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Frankfurter Anthologie : Karl Immermann: „Auf dem Heimwege“

Bild: Picture-Alliance

Wodurch zeichnet sich ein geglücktes Leben aus? Der Münchhausen-Autor variiert in fünfzehn knappen Versen die Handlung des Märchens „Von dem Fischer un syner Fru“.

          2 Min.

          Fünfzehn kurze Zeilen, atemlose freie Verse, die mit wenigen Worten eine Geschichte vom Aufstieg zum Fall erzählen: Ein armer Mann sitzt in seiner Hütte, gelangt irgendwie in den Besitz eines Zaubers, der ihn in den Sultanspalast befördert, er wünscht sich mehr, als ihm zusteht, und landet wieder dort, woher er gekommen ist.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein „Zaubermärchen mit bekanntem Schlusse“ verspricht gleich die erste Zeile des Gedichts. Die Anspielung zielt auf das Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“, das seit der allerersten Auflage von 1812 ein fester Bestandteil der Grimmschen Sammlung ist. Doch was im Märchen, das der Maler Philipp Otto Runge mit großem Sinn für die Details einer variierenden Wiederholung und die Farbpalette des sich langsam verfinsternden Meeres niederschrieb, eben dadurch eine epische Wucht entfaltet, das hinterlässt im Gedicht eine Fülle von offenen Fragen: Was ist das für ein Talisman, der den Zauber in Gang setzt, wie kommt der Arme daran, wie geht es ihm in dem allenfalls skizzierten „Kalifenpalast“, was bedeutet das „immer höher“ und was ist das für ein Wunsch, mit dem der Arme die Grenze überschreitet?

          Was ist das für ein Talisman?

          Derjenige, der davon erzählt, bedient sich eines Telegrammstils, als müsste man ihm jedes Wort aus der Nase ziehen. Statt zu beschreiben, wirft er „Rosengärten“ oder „süße Musik“ hin, und wie um zu betonen, dass es damit genug sein müsse, wirft er mit insgesamt fünf Ausrufezeichen um sich, die den Fluss der Worte zuverlässig unterbrechen. Es ist keine schöne Geschichte, vom bitteren „Recht so!“ des Anfangs bis zum „Und singt nicht mehr“ am Ende, auf das auch inhaltlich das Gedicht hinsteuert und damit den „bekannten Schluss“ des Märchens entscheidend variiert: Denn während der Fischer und seine Frau, nachdem sie den Segen des Butts leichtfertig eingebüßt haben, wieder dort angekommen sind, wo sie waren, als das Märchen seinen Anfang nahm, ist der „Arme“ aus Immermanns Gedicht nicht mehr derselbe: Der vergnügte Gesang von einst will ihm nicht mehr über die Lippen.

          Karl Immermann, geboren 1796 in Magdeburg, gestorben 1840 in Düsseldorf, ist heute noch als Autor zweier großer Romane in Erinnerung: „Die Epigonen“ und „Münchhausen“. Als Dramatiker ist er vollkommen vergessen, als Lyriker nicht so ganz, zumal sein Versepos „Tulifäntchen“ von 1830 nicht nur von Heinrich Heine aufrichtig bewundert wurde. Immer aber wird man in seinen Werken eine Mischung aus Formbewusstsein und Skepsis ebendiesen Formen gegenüber feststellen, aus Idealismus und Enttäuschung, aus Affirmation und Parodie. Er stellt sich in eine literarische Tradition, um sie gründlich in Frage zu stellen, und so wie in „Auf dem Heimwege“ die Bemühungen moderner Autoren um antike Odenformen zitiert werden, so werden sie zugleich in einen gehetzten Protokollstil überführt, der keine Getragenheit aufkommen lässt. Und es sind Worte wie „Recht so!“, im Verein mit dem Hinweis auf den „bekannten“ Ausgang des Märchens, die darauf verweisen, dass es hier nicht um die Unmittelbarkeit des Erlebens geht, nicht um den staunend rezipierten Zauber des Märchens, sondern um einen tragischen Ausgang, den derjenige, dem er widerfährt, doch hätte wissen können, ja: wissen müssen.

          Immermanns Gedicht erscheint zum ersten Mal in einem Band, der sein lyrisches Schaffen bündelt. Es steht in der zweiten von sechs Abteilungen, die mit „Wonne und Wehmut“ überschrieben ist, und folgt unmittelbar auf ein anderes Gedicht, das die Absage an Liebeszauber zum Inhalt hat und stattdessen die Illusion der Liebenden preist, die sich, sind sie nur zusammen, mit allen Sinnen an die angenehmsten Orte versetzen können.

          „Auf dem Heimwege“ aber beschreibt im harten Kontrast dazu die Grenzen dieser Vorstellung: Woher kommt der „Arme“ wieder zurück in sein Haus, das ihm, dem vergnügt Singenden, vorher der Ort hochgespannter Träume war und das sich dabei selbst in einen Palast verwandelte – so lange, bis er es verließ, um zu erproben, ob die Wirklichkeit mit den Träumen standhalten könne, und sich dabei einen Korb holte?

          Es ist nicht das letzte Wort, das Immermann zur Frage von Illusion und Wirklichkeit spricht. In seinem „Die Wunder im Spessart“, das 1839 als Teil des „Münchhausen“ erscheint, lässt er offen, ob ein geglücktes Leben nicht auch im lang andauernden Tagtraum zu finden sei.

          Karl Immermann: „Auf dem Heimwege“

          Recht so! Ein Zaubermärchen

          Mit bekanntem Schlusse!

          In seiner Hütte singet

          Vergnügt der Arme.

          Findet den Talisman:

          Kalifenpalast!

          Rosengärten,

          Schwellende Polster,

          Süße Musik,

          Und der Sultanin Kuss!

          Immer höher!

          „Möchte gern Gott seyn...“

          Sitzet wieder

          In seiner Hütte

          Und singt nicht mehr.

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