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Frankfurter Anthologie : John Donne: „Der Sonnen-Aufgang“

  • -Aktualisiert am

Bild: Mary Evans Picture Library /picture-alliance

Nichts darf vorhersehbar sein in der Lyrik von Shakespeares Zeitgenossen John Donne. Ort der Handlung dieses Gedichts: das Bett am Morgen nach der Liebesnacht.

          Ein eifriger Verehrer der Damenwelt und des Theaters“ sei John Donne in seiner Jugend gewesen, verrät uns eine glaubhafte Quelle. Das berühmte „Lothian Portrait“, das wohl schönste englische Dichterbildnis, zeigt ihn, den Zeitgenossen Shakespeares, als außerordentlich attraktiven jungen Mann in der modischen Pose des Liebesmelancholikers: ein dramatisches Rollenspiel, wie jenes Porträt im Leichentuch, das er viel später, kurz vor seinem Tod, von sich anfertigen ließ.

          Im Unterschied zu Shakespeare meidet Donnes poetische Erkundung gegensätzlichster Gefühlslagen der Liebe die Homoerotik ebenso wie das Sonett. Während ringsum unter der Ägide der jungfräulichen Königin das petrarkistische Sonettfieber grassiert, passt er jedem Thema seine eigene Gedichtform an. Nichts darf vorhersehbar sein auf dem Weg vom frappanten Auftakt mitten hinein in die offenbar längst begonnene Handlung bis hin zum triumphalen Finale. Eine nach Zeit, Ort und Mitwirkenden klar umrissene Ausgangssituation erfährt dabei abenteuerliche Umschwünge.

          Der Mittelpunkt der Welt

          Ort der Handlung: das Bett am Morgen nach der Liebesnacht (unpetrarkistischer geht es nicht). Das ruhende Paar fühlt sich von der voyeurhaft in seinen Alkoven eindringenden Morgensonne belästigt. Dem Mann fällt die Aufgabe zu, sie in beider Namen in ihre Schranken zu weisen, nach der Logik der Dichtung kein ganz utopisches Bemühen. Vom derb polternden Anfang bis zur vermeintlich mitleidigen Geste am Ende ist es ein weiter Weg, der dem Leser einiges zumutet. Dabei wird die Welt auf den Kopf - oder, vom Standpunkt der Liebenden aus: auf die Füße - gestellt.

          Es geht hier nicht um den verständlichen Wunsch der beiden, doch bitte etwas länger schlafen zu dürfen; vielmehr um ihren Anspruch, von der drögen Alltagswelt mit ihren schulischen, handwerklichen, landwirtschaftlichen und höfischen Zumutungen ein für allemal freigestellt zu werden und die Zeit als größte Bedrohung der Liebe anzuhalten: statt der rags of time ein ewiges Jetzt. Der poetisch-erotische Witz des Sprechers definiert mit abenteuerlicher Chuzpe die Eigenwelt der Liebenden als eigentliche Welt. Sein Argument spielt virtuos mit allerlei poetischen Konventionen.

          So strahlt nach einem abgegriffenen Überbietungsvergleich der Petrarkisten die Schönheit ihrer Geliebten heller als die Sonne: Hier wird die Sonne schrittweise per Argument gedemütigt und degradiert. Die Vorgänger fanden im Antlitz ihrer Damen alle Kostbarkeiten der Welt vereint? Hier liegt das Indien der exotischen Gewürze mit dem westindischen Eldorado gemeinsam im Bett. Wenn bei Ovid und den Seinen der Besitz der Geliebten ein regnum oder Königreich genannt wird, so sind nun im neuen „Inbegriff“ der weiten Welt alle Herrscher und alle Reiche beisammen. Verglichen mit der Zweieinigkeit der jungen Liebenden, ist die einsame alte Sonne trostbedürftig.

          Die barocke Übersteigerung der Bilder setzt eine eigene Art von Ironie frei - ist das Ganze also nicht mehr als ein folgenlos witziges Sprachspiel? Zum Vergleich ein Blick auf ein themenverwandtes Gedicht von Ovid (Amores I, 13), ebenfalls eine ironische, zudem mythologisch unterfütterte Schmähung der aufgehenden Sonne durch ein Liebespaar. Am Ende wird die Sonne rot - doch der Tag bricht kein bisschen später an als sonst. Bei Donne kreist am Ende (geozentrisch, obwohl er seinen Kopernikus kennt) ein neuer Himmel um eine neue Erde, das Bett der Liebenden.

