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Frankfurter Anthologie : Walt Whitman: „Kosmos“

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Bild: Picture-Alliance

Walt Whitman, Amerikas größter Hymniker, der vor 200 Jahren geboren wurde, war ein Bewunderer Alexander von Humboldts. In diesem Gedicht ist der Einfluss deutlich spürbar.

          Auf seinem Schreibtisch soll Walt Whitman immer eine amerikanische Ausgabe der ersten Bände von Alexander von Humboldts „Kosmos“ zur Hand gehabt haben. Vermutlich war es die bereits 1851, nur sechs Jahre nach dem deutschen Original, im New Yorker Verlag Harper&Brothers erschienene Übersetzung dieses bis zu Humboldts Tod im Mai 1859 nie ganz vollendeten, gleichwohl bis dahin beispiellos ausgreifenden „Entwurfs einer physischen Weltbeschreibung“.

          Es war die Zeit, als Natur- und Geisteswissenschaften, als Physik und Poesie noch nicht völlig geschieden waren. Und so entwarf Walt Whitman, Amerikas größter Hymniker, mit der zwischen 1855 und 1891 in immer umfänglicheren Editionen publizierten Gedichtsammlung „Leaves of Grass“ („Grashalme“) seinerseits eine hochfahrende poetische Weltbeschreibung. Am Beispiel vor allem der Neuen und seiner eigenen Welt.

          „Walt Whitman, ein Kosmos, der Sohn Manhattans“ tönt es schon zu Beginn der „Grashalme“, im fast hundert Druckseiten füllenden „Song of Myself“. Nie zuvor ist das lyrische Ich in der Weltdichtung derart emphatisch hervorgetreten. Whitman, der vor zweihundert Jahren, am 31. Mai 1819, in Long Island bei New York geboren wurde, schreibt von seinem eigenen Körper, von seiner Sexualität, von Lebenssehnsüchten oder Todesstimmungen so selbstverständlich wie über Natur, Wissenschaft und Technik („lang lebe die exakte Forschung!“), über Indianer und Schwarze, Schiffer oder Pelzhändler, Diebe und Krüppel, über die Unbegreiflichkeit Gottes oder den Blick für das Große im Kleinen: „Ich glaube, ein Grashalm ist nicht geringer als das/Tagwerk der Sterne“.

          Poesie und Physik noch nicht geschieden waren

          Dieser teils idealistisch romantische, teils alltagsempirisch ernüchterte Universalismus prägt auch das zwischen rhetorischen Fragen und Ausrufen wechselnde „Kosmos“-Gedicht von 1860/67. Whitmans Verehrung für den globalen Forscher und Humanisten Humboldt, dessen Amerika-Reisen ebenso wie die Freundschaft mit dem Präsidenten Thomas Jefferson längst legendär waren, kommt dabei schon im Titel zum Ausdruck. Obwohl Humboldts Werk in der englischen Übersetzung „Cosmos“ hieß, wählt Whitman wie schon im „Gesang von mir selbst“ das originale, zudem auf den griechischen Ursprung verweisende „K“-Wort. Ein Reflex womöglich auch auf ein bereits 1848 vom Dichterkollegen Edgar Allan Poe an Humboldt adressiertes „Prose Poem“ mit dem Titel „Eureka“ (griechisch-deutsch: „Heureka“). Hierin hatte Poe sich seinerseits dem „materiellen und spirituellen Universum“ zugewandt.

          Humboldt, der vor 250 Jahren geboren wurde, wird allgemein als Vordenker jener Globalisierung gefeiert, die den Planeten als ökologische Einheit in Vielfalt begreift. Vielfalt, im Original „diversity“, ist auch in Whitmans „Kosmos“ gleich das dritte Wort. Es wird in diesen Versen fast schon gegendert („sein oder ihr Haus“), und es ist, trotz mancher Sperrigkeit des rhythmisierten Prosa-Gedichts, auf sonderbar moderne Weise vom gemeinsamen Planetensystem und einer globalen Relation von Zeit und Raum, von Natur, Ästhetik und Politik die Rede – von einem erträumten „Gleichgewicht“, das Whitman „equilibrium“ nennt. Zu ihm gehören, in anderen Teilen der „Grashalme“ Europa und alle Welt mit einschließend, die Ideale der Demokratie und der zu befriedenden „Union“. Ein Gedanke, der den ehemaligen Drucker, Dorfschullehrer, Häusermakler, Journalist und wegen seiner (homo-)sexuell freizügigen Lyrik nach kurzer Zeit entlassenen Angestellten der Washingtoner Regierung umtrieb, seit er als Sanitäter das Grauen des amerikanischen Bürgerkriegs erlebt hatte.

