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Frankfurter Anthologie : Kornelia Koepsell: „Der Mann, der lacht“

  • -Aktualisiert am

Bild: Alexander Paul Englert

Der für dieses Gedicht gewählten klassischen Form des ritterlich-werbenden Liebessonetts läuft der Inhalt diametral entgegen. Die Titelfigur, ein Nachfahre des Jokers aus „Batman“, hat Probleme mit Frauen.

          2 Min.

          Helden der Nacht“ heißt der Zyklus, in dem Kornelia Koepsell einen Reigen verlorener Gestalten auftreten lässt, im Abseits des schönen Lebens gestrandete Figuren, die meist zwischen Mitternacht und Morgengrauen ihr Dasein fristen: eine in der gelblich-kachelglatten Unterwelt eines Hotels sitzende Toilettenfrau, einen vor dem Kaufhaus im Neonglanz frierenden Spielmann, einen früheren Superhelden, müde und betrunken in einer New Yorker Bar vor sich hindämmernd, und Phaeton, den Göttersohn, inmitten von Glasfassaden und Bankentürmen zu Boden stürzend: „Die Sonne lacht, sie lacht so schrecklich kurz, / als wenn ein kleiner Spaß vom Himmel fiele“. Die vom Dunkel verschluckten oder vom Licht zerschmetterten Geschöpfe haben sich längst abgefunden mit ihrer ausweglosen kümmerlichen Existenz, in der die Erinnerung an bessere Zeiten nur noch zum blassen Slogan taugt: „An alten Mythen ist Manhattan groß“. Die Anonymität der Nacht ist ihr Zuhause, ihr Schicksalsraum der Vereinsamung und Gefährdung.

          Auch im hier abgedruckten Gedicht ist eine grellbeleuchtete Bar oder Spelunke Ort der Zuflucht und des Verderbens, Schauplatz eines Alleinseins mit allen. Die Seele, in dieser Halbwelt jeglichen Halts beraubt, löst sich auf, zerfällt, wird empfänglich für Einflüsterungen aller Art, für Trugbilder und Lockmittel. Für das, was im diffusen Lichtgefunkel auftaucht, ist sie auf Deutung, auf Orientierung angewiesen, auf einen nächtlichen Führer durch die Vorhölle der Alkoholdünste, Rauchschwaden und Ausschweifungen, durch die Arena des traurigen Rausches.

          Noch einmal lachend durch den Tempel tollen

          „Der Mann, der lacht“, ist kein fröhlicher Zechkumpan, den Ausdruck unbeschwerter Heiterkeit trägt er als klaffende Wunde, als böses Stigma im Gesicht. Nicht einmal mimisch kann er sich sein trostloses Dasein anmerken lassen. Das Gedicht beruft sich im Titel und noch einmal im sechsten Vers auf den Roman „Der lachende Mann“ von Victor Hugo. Darin wird der kleine Sohn eines Lords auf Befehl des Königs Landstreichern verkauft und von diesen chirurgisch entstellt, um fortan mit einem unablässigen Grinsen gestraft zu sein, das Neugier und Abscheu erregt und das er auch dann nicht ablegen kann, als er die Liebe seines Lebens verliert. Die aus dem eigenen Gesicht geschnittene Maske verhöhnt die wirklichen Gefühle und Empfindungen, wird zur Fratze, zum Zeichen des Auseinanderklaffens von Innen und Außen. Auf heutige Verhältnisse übertragen, wird sie auch zum Zerrbild einer Gesellschaft, die selbst Mimik und Gestik operativen Eingriffen unterwirft und im artifiziellen Unernst ihr Ideal findet. Aus Hugos Romanmotiv entstand 1928 ein Horrorfilm, der wiederum zum Vorbild wurde für Batmans Widersacher Joker sowie Brian De Palmas „Schwarze Dahlie“. An alten Mythen ist auch Hollywood groß.

          Angeregt zu ihrem Gedicht über einen zerrissenen, zur Trauer unfähigen Menschen wurde die 1955 in Gießen geborene Autorin, die in Höchberg bei Würzburg lebt und dort als Psychoanalytikerin arbeitet, durch einen schizophrenen, von der Vorstellung gequälten Patienten, Frauen seien Tigerinnen, die ihn angreifen und seine Männlichkeit, seine Identität bedrohen könnten. Von der zweiten Strophe an wird daraus eine Verführungsszene von bestürzender Komik und gestenreicher Obszönität, die der dafür gewählten klassischen Form des ritterlich-werbenden Liebessonetts grandios zuwiderläuft. Alles gerät in Auflösung, wird zum Schlingern, Schwanken, Torkeln und mündet in eine gewagte tänzerische Einlage, ein rhythmisch meisterhaft umgesetztes Stolpern, das dem „frechen Zeichen“ längst keinen eigenen Willen mehr entgegenzusetzen hat. Als die scheinbar zu allem bereite Femme fatale sich plötzlich ganz bürgerlich zu Bett begeben will, findet der „Mann, der lacht“, seine Sprache wieder, kann mit whiskyschwerer Zunge noch einen Vorschlag machen, dessen kindlich-anrührende Alliteration auch für die Tigerin unwiderstehlich sein dürfte. Lachend durch den Tempel tollen – vielleicht der einzige Ausweg aus einer verlorenen Nacht in einer entzauberten Welt.

          Kornelia Koepsell: „Der Mann, der lacht“

          Wie schnell zerfällt zur Nachtzeit eine Seele

          in Teile, wenn sie einsam und speziell

          sich selber überlassen ist im grell

          verrückten Flackern einer Lichterhöhle.

           

          Das ist die Tigerin, erklärt der Dämon

          dem Mann, der lacht. Sie macht das freche Zeichen

          nur, um seinen Willen aufzuweichen.

          Jetzt schlenkert sie, den Unterkörper schon

           

          nach vorn gekippt, er fühlt die Arroganz

          in ihren Augen und vollführt kokett,

          die dünnen Beine schwenkend, einen Tanz,

           

          das Whiskyglas zerspringt in Scherben, wollen

          wir, plötzlich fürchtet er, sie will ins Bett,

          ein wenig, fragt er, durch den Tempel tollen?

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