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Frankfurter Anthologie : Karl Mickel: „Elegie (1)“

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Bild: Ullstein

Die Subversion dieses kurzen Gedichts dürfte den DDR-Zensoren damals entgangen sein. Zeit für eine Wiederentdeckung des ostdeutschen Poeten und Ökonomen Karl Mickel.

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          So hat ihn der Maler Clemens Gröszer festgehalten: In langen Mantel, Schal und schlotternden Tweed gehüllt, hinter den Haarstoppeln mit den Geheimratsecken tut sich eine posthistorische Landschaft aus kaputten Mauern oder gescheiterten Bauvorhaben auf, die ohne Aussicht auf Vollendung in einen mitternächtlichen Bleihimmel hineinragen. Nur aus dem hellwachen, wenn auch zynisch verdüsterten Blick schlägt es Funken, unter dem glattrasierten Kinn wölbt sich ein roter Halstuchknoten, die Zigarre in der Rechten glimmt, ein Wort geht über die Lippen, für das er einsteht, für das er sich an diesem trostlosen Ort behauptet, das ihn womöglich sogar rettet.

          Es ist nicht das Klischee des weltfremden, auf Eingebung hoffenden Poeten, sondern das Bild eines Dichters, der abwartet, dableibt, wenn die anderen längst gegangen sind – vielleicht um einen Moment abzupassen, dessen verheißenes Eintreten andere längst nicht mehr oder sogar nie für möglich gehalten hätten, oder um einer Person entgegenzusehen, die von Rechts wegen an diesem Ort und zu dieser Zeit weder erscheinen könnte noch dürfte. Er bleibt und hält die Stellung. Aber wo sonst als an diesem Un-Ort wäre überhaupt sein Platz?

          Ein wenig steht er da wie Dante, der exilierte Florentiner, mit dem Rücken zum Inferno, das Purgatorium im Angesicht, das Paradies eine unnahbar ferne, eigentlich schon verworfene Idee – aber er ist ja da, um auszuharren und die Höllen- und Himmelskreise zu vermessen.

          Nichts als bedrucktes Papier

          Der Band, in dem der bodenlose Vierzeiler vor fünfzig Jahren erschien, heißt „Vita nova mea“. Der Ort: die DDR, ein Jahr später ist das Buch bei Rowohlt im Westen erschienen. Dante und die DDR, die Vision des Kommunismus das Paradies, der real existierende Sozialismus das Purgatorium, die stalinistische Perversion die Hölle? Der 1935 in Dresden geborene und 2000 in Berlin verstorbene Karl Mickel war ein poeta doctus, dessen Pfund der Zitatenschatz der abendländischen Poesie, der rotzige François Villon und der elegante Ezra Pound waren und der gleichwohl als Dozent für Ökonomie auf festen Beinen stand.

          Mickel führt jeden, der diese Zeilen begrifflich eins zu eins aufzulösen oder in Realität abzubilden sucht, ins Leere. Das Gedicht verlässt die Realität, die es zuvor in wenigen Strichen skizzierte: mit dem im „Frühwind“ kalten Morgen „mit plötzlichem Gefälle“, der „über ihre Schwelle“ tretenden „Zeitungsfrau“, die in der nächsten Stunde mit ihrem Gut „die Wahrheit“ breitgetreten haben wird – eine Fundamentalkritik, die es in sich hat. Was schwarz auf weiß als „die Wahrheit“ ausgegeben wird, ist tatsächlich nichts als bedrucktes Papier (die Prawda, das Zentralorgan der KPdSU, gab sich mit ihrem Titel als „die Wahrheit“ aus – für Mickel binnen einer Stunde Makulatur)! Die Subversion dürfte den Zensoren entgangen sein, war sie doch kaum zu greifen: Handelte es sich nicht um ein unscheinbares Liebesgedicht? Und in der Tat: Die „Wahrheit“ der Liebenden ist eine andere als die der Zeitung. Sie kommt buchstäblich nicht darin vor, denn sie steht außerhalb jeder zählbaren Zeit. „Unsre Zeit“ – sei es die der Liebenden, sei es die des ausharrenden Dichters, der sich im Plural anredet – ist eine Null- und Nicht-Zeit, für die weder in der Zeitung noch in ‚Wirklichkeit‘ ein Platz vorhanden ist.

          Was ist das überhaupt für eine Zeit „zwischen Null und Null“ (wie man die Ziffern dem Metrum folgend zu lesen hat)? Die fünfhebigen Paarreime stolpern trotz ihrer schulbuchmäßigen Regelhaftigkeit zwischen Auftakt und auftaktlosem Einsatz, zwischen Jambus und Trochäus bizarr hin und her und suchen zwischen sachter weiblicher Kadenz, mit der sich der „Frühwind“ ankündigt, und harter männlichen Kadenz, mit der die Zeitungsfrau die Wahrheit austrägt, das Gleichgewicht zu finden. Bezeichnend, dass gerade die erste Zeile, in der die Zeitung noch nicht da ist, und die letzte, in der sie nicht mehr da ist, mit abrupter Auftaktlosigkeit einsetzen. Das jambische Gleichmaß der mit Druckerschwärze getränkten Zeitungswahrheit verkleistert eine Realität, die sich unvermittelt einstellt, „mit plötzlichem Gefälle“, und nicht nach Zeittakten zählbar ist.

          Das Zentralorgan des Dichters, seine Sensibilität für Unmittelbarkeit und Nuancen des Ausdrucks, entlarvt das Zentralorgan von Staat und Partei. Die „Wahrheit“ des Dichters ist nicht entgegengesetzt, sondern noch gar nicht formuliert, ihr (W)Ort ist die utopische Bresche „zwischen Null und Null“. Der Dichter wartet, bis sie sich einmal auftun mag, dann erst hat „unsre Zeit“ geschlagen. Deshalb haben sich die Gedichte Karl Mickels mit dem Ende der DDR auch nicht erledigt, sondern lohnen Lektüre und Wiederentdeckung mehr denn je: als poetische Wirklichkeitsentwürfe zwischen Tradition und Innovation.

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