          Merkwürdig, das fällt jetzt im Doppeljubiläumsjahr von Humboldt und Whitman auf: dass in den meisten deutschen Editionen gerade das „Kosmos“-Gedicht fehlt. So auch in der soeben bei Diogenes neu aufgelegten „Grashalme“-Ausgabe, die in der Übertragung von Hans Reisiger zuerst 1985 erschien. Whitman ist zwar immer wieder ins Deutsche übersetzt worden, auch von Poeten wie Johannes Schlaf (1907), Franz Blei (1914), dem Anarchisten Gustav Landauer (1921) oder dem DDR-Dichter Erich Arendt (1966). Aber nur einmal sind die über dreihundert Texte der „Leaves of Grass“ wirklich vollständig übertragen worden. Es ist die 860 Seiten starke, von Jürgen Brôcan bravourös besorgte Ausgabe im Hanser Verlag, die vor zehn Jahren erschien. Etwas schleierhaft bleibt hier nur, warum Brôcan den scheinwörtlichen Titel „Grasblätter“ gewählt hat. Die Sprache erklärte Whitman einst zu seinem „Zwilling“. Doch eine Übersetzung gerät eben bestenfalls zum zweieiigen Geschwister.

          Walt Whitman: „Kosmos“

          Wer umschließt Vielfalt und ist Natur,
          Wer ist die Spanne der Erde und die Rauheit und die Sexualität der Erde, und die Milde der Erde und das Gleichgewicht,
          Wer hat nicht vergebens aus den Augenfenstern gesehen, wessen Hirn hielt nicht vergebens Audienz mit Botschaftern,
          Wer umfasst Gläubige und Ungläubige, wer ist der herrlichsteLiebende,
          Wer hält sein oder ihr rechtes dreieiniges Maß an Realismus, Spiritualität und Ästhetik oder Intellekt,
          Wer fand nach Betrachtung des Leibes all seine Organe und Glieder gut,
          Wer begreift, aus der Theorie der Erde und aus seinem oder ihrem Leib, durch sinnfällige Analogien alle anderen Theorien,
          Die Theorie einer Stadt, eines Gedichts oder der Politik dieser Staaten;
          Wer glaubt nicht nur an unseren Erdball mit seiner Sonne und seinem Mond, sondern an andere Globen mit ihren Sonnen und Monden,
          Wer, der sein oder ihr Haus konstruiert, sieht nicht bloß für heute, sondern für alle Tage die Rassen,  Epochen, Daten, Generationen,
          Die Vergangenheit, die Zukunft, die hier wohnen wie der Raum, untrennbar beisammen.

          Aus dem Amerikanischen von Jürgen Brôcan

          ***

          Who includes diversity and is Nature,
          Who is the amplitude of the earth, and the coarseness and sexuality of the earth, and the great charity of the earth and the equilibrium also,
          Who has not look’d forth from the windows the eyes for nothing, or whose brain held audience with messengers for nothing,
          Who contains believers and disbelievers, who is the most majestic lover,
          Who holds duly his or her triune proportion of realism, spiritualism, and of the æsthetic or intellectual,
          Who having consider’d the body finds all its organs and parts good,
          Who, out of the theory of the earth and of his or her body understands by subtle analogies all other theories,
          The theory of a city, a poem, and of the large politics of these States;
          Who believes not only in our globe with its sun and moon, but in other globes with their suns and moons,
          Who, constructing the house of himself or herself, not for a day but for all time, sees races, eras, dates, generations,
          The past, the future, dwelling there, like space, inseparable together.

           

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