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Frankfurter Anthologie : Joseph von Eichendorff: „Auf einer Burg“

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Bild: IMAGNO

Dieses Gedicht des jungen Eichendorff ist ein schlicht-geniales Beispiel an literarischer Verborgenheitskunst. Es ist große Dramenmusik zwischen den Zeilen und Zeiten.

          2 Min.

          Als der große Musikkritiker Joachim Kaiser den großen Pianisten Wladimir Horowitz in den siebziger Jahren in New York in dessen mondäner Rückzugsklause besuchen durfte, in die sich Horowitz zum jahrelangen Pausieren und Sich-rar-Machen vergraben hatte, sprachen die beiden über romantische Klaviermusik und naturgemäß über den romantischsten, weil poetischsten aller Klavier-Romantiker: Robert Schumann. Und auch darüber, was nicht in den Noten steht, sondern eben, Stichwort: Poesie, zwischen und hinter und unter und über ihnen. Und Horowitz, berichtet Kaiser, habe sich im Sessel aufgerichtet und in klarstem Deutsch zitiert: „Eingeschlafen auf der Lauer / Oben ist der alte Ritter“. Und natürlich hatte Horowitz die Nummer sieben in Schumanns „Liederkreis“, op. 39, der aus lauter Vertonungen von Eichendorff-Gedichten besteht, im Sinn – und hatte wohl auch jene fahle, leere, von ,h‘ aufs ,e‘ dumpf und wie erstarrt fallende Quinte im Ohr, mit der Schumann „Auf einer Burg“ von Eichendorff gleich zu Beginn in Szene setzt. Und wie sich das ganze Lied wie in ständiger chromatischer Qual nie von der Stelle zu bewegen scheint und alte, ferne Kirchentonarten streift und von e- nach a-Moll sich windet. Und wie ein steinerner Gast im großen Schmerz statisch düster aufglüht. Bis die „schöne Braut“ einen schlussschwebenden Tränentropfen in Halbtonform ins steinerne Meer ungesagter Verzweiflung fallen lässt.

          Sog ins Tiefe

          Aber wenn es darum geht, was „nicht in den Noten steht“, ist das Gedicht „Auf einer Burg“, das der zweiundzwanzigjährige Eichendorff um 1810 schrieb und das er 1837 in seine „Wanderlieder“ aufnahm, auch ein so grandioses wie schlicht-geniales Beispiel an literarischer Verborgenheitskunst: eben dessen, was nicht in den Worten steht – sondern dazwischen und darunter und darüber. Diese Kunst rankt sich hier um die Achse zwischen „oben“ und „unten“. Der eingeschlafene alte Ritter und seine Klause sind in den zwei ersten Strophen „oben“. Die dritte Strophe, in der sich der erste Vers, der behauptet, „draußen ist es still und friedlich“, wie verwaist ausnimmt und aus dem Reimschema herausfällt, mit dem dritten Vers, „Waldesvögel einsam singen“, allenfalls in Stabreimbeziehung steht, stimmt dann auf den Sog ins Tiefe ein: „Alle sind ins Tal gezogen“. Die vierte lässt „da unten“ eine Hochzeitsgesellschaft „auf dem Rhein im Sonnenscheine“ fahren. Was sich da in simpel schleppenden Trochäen (eine Hebung, eine Senkung) wie in Schicksalsschritten entfaltet, ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein großes Drama: zwischen den Zeilen – und zwischen den Zeiten.

          Was hat sich ereignet zwischen dem Ritter „auf der Lauer“ und der „schönen Braut“ vor oder in „vielen hundert Jahre(n)“? Gab es Mord und Totschlag? Eine Eifersuchtstragödie? Wer hat die Burg zerstört und zur Ruine aus „leeren Fensterbogen“ gemacht? Liegt auf dem alten Ritter „oben“ ein Zauber, ein Hexenwerk, ein Fluch? Hat er Verheerendes getan, die Falsche richtig geliebt oder die Richtige falsch? Und weint die „schöne Braut“ trotz oder gerade wegen der munter spielenden Musikanten „da unten“ um alle verpassten Gelegenheiten, einmal glücklich gewesen sein zu können? Fragen einer dramatischen Phantasie, die sich vom Königs- bis zum Schauerdrama, von der Romanze bis zum Zauberstück alles vorstellen kann (also von Shakespeare bis zu Raimund). Eine Phantasie, die Eichendorff nicht bedient, sie aber gerade dadurch herrlich entzündet. Unter den romantischen Dichtern ist er der Andeuter, Auslasser, Verschweiger. Wo ein progressiver, aus allen Heimaten und Sicherheiten vertriebener Heine zum Beispiel alles, auch noch die kleinste Nuance witzig-überlegen lyrisch pointiert ausplaudert in seinem Zeitgeisterkosmos, da lässt der konservative, in Heimaten und in Glaubenssicherheiten (katholisch) geborgene Eichendorff dem Geheimen und Unfassbaren in seiner Zeitlosigkeitswelt den Raum, der sich nicht sagen lässt. Der aber ganz selbstverständlich anwesend ist: als Dramenmusik. Zwischen den Worten. Und nicht nur ein Horowitz wusste und liebte es.

          Joseph von Eichendorff: „Auf einer Burg“

          Eingeschlafen auf der Lauer

          Oben ist der alte Ritter:

          Drüber gehen Regenschauer,

          Und der Wald rauscht durch das Gitter.

           

          Eingewachsen Bart und Haare,

          Und versteinert Brust und Krause,

          Sitzt er viele hundert Jahre

          Oben in der stillen Klause.

           

          Draußen ist es still und friedlich,

          Alle sind ins Tal gezogen,

          Waldesvögel einsam singen

          In den leeren Fensterbogen.

           

          Eine Hochzeit fährt da unten

          Auf dem Rhein im Sonnenscheine,

          Musikanten spielen munter,

          Und die schöne Braut die weinet.

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