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Frankfurter Anthologie : Peter Hacks: „Anlässlich einer Mainacht“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Mag das Füllhorn auch versiegen, die Suche nach Glück ist auch angesichts widriger Umstände unausrottbar, wie dieses Gedicht über den Frühling und die Liebe zeigt.

          2 Min.

          Das Thema ist Glück, und schon der Titel verweist darauf, dass es um ein höchst konkretes, zeitlich fixierbares Erlebnis geht. Hacks benutzt eine auf die griechische Antike zurückgehende Allegorie, der zufolge Fortuna in ihrem Füllhorn (cornucopia) Naturerzeugnisse, die Früchte einer reichhaltigen Ernte, bereithält – Wunschbild und Hoffnung der in der Landwirtschaft Tätigen. Bei Hacks ist es sogleich das Glück selbst, das sein Füllhorn, das nicht nur Naturfrüchte enthält, anscheinend wahllos „ausschüttet“.

          Dass das Füllhorn nicht aufrecht gehalten wird, sondern nach unten gerichtet ist, widerspricht den üblichen allegorischen Darstellungen. Die Maler „irren“ also. Bei Hacks hält das (wechselhaft-launische) Glück alle möglichen Dinge auch unangenehmer Natur bereit und schüttet diese willkürlich, ja gewalttätig aus. Man denkt an den Barockmaler Salvator Rosa, dessen schöne Glücksgöttin ein gewundenes Horn hält, aus dem alle möglichen Gegenstände – darunter Schmuck und eine Krone – auf die ihr zu Füßen lagernden Tiere niederpurzeln. Das Bild war satirisch gemeint, richtete sich unter anderem gegen den Papst, der als Esel dargestellt wird, und kostete den Maler fast das Leben.

          Das dunkle Glück der Liebe

          Gerade das Niederprasseln diverser, letztlich nutzloser Gegenstände gilt es nun dem Dichter zufolge auszuhalten, denn „im perlmuttnen Dunkel einer engeren Windung“ hält die Glückgöttin dann doch das größte Glück bereit. Es ist kein Gegenstand, aber durchaus von dieser Welt. Es ist das „dunkle Glück der Liebe“, Inbegriff eines diesseitigen Lebensgenusses. Durchaus kein Scherz, keine bloße Angeberei, wie die „blonde Liebste“ bezeugen kann. Der Dichter feiert den Eros der beiden, den man sich nicht als warenförmige Höchstleistung vorstellen sollte, mit paradoxen Naturbildern – als Sturm, der stillsteht, als nicht abebbende Flut, als unendliche Ruhe. So fasst er die entrückte, aber dabei höchst irdische Intensität des beiderseitigen Glücksgefühls.

          Hacks setzt hier höchst konkret ein Wunschbild in Szene, dem die Menschen auch in düsteren Zeiten anhängen. In der bitterbösen, hellsichtigen Komödie „Der Geldgott“, die Hacks Anfang der Neunzigerjahre schrieb, kriecht das zuvor geschundene, seiner Liebe durch die neuen ökonomischen Entwicklungen beraubte Paar in ein großes, auf der Bühne aufgestelltes Füllhorn. Nachdem allerhand Zivilisationsmüll weggeräumt ist, erspäht die Heldin dort am hintersten Ende ein Glück verheißendes Bild, das sie nicht in Worte fassen kann. Ihr Partner drängt sich hinter ihr in das enge Füllhorn, um dieses Bild ebenfalls zu erhaschen. Damit endet ein Stück. Was die beiden dort sehen und was sie sprachlos macht, wird nicht gesagt. Doch deutlich wird: Die Suche nach Glück ist auch angesichts widriger Umstände unausrottbar.

          Hacks verliert sich in seiner Liebeslyrik, die ein Drittel seines Gedichtbandes ausmacht und ein halbes Jahrhundert umspannt, nie ins Romantisch-Schmachtende oder Weltschmerzlich-Illusions­lose. Wenn gelegentlich elegische Töne angeschlagen werden, so dient dies als Kunstgriff, nicht als Weltanschauung. Stets ist der Blick des Materialisten präsent, der weiß, dass es nur dieses eine Diesseits gibt und sonst nichts. Als „Vater der Genüsse“ figuriert niemand anders als der „alte Knochenmann“, wie es in einem Text am Schluss des Blocks der Liebesgedichte heißt. Es gilt, an Glück und Genuss festzuhalten, denn „Gehabtes Glück hilft sterben. / Der Tod, er soll nichts erben / Als blankgeleckte Scherben / Und Schläuche ausgepresst“.

          Peter Hacks: „Anlässlich einer Mainacht“

          Wenn das Glück sein Füllhorn auskippt, erwarten
          Sie nicht Birnen, Trauben noch Rosen. Nämlich
          Hierin irren die Maler. Sondern das es
          Ihnen um den Kopf haut, das Obst, sind Neid von
          Freunden, Abfall von Bundsgenossen und die
          Schoflen Bräuche alle dieser zum Leben
          Kaum geschickten Rasse. Dennoch, und solches
          Redet einer, der weiß, wovon er redet,
          Suchen Sie kein Dach auf, wenn das Glück sein
          Füllhorn auskippt. Treten Sie nicht unter.
          Ganz im Bodensatz, hinten, im perlmuttnen
          Dunkel einer engeren Windung, wo man
          Es schon für leer hält, hebt das Horn das große
          Glück für Sie auf, das dunkle Glück der Liebe,
          Das kein Scherz ist und weit vor dem die Worte
          Enden. Aber fragen Sie meine blonde
          Liebste, die es auch weiß. Es ähnelt einem
          Sturm, der stillsteht, einer Flut, die nicht abebbt.
          Eine Ruhe ists, unendlich, aus Freude.

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