagstristesse, abgründige Komik. Kurios genug: Auch wenn die Abdrücke eines schlafenden Mannes und einer wachliegenden Frau auf windbewegten Strandtüchern zeichnerisch vermutlich nicht realisierbar sind, denkt man bei dieser zarten Vision vom Sommerende an den großen Sempé, requiescat in pace, dem man Derartiges zumindest als Idee zugetraut hätte. Mit den subtilen Verschiebungen oder „Verrückungen“ (décalages) vom Banalen zum Absonderlichen, die Patrick Süskind Sempés Werk einmal attestierte, lässt sich auch Ulrich Kochs poetisches Verfahren beschreiben – die Verwandtschaft der Wahrnehmung ist unübersehbar.

          Der irreale Komparativ („als träumten sie“) ist für Koch eher untypisch, weil zu umständlich. Das Wort „Ölbäume“ entfaltet dann wieder durch bloße Erwähnung ein weites Erinnerungsspektrum, das von der mediterranen Erntezeit bis zum biblischen Friedenszeichen reicht. Leicht wie der Flügelschlag eines Nachtfalters kommen die Toten ins Spiel, von den schlafenden Kindern nur durch Fensterscheiben getrennt. An anderer Stelle im selben Gedichtband heißt es: „Die Körper der Toten öffnen sich in der Erde / als Papierblüten, zerknüllte Notizzettel, / durchs Zimmer geworfene, / die den leeren Mülleimer verfehlten“.

          Das eigenartige Bild vom „Löschvorgang / vor dem Ende jeden Satzes“, den sie (wer?) „ab jetzt das bessere Leben“ nennen, scheint jenen Vorgang ins papierlose Zeitalter zu übertragen. Es folgt, ganz archaisch, die Verheißung, im Schlaf neugeboren und mit Stroh abgerieben zu werden, wie ein Kälbchen oder ein Fohlen. So befriedet, und nun doch noch fast als ländliches Idyll, neigt sich in diesem lapidaren kleinen Poem ein Sommer, der fremd und bekannt, verdüstert und hell zugleich erscheint. Wer gerade nicht weiter weiß, könnte sich zwischen den Zeilen geborgen fühlen.

          Ulrich Koch: „In diesem Gedicht bist du schon einmal gewesen, als du nicht mehr weiter wusstest“

          Wie jedes Mal, wenn der Sommer
          sich neigt. Sein Rücken ist noch warm
          von der Sonne. Die letzten großen Landtiere
          sind kurz vor dem Aussterben.
          Mit ihren Goldzähnen fressen Mähdrescher
          die Felder kahl. Auf den Stoppeln
          brüten Saatkrähen
          Feldsteine aus. Zwei Strandtücher hängen
          über einer weiß getünchten Mauer
          im Wind. Auf dem einen trocknet
          der Abdruck eines schlafenden Mannes,
          auf dem anderen der einer wachliegenden Frau.
          Die Haare der verschwitzten Kinder
          glänzen im Schlaf,
          als träumten sie unter Ölbäumen.
          Vor den Fenstern flattern Nachtfalter,
          oder die Toten versuchen,
          die Augen aufzuschlagen.
          Den Löschvorgang
          vor dem Ende jeden Satzes
          nennt ihr ab jetzt das bessere Leben.
          Im Schlaf werdet ihr neugeboren
          und mit Stroh abgerieben.

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