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Frankfurter Anthologie : Johannes Bobrowski: „Immer zu benennen“

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Bild: F.A.Z., ullstein bild

Wie wird man den Dingen und vor allem dem östlichen Europa gerecht? Das war ein Hauptthema des in Tilsit geborenen Lyrikers Johannes Bobrowski. Sein Gedicht „Immer zu benennen“ gibt eine Antwort.

          2 Min.

          Johannes Bobrowski wurde 1917 in Tilsit geboren, er ging in Königsberg zur Schule, studierte Kunst in Berlin, war Gefreiter eines Nachrichtenregiments und bis 1949 russischer Kriegsgefangener. Er zog das Leben in der DDR dem im Westen vor, war Lyriker, Erzähler, Lektor. Bobrowski lehnte die deutsche Teilung ab. Zeit seines Lebens – er starb 1965, erst 48 Jahre alt – beschäftigten ihn auf literarischem Gebiet zwei, wie er sie nannte, „Generalthemen“: Geschichte und Geschichten der osteuropäischen Länder sowie die Fortführung einer auf der Kraft des poetischen Wortes gründenden Güte. Es ging ihm um Aussöhnung, eine vielfältige Balance, die beständig hinterfragt werden muss, will man ihr gerecht werden.

          Davon spricht sein Gedicht „Immer zu benennen“. Wie den Dingen gerecht werden, wie ihrer unbekannten Seite? Wer lehrt mich das? Was, wenn keiner es tut, nicht mal Gott, der gerechte?

          Eine Geschichte von Unglück und Vertreibung

          Bobrowski nimmt das 1961 geschriebene Gedicht in seinen Band „Schattenland Ströme“ auf, der wie schon „Sarmatische Zeit“ in West und Ost veröffentlicht wird, und setzt es ans Ende des letzten Kapitels. Dort geht es um Menschen und Orte in „Sarmatien“, um die poetische Wiederbelebung eines vergessenen Kosmos. Das riesige Gebiet östlich der Weichsel ist eine fantastische Projektionsfläche, Landschaft der ostpreußisch-memelländischen Kindheit Bobrowskis, Erinnerungsraum, sarmatischer Diwan: „Alter Hof in Wilna“, „Der Judenberg“, „Die Tomsker Straße“ – alles soll benannt sein.

          „Immer zu benennen“ umkreist innere und äußere Barrikaden der Vergegenwärtigung, es schafft den zur glaubhaften Ausgewogenheit nötigen Zweifel: „es ist/ein Spiel, ich bin bedenklich,/es möchte nicht enden/gerecht.“ Und Bobrowski löst sich mit dem Gedicht von seinem lange rein historischen Thema: Deutschland und der europäische Osten, für ihn eine „Geschichte von Unglück und Vertreibung seit den Tagen des Deutschen Ordens“. Klopstocks, Lenz‘ und Trakls Linie über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus fortführend, magischen Sound modernisierend, stellen die vier Strophen nun allgemein die Frage nach dem Verhältnis von Benenner und Benanntem, nach der Macht und den Grenzen der Sprache. Für Johannes Bobrowski ist Sprache „abgehetzt/mit dem müden Mund/auf dem endlosen Weg/zum Hause des Nachbarn“.

          Baum, Vogel, Fels, Strom, Fisch, Rauch, Wälder – die Reihung vom Einzelnen zur Gruppe, von Baum zu Wäldern, widerspricht Brecht, dem angesichts so vieler Untaten über Bäume zu reden fast ein Verbrechen schien. Bobrowski aber hält an Hölderlin fest: „Wachs und werde zum Wald! Eine beseeltere,/Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden/Sei die Sprache des Landes“. Noch sein letztes Gedicht „Das Wort Mensch“ schließt: „Wo Liebe nicht ist/sprich das Wort nicht aus.“

          Der Vers als Zauberspruch

          „Und wer lehrt mich/was ich vergaß“: Die zweite Hälfte von „Immer zu benennen“ fragt nach dem, was fehlt. Fehlt wozu? Und was ergänzt es? Den drei „Zeichen, Farben“ zu Beginn – rötlicher Fels, grüner Strom, weißer Rauch – entspricht die Aufzählung von schlafenden Steinen, Vögeln, Bäumen. Sie haben eine nicht zu ergründende, auch im Gedicht nicht benennbare Nachtseite: „wenn es dunkelt/über die Wälder herab“ – das stille Bild am Ende der ersten Strophe wird am Schluss der dritten zu Bewegung und Klang: „im Dunkel/geht ihre Rede“. Die rauschenden Bäume sprechen.

          Er habe ein ungebrochenes Vertrauen zur Wirksamkeit vielleicht nicht des Gedichts, schrieb Johannes Bobrowski, „sondern des Verses, der wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel wird werden müssen.“ Wie sich erste und dritte Strophe im ernsten Spiel der Bilder und Alliterationen verknüpfen, so auch die zweite und vierte. Das einzige für sich stehende Wort – „gerecht“ – findet seine Entsprechung am Schluss: Wäre er gerecht, der lebendige Gott? Die Antwort ist nicht allein Gottvertrauen. Sie liegt genauso im Maßvollen der Geduld, der Betrachtung, im Umhergehen.

          Immer zu benennen

          Immer zu benennen:

          den Baum, den Vogel im Flug,

          den rötlichen Fels, wo der Strom

          zieht, grün, und den Fisch

          im weißen Rauch, wenn es dunkelt

          über die Wälder herab.

           

          Zeichen, Farben, es ist

          ein Spiel, ich bin bedenklich,

          es möchte nicht enden

          gerecht.

           

          Und wer lehrt mich,

          was ich vergaß: der Steine

          Schlaf, den Schlaf

          der Vögel im Flug, der Bäume

          Schlaf, im Dunkel

          geht ihre Rede – ?

           

          Wär da ein Gott

          und im Fleisch,

          und könnte mich rufen, ich würd

          umhergehn, ich würd

          warten ein wenig.

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