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Frankfurter Anthologie : Joseph Brodsky: „Eine Postkarte aus Rio“

  • -Aktualisiert am

Bild: Fine Art Images

Alle Städte, die Joseph Brodsky liebte, waren ein Abbild seiner Geburtsstadt Petersburg, aus der er 1972 verbannt wurde. Das zeigt auch dieses Gedicht. In Rio hätte er beinahe seine Identität verloren.

          Diese im Samba-Rhythmus komponierten Verse tippte der russische Dichter und künftige Nobelpreisträger des Jahres 1987 auf die Rückseite eines an mich gerichteten Briefs vom 1. Oktober 1979, nachdem wir den PEN-Kongress in Rio besucht und die Stadt am Zuckerhut gemeinsam durchstreift und erkundet hatten. Schwer zu sagen, warum Brodsky, das Gegenteil eines Reiseschriftstellers, der Einladung gefolgt war: Als 1972 aus der UdSSR ausgewiesener Dissident war er Persona non grata im internationalen PEN, wo Staatsdichter, Funktionäre und deren Trabanten zu jener Zeit den Ton angaben; um das zu ändern, hatte der damalige PEN-Präsident, der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, ihn eingeladen.

          Vielleicht lockte ihn der Strand von Copacabana, denn alle von Brodsky bevorzugten Städte – von New York bis Venedig – waren Repliken seiner Geburtsstadt Petersburg, damals wie heute Piter genannt. Wörter wie Leningrad, wo er offizieller Lesart zufolge 1940 geboren wurde, oder Sowjetunion kamen in Brodskys Leben und Werk nicht vor, und vielleicht war das der Grund, warum er die Namen Trotzki und Guevara aus der mir übersandten Fassung seines Gedichts gestrichen hat.

          Flucht vor dem Orakel

          Das englische Original trägt den Titel „A Postcard from Rio“ sowie die Widmung „for Hans Christoph Bush“ (sic) und weicht in mehreren Punkten von dem von Sylvia List übersetzten Text ab, den der Autor in seinen Essayband „Der Sterbliche Dichter“ aufgenommen und dabei falsch datiert hat. Statt Original und Übersetzung gegeneinander zu halten und das Gedicht philologisch zu interpretieren, will ich über die Umstände seiner Entstehung Auskunft geben.

          „Tod den Folterern!“ und „Schluss mit medizinischen Experimenten!“ war auf Bauzäunen in Rio de Janeiro zu lesen – Graffiti, die Brodsky umstandslos auf Russland übertrug, wo Oppositionelle in Irrenhäusern malträtiert wurden. (Jahre zuvor, in Petersburg, hatte man mir erklärt, ein Poet namens Brodsky sei den Verbandsoberen nicht bekannt, nur ein Rowdy und Hooligan gleichen Namens, der Auftritte von Parteidichtern durch Zwischenrufe störe und deshalb ans nördliche Eismeer verbannt worden sei. Das nur in Klammern.) Brasiliens Regierung dagegen warb mit dem Slogan „Wir treten ein in die Ära des Alkohols“, der sich nicht auf russische Trinksitten bezog, sondern auf die Umstellung von Autobenzin auf Zuckerrohrschnaps. Die Auspuffgase rochen wie der Atem von Alkoholikern, und die Omnipräsenz von Siemens und Volkswagen verleitete Brodsky zu dem Diktum: „Man muss Nazi oder Jude sein, um diese Stadt zu lieben!“ Das war nicht so abwegig, wie es klingt, denn in manchen Stadtvierteln wohnten Ex-Nazis und emigrierte Juden Tür an Tür. 1979 ging die Militärdiktatur zu Ende – ein Grund mehr, warum der PEN-Club hier tagte – und Junta-Chef Figuereido, dessen Bruder Kochbücher schrieb, erklärte auf einer Pressekonferenz, wenn das Volk die Demokratie nicht wolle, werde er sie ihm mit dem Bajonett in den Hals stoßen.

          Er habe bessere Verse geschrieben, sagt Brodsky in dem dazugehörigen Essay, wo er mich unter dem Namen Ulrich auftreten ließ. Zwei Denkwürdigkeiten kommen hier nur am Rande vor: Beim Baden am Strand von Copacabana stahl man ihm Kleider, Geld und Pass – nur eine Busfahrkarte ließen die höflichen Diebe zurück. „Der PEN-Club muss mir eine neue Identität besorgen!“, rief Brodsky, als er triefnass, in Badehosen, die Hotelhalle betrat. Später, in Niterói, besuchten wir eine Umbanda-Zeremonie, die ihn an eine Parteiversammlung erinnerte, weil der Religionsstifter Alan Cardec, ein belgischer Spiritist, Marx ähnlich sah. Als die Priesterin sagte, sie werde ihm das Rauchen abgewöhnen, verließ er in Panik den Saal. Vielleicht wäre Joseph Brodsky noch am Leben, hätte er auf das Umbanda-Orakel gehört.

          Joseph Brodsky: „Eine Postkarte aus Rio“ / „A Postcard from Rio“

          Komm nach Rio, o komm nach Rio.

          Iss Ananas und mach auf Bio.

          Wer reich ist, wird reicher, wer arm ist, ärmer,

          Hier ist jeder Greis ein Nazischwärmer.

           

          Komm nach Rio, o komm nach Rio.

          Keine andre Stadt hat solch ein Brio.

          VW-Käfer rasen herum voller Juden,

          Telefone von Siemens in allen Buden.

           

          Komm nach Rio, o komm nach Rio.

          Hier singt jeder Vogel: „O sole mio.“

          Auch die Fische. Die Schneegans, rein nordamerikanisch,

          Singt das Lied hier winters auf brasilianisch.

           

          Komm nach Rio, o komm nach Rio.

          Hier ist dritte Welt, sie lesen noch Leo

          Trotzki, Guevara und andre Propheten;

          Solche Rückständigkeit bewahrt vor Raketen.

           

          Komm nach Rio, o komm nach Rio.

          Als Duo gekommen, fährst du als Trio.

          Kommst du allein, verlässt den Janeiro

          Mit null du im Kopf – Kurswert ein Cruzeiro.

           

          Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sylvia List

           

          ***

           

          A POSTCARD FROM RIO

          for Hans Christoph Bush

           

          Come to Rio, oh come to Rio,

          grow a beard and change your bio.

          Here the rich get richer, the poor get poorer,

          here each old man is a Sturmbannführer.

           

          Come to Rio, oh come to Rio,

          there is no other city with such a brio.

          There are phones made by Simens, there even Jews

          drive around like crazy in VW’s.

           

          Come to Rio, oh come to Rio,

          here Urania rules, and no trace of Clio.

          Buildings ape Corbusier, a beehive-cum-waffle;

          but this time you won’t blame it on the Luftwaffe.

           

          Come to Rio, oh come to Rio,

          here the junta indulges in onomatopoeia

          on the subject of freedom, while birds in flight

          use of course both wings, but both wings are right.

           

          Come to Rio, oh come to Rio,

          Here every bird sings “O sole mio”

          So do fish wen they’re caught, so our northern geese

          do in winter here, in Portuguese.

           

          Come to Rio, oh come to Rio.

          If you come in duo, you will leave as trio.

          If you come alone, you will leave with zero

          in your thoughts as worthy as a cruzeiro.

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