          Donnes Gedichte, 1633 postum veröffentlicht, sind notorisch schwer zu datieren. Hier gibt der Hinweis auf die Jagdleidenschaft Jakobs I. in der Auftaktstrophe den terminus post quem: der Sohn der Maria Stuart kam 1603 auf den Thron. Kurz zuvor hatte der Dichter durch eine heimliche Heirat mit Ann More, der Nichte seines hochmögenden Gönners, seine weltlichen Aussichten gründlich ruiniert, was ihn zum kürzesten aller englischen Gedichte inspirierte, dem Dreizeiler „John Donne / Ann Donne / Undone“. Der Weltverlust setzt die Liebe absolut. Nichts sonst hält stand - das Original sagt es noch absoluter: Nothing else is. Anmerkung des Übersetzers: Dichtung ist, was in der Übersetzung nicht verlorengeht.

          John Donne: „Der Sonnen-Aufgang“ / „The Sun Rising“

          Geschäftiger alter Narr, lästige Sonne,

          Was mußt du denn

          Durch Fenster und Bettvorhang nach uns spähn?

          Geht Liebeszeit nach deinem Stundenplane?

          Pedantischer, dreister Wicht, geh, scheuch

          Schul- und Lehrjungen aus dem Haus,

          Hof-Jägern meld des Königs Ausritt gleich,

          Die Landameisen treib zur Ernte aus!

          Liebe kennt keine Jahreszeit: sie bleibt - ,

          Noch Mond, Tag, Stunden - bloße Fetzen Zeit.

           

          Allmächtig sei dein Strahl, und hehr?

          Das glaubst nur du!

          Nacht schwärzt dich aus, schließ ich die Augen zu -

          Nur, daß ich ihren Anblick dann verlier.

          Und blendete ihr Aug nicht deins,

          Schau hin! Und morgen spät sag mir,

          Ob beider Indien Gold und Spezerein

          An ihrem Platz noch liegen oder hier.

          Frag nach den höchsten Herrschern, die du kennst,

          Und hör: dies Bett war ihre Residenz.

           

          Ich alle Herrscher, alle Reiche sie -

          Nichts sonst hält stand.

          Die Fürsten äffen uns; Titel sind Tand,

          Hiermit verglichen, Reichtum Alchimie.

          Du Sonne bist nur halb so froh

          Wie wir, des Weltalls Inbegriff:

          Alter braucht Ruhe. Ist dein A und O

          Die Welt wärmen? Wärm uns, und du bist quitt.

          Schein hier für uns, so scheinst du aller Welt:

          Der Raum die Kreisbahn, Zentrum sei dies Bett.

           

          Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels.

           

          ***

          Busy old fool, unruly Sun,

                  Why dost thou thus

          Through windows and through curtains call on us?

          Must to thy motions lovers' seasons run?

          Saucy pedantic wretch, go chide

          Late school-boys and sour prentices;

          Go, tell Court-huntsmen that the king will ride,

          Call country ants to harvest offices;

          Love, all alike, no season knows, nor clime,

          Nor hours, days, months, which are the rags of time.

           

          Thy beams so reverend and strong

                  Why shouldst thou think?

          I could eclipse and cloud them with a wink,

          But that I would not lose her sight so long.

          If her eyers have not blinded thine,

          Look, and tomorrow late, tell me,

          Whether both the Indias of spice and mine

          Be where thou left'st them, or lie here with me.

          Ask for those Kings whom thou saw'st yesterday,

          And thou shalt hear: all here in one bed lay.

           

          She is all States, and all Princes I –

                  Nothing else is.

          Princes do but play us; compared to this,

          All honour's mimic, all wealth alchemy.

          Thou, sun, art half as happy as we,

           In that's the world contracted thus;

          Thine age asks ease, and since thy duties be

          To warm the world, that's done in warming us.

          Shine here to us, and thou art everywhere:

          This bed thy centre is, these walls thy sphere.

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