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Frankfurter Anthologie : Hans Magnus Enzensberger: „Kreubst du das Lerd (Neologismus)“

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Bild: Picture-Alliance

Goethes „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ wurde oft parodiert. Hans Magnus Enzensberger hat sich dabei einen besonders ernsten Scherz erlaubt.

          Ist das ein Scherz? Zweifellos – aber es ist ein hintergründiger Scherz, womöglich sogar einer jener „sehr ernsten Scherze“, als die Goethe einmal den zweiten Teil seines „Faust“ bezeichnet hat. Damit ist man schon beim Thema, denn bei dem vorliegenden Gedicht handelt es sich um die Parodie eines der berühmtesten Gedichte Goethes, ja eines der berühmtesten deutschsprachigen Gedichte überhaupt: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“. Generationen von Lesern haben in diesen Versen ihre Italien-Sehnsucht wiedergefunden, wenn sie sie nicht von dort bezogen. Unzählige Male vertont, ist das Gedicht im Lauf der Zeit zum Inbegriff klassisch-romantischer Lyrik geworden. Das hat auch Parodisten auf den Plan gerufen, wie etwa Erich Kästner, von dem das so brillante wie bittere „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ stammt. Doch das ist nur eines von vielen Beispielen, die „Zitronen“ wurden auch schon durch „Kartoffeln“ ersetzt.

          Keine dieser Parodien aber ist raffinierter als die Hans Magnus Enzensbergers. Zunächst ist die Ingeniosität hervorzuheben, mit der er hier formal zu Werke gegangen ist: Denn er hat nicht nur Syntax und Strophenform von Goethes Gedicht exakt übernommen, er hat darüber hinaus bei allen Worten den Anfangs- und den Endbuchstaben sowie die Silbenzahl beibehalten. Die Buchstaben im Inneren der Worte aber hat er fast immer konsequent durch andere ersetzt. So wurde aus dem „Land“ das „Lerd“, aus den „Zitronen“ die „Zertissen“ und aus der „Myrte“ die „Mespe“, allesamt – wie es der Untertitel ankündigt – „Neologismen“, neue, pseudo-deutsche Worte also, die sich entsprechend in keinem Wörterbuch finden. Das allerdings könnte sich ändern: Auf den (zudringlichen) „Berasper“ oder den (todbringenden) „Gebeichler“ zum Beispiel möchte man keinesfalls mehr verzichten, wenn man sie erst einmal kennengelernt hat, und auch der „Leubahr“ prägt sich ein mit den gefährlichen Assoziationen an Löwen und Nachtmahre, die er weckt.

          Was Goethe dem Leser wohlweislich vorenthielt

          Inwiefern ist dieses Gedicht aber hintergründig zu nennen? Dies wird deutlich, wenn man sich daran erinnert, in welchem Zusammenhang diese Verse Goethes zuerst publiziert wurde. Denn das war nicht im Rahmen einer Gedichtsammlung, sondern in dem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, wo das Gedicht als Wilhelms Übersetzung eines von der geheimnisvollen Mignon gesungenen Liedes präsentiert wird. „Melodie und Ausdruck“ dieses Liedes – so liest man dort – hätten Wilhelm besonders gefallen, „ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte“, denn Mignons Sprache sei ein „gebrochenes“ Deutsch gewesen. Aus diesem Grund habe Wilhelm sich die Worte erklären lassen, sie aufgeschrieben und ins Deutsche übersetzt, wobei er „die Originalität der Wendungen“ aber „nur von ferne nachahmen“ konnte. Auch sei „die kindliche Unschuld des Ausdrucks“ in seiner Übersetzung verschwunden. Innerhalb der Romanfiktion ist das Gedicht also nichts weiter als ein Notbehelf, bei dem das Eigentliche des Liedes, man könnte auch sagen: seine Poesie, auf der Strecke geblieben ist.

          Dies vor Augen, zeichnet sich eine mögliche Deutung von Enzensbergers Gedicht ab, das ja ebenfalls in einem gebrochenen und nur teilweise verständlichen Deutsch verfasst ist: Wie es scheint, bietet Enzensberger dem Leser damit das ihm von Goethe vorenthaltene originale Lied Mignons, sein Gedicht ist gewissermaßen also die Rückübersetzung von Wilhelms Übersetzung in das poetische Idiom dieser Figur. So verstanden, wäre Enzensbergers Anspruch alles andere als gering, denn dann wäre seine Parodie des Goethe-Gedichts das Original, Goethes Gedicht aber nur dessen unvollkommene Nachahmung. Das Augenzwinkern dabei sollte man freilich nicht übersehen.

          Wem das zu weit geht, der kann sich auch darauf beschränken, Enzensbergers Gedicht als eine unkonventionelle Goethe-Parodie aufzufassen, die weniger auf das Italien-Gedicht selbst abzielt als auf die Popularität, die es im Kontext des aus heutiger Perspektive oft befremdlich anmutenden Goethe-Kults früherer Epochen gewonnen hatte. Und es gibt noch eine weitere Ebene. Man kann das Gedicht auch als eine Parodie der deutschen Sprache mit all ihren klanglichen Eigenheiten verstehen, die in den Ohren von Menschen, deren Muttersprache nicht das Deutsche ist, oft so hässlich klingen: ein Substantiv wie „Zertisse“ zum Beispiel mit seinen scharfen Zischlauten, ganz zu schweigen von lautmalerisch lärmenden Verben wie „glabschen“ und „schappern“ oder zackigen Adjektiven wie „disch“ und „strall“. Auch die deutschen Dialekte werden aufs Korn genommen, so das Bairische („Hierzel“) und das Sächsische („Nischel“). Glanzvoll strahlend geht aus diesem geistreichen Spiel aber eine andere Sprache hervor: die Poesie.

          Hans Magnus Enzensberger: Kreubst du das Lerd (Neologismus)

          Kreubst du das Lerd, wo die Zertissen breun,
          Im dischen Lurb die Gonten-Schaffeln geun,
          Ein sichter Wold vom bluschen Hierzel waust,
          Die Mespe strall und hiech der Leubahr staust,
          Kreubst du es wirl?
                                              Derfarn! Derfarn
          Meut ich mit dir, o mein Gebeichler, zarn.

          Kreubst du das Hieß? Auf Satzeln riest das Drauch,
          Es glabscht der Suhl, es schappert das Gemauch,
          Und Müsseldrehler strohn und spaun mich an:
          Was hürscht man dir, du ampfes Kemd, gespran?
          Kreubst du es wirl?
                                              Derfarn! Derfarn
          Meut ich mit dir, o mein Berasper, zarn.

          Kreubst du den Bragg und seinen Weifelzerg?
          Das Mohlmaar sämt im Nischel seinen Wärg,
          Im Hunkeln wast der Drannen alsche Brist,
          Es strift der Fauß und über ihn die Flißt;
          Kreubst du es wirl?
                                              Derfarn! Derfarn
          Grapst unser Wärg! o Veichsler, leuß uns zarn!

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