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Frankfurter Anthologie : Friedrich Gottlieb Klopstock: „Das Versprechen“

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Kann ein Krieg gerechtfertigt sein? Und dürfen im Namen der Freiheit fremde Grenzen verletzt werden? Dieses Gedicht bezieht eine klare Position in Fragen, die nach wie vor umstritten sind.

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          Friedrich Gottlieb Klopstock hat die Französische Revolution mit Oden und Elegien begleitet, Zeugnisse einer lebendigen, öffentlich wirksamen politischen Poesie. Im Zentrum steht dabei die Hoffnung, mit dem Sturz des Feudalregimes die Geißel des Krieges auszurotten. 1790 hatte Klopstock die Revolution enthusiastisch als „edelste Tat“ des Jahrhunderts gefeiert. „Sie und nicht wir“ lautet der Titel eines hymnischen Gedichts, das auf einen breiten Konsens der bürgerlichen Schichten im damals noch existierenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation rechnen konnte.

          Stellvertretend für andere Länder hatten die „fränkischen Brüder“ die Grundlage für eine neue Gesellschaftsordnung gelegt. Der Sturz des Feudalregimes versprach vor allem die Ausrottung des Krieges, der als Ausdruck von Despotismus und Willkürherrschaft schlechthin galt. Würden sich die Staaten endlich zu „Republiken“ entwickeln, so Immanuel Kant in seiner berühmten Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795), so würden auch Kriege obsolet, denn wer außer einigen selbstherrlichen Autokraten, denen es um Prestige, Macht und Reichtum ging, hätte noch ein Interesse an kostspieligen Kriegen, die zudem ganze Landstriche ruinierten und zahllose Opfer forderten?

          Fels im Meer gebrochener Eide

          Klopstock verfolgt den Fortgang der Ereignisse in Frankreich genau. Begeistert ist er schon vom ersten Schritt, nämlich den noch regierenden Monarchen zu verpflichten, bei Kriegserklärungen die Einwilligung der repräsentativen Stände einholen zu müssen. In der Verfassung von 1793 wird die Souveränität von Staaten festgeschrieben, um die üblichen Angriffskriege zu unterbinden. Diese Festschreibung erfolgt zu einem Zeitpunkt, als die führenden europäischen Mächte zu einer massiven Strafaktion gegen Frankreich ansetzen, das sich mit dem Sturz des Feudalregimes des schlimmsten Verbrechens schuldig gemacht und sich außerhalb der abendländlich-christlichen Gemeinschaft gestellt habe. Es besitze deshalb keinerlei staatliche Legitimität. Klopstocks Antwort auf diese Anmaßung ist unmissverständlich: Er verteidigt den Freiheitskrieg der Franzosen, der dem Schutz der Nation diene. Er geht so weit, sein Gedicht „Der Freiheitskrieg“ dem Herzog von Braunschweig überreichen zu lassen, der als Vertreter der Interventionstruppen besonders rücksichtslos durchzugreifen versprach und alle Revolutionssympathisanten mit dem Tod bedrohte.

          Doch Klopstock verteidigt den Freiheitskrieg nur so lange, als er ein Verteidigungskrieg ist. Sobald der Defensivkrieg zu Angriffen auf fremdes Territorium führt, lehnt er ihn ab. Bereits 1793, als es erste Übergriffe auf benachbarte Territorien gibt, übt er Kritik und sucht in einem Kommentar zu bestimmen, ab wann ein Krieg nicht mehr zu rechtfertigen sei. Zwei Jahre später erinnert er wieder an die Versprechen von 1791 und 1793. Mittlerweile haben die Franzosen Belgien und die Niederlande erobert. Für Klopstock ist dies kein legitimer Freiheitskrieg mehr, und auch militärische Gründe – etwa die einer vorbeugenden Sicherung der Grenze – kann er nicht gelten lassen.

          Einen Revolutionsexport lehnt er ab, wie übrigens auch der 1794 hingerichtete Robespierre, der sich ausdrücklich gegen „bewaffnete Freiheitsmissionare“ gewandt hatte. Auch Kant hatte in seiner Schrift klargemacht, dass die Ausbreitung der Friedensidee auf der Beibehaltung nationaler Unterschiede beruhe und hegemoniale Machtverhältnisse ausschließe. Nur Johann Gottlieb Fichte ging davon aus, dass die zukünftige Friedensordnung nur möglich sei, wenn alle Staaten das alte Regime abgeschüttelt hätten. Wie dies zustande komme, spiele letztlich keine Rolle.

          Doch Klopstock beharrt auf der ursprünglichen Friedenskonzeption und den Proklamationen von 1791 und 1793. „Kein Eroberungskrieg“ – so lautet das Versprechen, an das Klopstock erinnert. Er sieht es mehrfach gebrochen. Die einst so bewunderten Franzosen fielen wieder in die alte Praxis der „allverderbenden“ Kriege zurück und ließen sich – wie in Zeiten zuvor – von irgendwelchen Ruhmesaussichten blenden, ohne zu merken, dass des „Kampfspiels schimmernde Höh’“ in Wahrheit ein Abgrund ist. Diesen Rückfall betrachtet Klopstock mit zunehmender Verbitterung, wenn er auch an den Zielen der Revolution festhält. Doch er insistiert auf dem Ideal des Friedens. Darin besteht die „menschliche, edle Verheißung“, von der er hofft, sie möge „unerschüttert“ bestehen bleiben, wie der „Fels im Ozean“.

          Friedrich Gottlieb Klopstock: „Das Versprechen“

          Kein Eroberungskrieg! So scholl das heilige Wort einst,
          Das ihr uns gabt, verehret als nie verehret ein Volk ward;
          Und (so daucht’ es uns) Stimmen Unsterblicher wiederholten:
          Künftig nicht mehr Eroberungskrieg.

          Und jetzt führet ihr ihn den allverderbenden, seid gar
          Große Krieger, ersteigt mit schlagendem Herzen, mit heißem
          Durste nach Ruhm, im Orkan der Leidenschaft, des Kampfspiels
          Schimmernde Höh’, die . . . Abgrund ist!

          Lernet den Schauplatz kennen, auf dem ihr groß seid: Auf ihm brüllt
          Beifall der Löw’ euch zu; heult euch von Triumphe der Wolf vor;
          Schreit mit der feinen neronischen Stimm’ euch von nie vergessnem
          Ewigen Namen der Geyer vor.

          Wenn ihr auch ganz das Gebäu des Staats umstürzetet; musste
          Dennoch die nie vernommene, die menschliche, edle Verheißung
          Unerschüttert stehn, in der Mitte der großen Trümmer,
          Stehn, wie der Fels im Ozean!

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