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Frankfurter Anthologie : Johann Gottlieb Fichte: „Petrarka’s 63stes Sonett nach Laura’s Tode“

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Bild: F.A.Z.

Für seine Liebe zur Poesie war Fichte, der Zeitgenosse Goethes und Schillers, nicht gerade bekannt. Doch fand er in Petrarcas Versen seine eigene Philosophie wieder - und griff zur Feder.

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          Gibt es etwas weniger Lyrisches als ein Datum? Mit gutem Grund, so ist zu vermuten, hat der Übersetzer sich gerade dieser schweren Aufgabe gestellt. Zwar ist Johann Gottlieb Fichte für seine rhetorische Brillanz in seinen Reden und Vorlesungen bekannt, aber keineswegs für eine besondere Affinität zur Literatur. Allerdings hatte er während seiner Zeit in Jena nicht nur mit Goethe und Schiller Umgang, – über den Romantikerkreis um die Brüder Schlegel machte er sich mit der romantisch-romanischen Urform des Sonetts vertraut. In dieser im Jahr 1808 in Ferdinand von Schenkendorfs Sammlung „Studien“ gedruckten Übersetzung hält sich Fichte denn auch weitgehend an die von August Wilhelm Schlegel vorgegebenen Regeln: Die Quartette kommen, was im Deutschen eine große Schwierigkeit ist, mit nur zwei Reimen aus, und die Terzette folgen der Maßgabe ebenso wie die ausschließlich klingenden Kadenzen der fünfhebigen Jamben, die nur im Schlussvers des ersten Terzetts ins Holpern kommen.

          Warum aber, unter den durchaus überschaubaren lyrischen Versuchen des späteren Rektors der neugegründeten Berliner Universität, nun gerade dieses Gedicht? Petrarcas „Tornami a mente“ ist zwar ein Gedicht des Rückblicks, aber nicht in erster Linie eine elegische Totenklage. Es legt Zeugnis ab von der Kraft der Vergegenwärtigung, von der Macht der Imagination, denn vor dem inneren Auge des lyrischen Ichs zumindest erscheint die Geliebte als lebendig, als so präsent, dass selbst das am Ende unerbittlich eingeholte Bewusstsein ihres Todes verblassen konnte. Der nachträglich als bloßer Traum relativierte Gesprächscharakter dieser Begegnung, dass sie bald zu antworten, bald zu schweigen scheint, bestätigt sich zwar nicht auf der Ebene des gelebten Lebens, wohl aber auf der höheren Ebene einer Verständigung mit Lauras Seele. Das Gedicht ist ein Dialog über den Tod hinweg, die „deadline“ des 6. April 1348 verliert an Bedeutung und Eindeutigkeit, das Gedicht triumphiert über die Banalität seines Datums.

          Die Kraft der lyrischen Vergegenwärtigung

          Es kann somit für Fichte als eine Probe eines idealistischen Denkens gelten, bei dem es um die Frage gegangen ist, in welchem Verhältnis unsere Vorstellungen und die Objekte stehen: „in wiefern kann man sagen, daß denselben etwas, unabhängig von ihnen, und überhaupt von uns, außer uns entspreche?“.

          Im Sonett geht es freilich nicht um Philosophie, sondern um die zwischen Quartetten einerseits und Terzetten andererseits ausgetragene Spannung zwischen der Anwesenheit und Abwesenheit der Geliebten. Laura, Petrarcas idealisierte Adressatin, hatte er am Karfreitag 1327 kennengelernt und sie 21 Jahre später durch das Wüten der Pest verloren. Das Gedicht richtet sich in dieser Gleichzeitigkeit des Unmöglichen ein, es weiß am Ende um den Tod der Geliebten, um die Trennung von Leib und Seele, aber als Bild ist sie doch im Gemüt so fest verankert, dass kein Vergessen (Lethe im zweiten Vers) sie löschen kann, ja, ihre letztlich imaginäre Präsenz hat einen solchen Echtheitsanspruch, dass sie direkt angesprochen werden könnte.

          Wo das lyrische Ich den Irrtum eines Traumes sich eingestehen muss, ringt das denkende Ich darum, das „Nicht-Ich vom Ich abhängig zu machen“. Die von manchen literarischen Zeitgenossen wie Goethe oder Jean Paul ironisch aufgenommene „Tathandlung“ der Fichteschen „Wissenschaftslehre“ ist indes gleichwohl eine Entscheidung, die auch bei der Auswahl gerade dieses Sonetts für die Übersetzung eine Rolle gespielt hat. Denn, wie Fichte 1797 in der „Ersten Einleitung“ in sein System schreibt: „Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat“. Diese beseelte Lebendigkeit darf gleichzeitig für die idealistisch gedeutete Form des Sonetts wie auch für die Lebendigkeit der Erinnerung im ausgewählten Gedicht aus dem „Canzoniere“ reklamiert werden. Denn umgekehrt führt Fichte den Gedanken fort: „Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben“.

          Johann Gottlieb Fichte: „Petrarka’s 63stes Sonett nach Laura’s Tode“

          Sie tritt mir vor’s Gemüth (vielmehr ist drinne,

          Daß Lethe nicht vermag sie wegzuheben)

          Wie von den Strahlen ihres Sterns umgeben,

          Im Lenz des Lebens sie trat vor die Sinne;

           

          Des ersten Blickes ich ein Bild gewinne,

          So sittig, treu, gesammelt, gottergeben,

          Daß ich „sie ist’s“ mir sage, „ist am Leben“

          Und Frag‘ an sie und hold Gespräch beginne.

           

          Bald giebt sie Antwort, schweigt auch wohl; dann, siehe,

          Wie halb erwacht im Traum, den Irrthum webte,

          Sag‘ ich meinem Gemüth: du bist im Fehle,

           

          Tausend, dreihundert, acht und vierzig, frühe

          Ein Uhr, den sechsten des April, entschwebte

          Dem süßen Leibe ja die sel’ge Seele.

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